Das Parlament in Kiew ernannte am Sonntag einen Vertrauten von Julia Timoschenko zum Übergangspräsidenten. Bis am 25. Mai ein neues Staatsoberhaupt gewählt wird, führt Olexander Turtschinow die Geschäfte. Turtschinow rief die Abgeordneten auf, sich bis Dienstag auf eine Regierung der nationalen Einheit zu einigen. Die Zeit drängt, da die Ukraine kurz vor dem Staatsbankrott steht. Russland drehte dem Land als Reaktion auf den Machtwechsel den Geldhahn ab und legte dringend benötigte Milliardenhilfen auf Eis. Die EU sagte der Ukraine zwar finanzielle Unterstützung zu, knüpft diese aber an Reformen der neuen Regierung in Kiew.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Timoschenko auf, sich um den Zusammenhalt der Opposition und die Einheit des Landes zu bemühen. Dabei solle sie auch auf die Menschen im Osten der Ukraine zugehen, sagte Merkel nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen in einem Telefonat mit der 53-Jährigen, die nach ihrer Rückkehr nach Kiew von der Menge auf dem Maidan mit Beifall wie auch mit Pfiffen empfangen worden war. Im Osten der Ukraine leben überwiegend Anhänger des am Samstag vom Parlament abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Über dessen Aufenthaltsort herrschte auch am Sonntag noch Ungewissheit. Janukowitsch wird in seiner Heimatstadt Donezk vermutet, wo er laut Interfax von der Grenzpolizei daran gehindert wurde, sich ins Ausland abzusetzen. Seine Amtsgeschäfte übernimmt bis auf weiteres der am Samstag zum Parlamentspräsidenten gewählte Turtschinow. Der 49-Jährige stammt ebenso wie Timoschenko aus Dnjepopetrowsk im Osten und ist stellvertretender Vorsitzender ihrer Vaterlandspartei.

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Timoschenko will nicht Regierungschefin werden

Timoschenko war am Samstag aus dem Haftkrankenhaus entlassen worden. Die frühere Gas-Magnatin gilt als charismatische Persönlichkeit, die die sehr unterschiedlichen Strömungen der Opposition einen könnte. Am Sonntag kündigte sie an, nicht für das Amt der Regierungschefin kandidieren zu wollen. Damit lässt sie die Möglichkeit offen, bei der Präsidentschaftswahl anzutreten. Als aussichtsreiche Ministerpräsidenten-Kandidaten gelten der frühere Aussenminister Arseni Jazenjuk und der Schokoladen-Milliardär Petro Poroschenko. Die Opposition hat den ukrainischen Bürgern Wirtschaftsreformen und eine engere Anbindung an die EU versprochen. Timoschenko sprach bei einem Auftritt vor den Massen auf dem Maidan-Platz sogar von einem Beitritt zur Europäischen Union, was allerdings nicht allzu rasch geschehen dürfte.

«In diesen Tagen ist die Bildung einer funktionierenden Regierung das wichtigste», betonte der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko am Sonntag. «Wir müssen bedeutende Schritte unternehmen, um das Überleben unserer Wirtschaft zu sichern, die sich in einem sehr schlechten Zustand befindet.»

IWF und USA stellen Hilfen in Aussicht

Ohne Unterstützung von aussen hat die Ukraine jedoch keine Chance: Dem hoch verschuldeten Land, das wirtschaftlich und in der Gasversorgung völlig von Russland abhängig ist, steht das Wasser bis zum Hals. Die USA und der Internationale Währungsfonds (IWF) stellten der Ukraine am Sonntag Hilfe zum Wiederaufbau der am Boden liegenden Wirtschaft in Aussicht.

In Zusammenarbeit mit anderen Ländern stehe Washington bereit, «die Ukraine bei der Rückkehr zu Demokratie, Stabilität und Wachstum zu unterstützen», sagte US-Finanzminister Jacob Lew am Sonntag beim G-20-Finanzministertreffen im australischen Sydney. IWF-Chefin Christine Lagarde äusserte sich ähnlich.

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Russland, dessen Schwarzmeerflotte auf der Krim ihren Heimathafen hat, legte nach dem Machtwechsel eine dringend benötigte Finanzspritze in Höhe von zwei Milliarden Dollar auf Eis. Die EU stellte der Ukraine daraufhin substanzielle finanzielle Unterstützung in Aussicht, sie stellt dafür aber Bedingungen. Die neue Führung müsse institutionelle und wirtschaftliche Reformen ernsthaft angehen, forderte Wirtschaftskommissar Olli Rehn in Sydney.

Juristische Verfolgung der Gewalttäter beginnt

In Kiew begann unterdessen die juristische Aufarbeitung der Gewalt auf dem Maidan. Der geschäftsführende Innenminister Arsen Awakow leitete Ermittlungen gegen 30 Beamte seines Ressorts wegen des Verdachts auf Machtmissbrauch ein, wie Interfax meldete. Parlamentsbeauftragte kündigten juristische Schritte gegen Mitglieder der alten Regierung und die Verantwortlichen für den Scharfschützeneinsatz auf dem Maidan an. Der neue Übergangschef des staatlichen Sicherheitsdienstes sagte zu, er werde mit den Vertretern des Maidan zusammenarbeiten, um die Mörder und ihre Auftraggeber zu stellen. Auf dem Platz im Stadtzentrum waren in bürgerkriegsähnlichen Schlachten vergangene Woche 82 Menschen getötet worden.

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Auch am Sonntag harrten Zehntausende Menschen auf dem Maidan aus. «Wir werden bis zum Schluss hierbleiben, bis es einen neuen Präsidenten gibt», kündigte der 23-jährige Bohdan Sachartschenko an. Vitali Servin sagte, die Demonstranten würden eine Spaltung ihres Landes nicht zulassen. Die Massenproteste auf dem Maidan hatten Ende vergangenen Jahres begonnen, als Janukowitsch sich von der EU abwandte, um sein Land näher an Russland anzubinden. Er begründete dies mit der Abhängigkeit unter anderem von billigeren Gaslieferungen aus Russland.

(reuters/moh)