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Zeitgeschichte
Vater der portugiesischen Demokratie stirbt 92-jährig

Mario Soares im Jahr 1986: EU-Beitritt als grosser Erfolg. Keystone

Portugals früherer Präsident Mario Soares ist in Lissabon gestorben. Soares gehörte nach dem Ende der Diktatur über viele Jahre zu den prägenden Figuren des Landes.

Veröffentlicht am 07.01.2017

Portugals früherer Präsident Mario Soares ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Der Sozialist gilt als Vater der portugiesischen Demokratie. Er bekleidete jahrzehntelang führende Posten in Staat und Regierung.

Soares starb am Samstag im Alter von 92 Jahren, wie ein Spitalsprecher in Lissabon mitteilte. Der frühere Staatschef war Mitte Dezember in eine Klinik eingeliefert worden, nachdem sich sein Gesundheitszustand extrem verschlechtert hatte. An Heiligabend war er nach Angaben seiner Ärzte in ein tiefes Koma gefallen, aus dem er nicht mehr erwachte.

Entlassung der Afrika-Kolonien

Der politische Aufstieg von Soares begann nach dem Sturz der rechtsgerichteten Salazar-Diktatur in der Nelkenrevolution 1974. Von 1976 bis 1978 war der volkstümliche und rhetorisch begabte Politiker erstmals Ministerpräsident, zwischen 1983 und 1985 hatte er den Posten noch einmal inne.

Zu den grossen Themen dieser Zeit zählten die Entlassung der portugiesischen Afrika-Kolonien in die Unabhängigkeit und die Ausrichtung des Landes nach Westeuropa. Soares war federführend an Portugals Aufnahmeverhandlungen mit der Europäischen Gemeinschaft beteiligt, die schliesslich 1986 zum Beitritt führten.

Schlappe im Jahr 2006

Von 1986 bis 1996 war Soares während zwei Amtsperioden Portugals Präsident. Bei seiner Wiederwahl 1991 stimmten mehr als 70 Prozent der Wahlberechtigten für ihn. Als 80-Jähriger kandidierte er 2006 noch einmal für das Präsidentenamt, erlitt aber mit 14 Prozent eine enttäuschende Schlappe.

Nach der Niederlage zog er sich monatelang aus der Öffentlichkeit zurück, meldete sich dann aber immer wieder mit Kommentaren zum Zeitgeschehen zu Wort. Soares war ein scharfer Kritiker des Sparkurses, zu dem sich Portugal 2011 im Gegenzug für ein Rettungspaket der EU in der Schuldenkrise verpflichten musste. Der Sozialist beschuldigte andere europäische Länder, einem «Raubtierkapitalismus» verfallen zu sein.

Hinter Gittern geheiratet

Aufgewachsen war der 1924 geborene Soares in Gegnerschaft zur portugiesischen Diktatur. Sein Vater, ein ehemaliger katholischer Priester, war ein aktiver Diktaturgegner und verbüsste Jahre in Haft und im Exil.

Soares betätigte sich schon als Student der Philosophie und Rechtswissenschaften politisch und wurde mehrfach festgenommen. Seine Frau Maria, die 2015 im Alter von 90 Jahren starb, hatte er 1949 in Aljube hinter Gittern geheiratet. 1968 wurde Soares in die damals noch portugiesische Kolonie Sao Tomé in Afrika verbannt, 1970 ging er ins Exil nach Frankreich.

«Eine grosse Lust zu leben»

1973 gründete er in Deutschland mit politischen Weggefährten die Sozialistische Partei, deren erster Generalsekretär er wurde. Nach der Nelkenrevolution im April 1974 reiste Soares per Bahn heim nach Lissabon, wo ihn tausende Menschen mit Jubel empfingen. 1975 war er massgeblich daran beteiligt, einen kommunistischen Putschversuch abzuwehren.

Über sich selbst sagte Soares einmal: «Ich bin ein armer Mann, der das Glück hatte, Positionen zu beziehen und damit Recht zu haben.» Als seine Antriebskräfte nannte er «eine grosse Lust zu leben und eine immense Neugier».

(sda/gku)

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