Noch vor drei Monaten galt Pierluigi Bersani als sicherer Sieger der Parlamentswahlen und als künftiger Premier Italiens mit Vorsprung gegenüber seinem Erzrivalen Silvio Berlusconi. Mit über drei Millionen Vorzugsstimmen war er zum Premierkandidaten des Mitte-links-Blocks gekürt worden. Und nun ist er in der Versenkung.

Nach Jahren auf den harten Bänken der Opposition hatte Bersani fest mit einem Wendepunkt in seiner politischen Karriere gerechnet und auf das Premieramt gehofft. Die Realität sieht anders aus.

Fast zwei Monate nach den Parlamentswahlen im Februar sitzt Mitte-links-Chef Pierluigi Bersani heute vor einem Scherbenhaufen. Sein Traum, zum Regierungschef Italiens aufzurücken, ist verraucht, seine «Demokratische Partei» liegt wegen interner Machtkämpfe in Trümmern.

Bei der seit Donnerstag laufenden Präsidentenwahl hat Bersani ein Debakel ohne gleichen erlitten, da die beiden Schwergewichte Franco Marini und Romano Prodi, die er um die Präsidentenwahl ins Rennen geschickt hatte, kläglich gescheitert sind.

Bersani sieht sich von Verrätern umgeben

Verraten von einem Viertel seiner Genossen, die bei der geheimen Wahl seine Kandidaten für das Präsidialamt boykottierten, kündigte Bersani in der Nacht seinen Rücktritt an. Er sieht sich als Opfer von Kräften, die die Partei vernichten wollten. Mit Bersani räumt auch die langjährige PD-Präsidentin Rosy Bindi das Feld. «Götterdämmerung in der Linken», kommentierten italienische Medien die verheerende Lage in Bersanis Lager.

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Einen politischen Fehler nach dem anderen hat Bersani in den letzten Wochen begangen. «Er ist ein derartiger Verlierer, dass er auf Platz Zwei landen würde, wenn er an einem Loser-Wettbewerb teilnehmen würde», spöttelten Bersanis Gegner im Internet.

Mangel an Charisma, sowie Unfähigkeit, die verschiedenen Strömungen in seinem Mitte-links-Block zusammen zu halten, sind dem Politiker mit der Halbglatze aus der «roten» Region Emilia Romagna zum Verhängnis geworden.

Auf keinen Fall mit Berlusconi

Hartnäckig hielt Bersani dem Druck seiner Parteikollegen Stand, die ihn zu einer grossen Koalition mit Berlusconi drängten, um einen Ausweg aus dem politischen Patt nach den Parlamentswahlen zu finden.

Der stolze Bersani weigerte sich aber stur, die Bildung einer Regierung mit seinem Erzrivalen zu bewilligen. Vergebens bemühte er sich um die Unterstützung der Protestbewegung «Fünf Sterne» für eine Minderheitsregierung unter seiner Führung.

Mit dem weit jüngeren Florentiner Bürgermeister Matteo Renzi an der Spitze steht ein beträchtlicher Teil der stärksten Einzelpartei im italienischen Parlament seit einiger Zeit gegen Bersani. Der 38-jährige Renzi, der den rechtsorientierteren PD-Flügel verkörpert, signalisiert schon seit Monaten seine Bereitschaft, das Ruder der Gruppierung zu übernehmen und dort einen tiefgreifenden Erneuerungsprozess in die Wege zu leiten.

«Verschrotter» Renzi in den Startlöchern

«Rottamatore» nennt sich Renzi, Verschrotter. Der selbst gewählte Spitzname passt zum früheren Pfadfinder, der klare Ideen hat. «Weil wir 40-Jährigen endlich an die Macht wollen, wird uns Arroganz vorgeworfen. Aber lieber arrogant sein als feige. Wir können nicht länger brav abwarten, bis uns die Älteren das Ruder überlassen», sagte er kürzlich.

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Nach Bersanis Rücktritt steht die PD vor einer ungewissen Zukunft. «Die PD existiert nicht mehr, unsere Partei ist wie Ex-Jugoslawien zusammengebrochen», kommentierte der PD-Politiker und Präsident der Region Toskana, Enrico Rossi.

«Kein Prodi, kein Bersani: Die PD hat sich aufgelöst. Aus der stärksten Einzelpartei sind vier oder fünf bedeutungslose Fraktionen entstanden», kommentierte die Tageszeitung «La Repubblica». Die Auswirkungen der dramatischen PD-Krise auf die Zukunft Italiens sind jedenfalls schwer absehbar.

(chb/sda)