Gut eine Woche nach dem Attentat auf den russischen Regierungskritiker Boris Nemzow hat ein Verdächtiger Gerichtsangaben zufolge seine Beteiligung an der Tat zugegeben. Die zuständige Richterin erließ am Sonntag Haftbefehl gegen den Mann, der Medien zufolge jahrelang in einer Polizeieinheit in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien diente. Er war am Samstag mit einem weiteren Mann im benachbarten Inguschetien gefasst worden. Insgesamt gab es fünf Festnahmen. Die Hintergründe der Todesschüsse sind unklar. Nemzows Vertraute forderten, auch die Drahtzieher dingfest zu machen.

Nicht alle Festgenommenen gestanden

Im Polizeigriff führten Beamte die Verdächtigen, darunter ein Brüderpaar, ins Gerichtsgebäude. Alle fünf müssen im Gefängnis bleiben, wie das Gericht entschied. Gegen zwei von ihnen wurde einer Gerichtssprecherin zufolge Haftbefehl erlassen. Dieser gelte bis zum 28. April. Nach Angaben von Richterin Natalia Muschnikowa leugnet der zweite Mann eine Verwicklung in die Tat. Im Fall des anderen Verdächtigen sei die Beweislast erdrückend gewesen, sagte die Richterin. Er habe die Tat zudem gestanden.

Der Mann habe rund zehn Jahre in einer Einheit des tschetschenischen Innenministeriums gearbeitet, meldeten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf die dortigen Behörden. Ob er dort zuletzt noch tätig war, ist unklar. Bürger aus dem überwiegend muslimischen und politisch instabilen Kaukasus im Süden Russlands waren auch in anderen Fällen - wie dem Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja - in Verdacht geraten.

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Im Fall Nemzow verfolgen die Ermittler nach eigenen Angaben mehrere Spuren, darunter einen Anschlag von Islamisten. Nemzow hatte sich hinter die französische Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" und ihre Mohammed-Karikaturen gestellt.

Klassische Sündenböcke?

Nemzow war in Russland einer der bekanntesten Kritiker Putins. Der 55-Jährige veröffentlichte mehrere Berichte, die die nach seiner Auffassung herrschenden Missstände unter Putin aufdecken sollten. Nach Informationen aus seinem Umfeld arbeitete er bis kurz vor seinem Tod an einem Bericht über die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt. Die russische Führung hat jegliche Verwicklung in das Attentat zurückgewiesen, wofür bisher auch niemand Beweise erbracht hat.

Anhänger Nemzows zeigten sich von den Festnahmen nicht überzeugt. Auch wenn die Verdächtigen den Mord begangen hätten, müssten ihre Auftraggeber ermittelt werden, sagte Ilja Jaschin, ein Mitstreiter Nemzows. "Wenn schon nach der Festnahme von Sündenböcken Schluss ist ... wird die Serie politischer Morde zweifellos anhalten."

(reuters/chb)