Wie aus dem Nichts entstanden in Brasilien letzte Woche Massenproteste. Warum gerade jetzt?
Alexander Thoele*: Es mag so erscheinen. Doch die Gründe für die Proteste sind sehr konkret. Viele Brasilianer erleben gerade die grosse Desillusionierung was die Institutionen anbelangt. Die Korruption ist endemisch und ein Gefühl einer Stagnation macht sich breit. Zugleich wird für einen Grossteil der Bevölkerung das Leben immer teuerer. Auch die Steuerbelastung steigt, obwohl die Serviceleistungen des Staates nicht besser werden, sondern gleich schlecht sind wie früher.

Die letzten Jahre waren aber geprägt von einem beispiellosen Aufschwung. Warum ist die Jugend da unzufrieden?
Ja, die Wirtschaft wuchs. Doch die Jugend fühlt sich erdrückt von den Problemen. Sie ergreift nun die Gelegenheit zum Protest, wo die internationale Presse nach Brasilien schaut. Die Erhöhung der Preise der Busbillete war nur der Auslöser für die Demonstrationen im ganzen Lande.

Sie erwähnten die Korruption. Sie ist in Brasilien seit jeher präsent. Wie leidet die Bevölkerung denn darunter?
Die Korruption in ehemaligen Regierungen und auch der aktuellen lenkt immense Mittel ab, die am Ende fehlen, um grundlegende staatliche Dienstleistungen zu finanzieren – sei es die Sicherheit, die Bildung, die Gesundheit oder auch den Verkehr. Die Menschen müssen sich beispielsweise für viel Geld privat krankenversichern lassen, damit sie nicht in einem öffentlichen Spital sterben, in dem es selbst an Medikamenten und Apparaten fehlt. Zudem ist die Justiz schwach und korrupt und die politische Kaste pfelgt die Vetternwirtschaft. Das führt zu einer totalen Verzweiflung der Bevölkerung.

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Die Demonstrationen richten sich auch gegen die WM und Olympia in Brasilien. Sind die Leute nicht stolz auf diese Grossereignisse?
Die Mehrheit der Brasilianer ist stolz, dass ihr Land zum Austragungsort der beiden Grossereignisse auserkoren wurde. Doch in der Umsetzung der Projekte gibt es wenig Transparenz und auch vielUnvernunft. Teilweise wurden teure Stadien in Städten ohne grosse Fussballtradition gebaut – wo das Geld viel eher im Kampf gegen Armut, Gewalt und fehlende Bildung gebraucht würde. Die Demonstranten wollen aufzeigen, dass es auch in einem fussballverrückten Land wie Brasilien nicht angeht, Milliarden in Bauten zu stecken, während man nicht mal die Primarlehrer richtig bezahlt.

Wie kann Präsidentin Dilma Rousseff darauf reagieren?
Nach dem anfänglichen Schock und dem Versuch die Proteste zurückzudrängen begreift sie, dass die Demonstranten auf der Strasse durchaus einen Punkt haben. Sie muss jetzt einen richtigen Dialog mit der Gesellschaft über die richtigen Prioritäten einleiten. Die Schweizer sagten an der Urne Nein zu Olympischen Spielen. Vielleicht können sich nun die Brasilianer am Ende auch noch dazu äussern, ob das Geld wirklich so ausgegeben werden soll wie geplant.

* Alexander Thoele ist Brasilianer und Kournalist des portugiesischen Dienstes von Swissinfo.