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Kommentar
Vier Prozent bringen uns nicht um

Beat Balzli: Chefredaktor Handelszeitung.

Wie die Maus vor der Schlange starrt die Schweiz gebannt auf das Beben am Finanzplatz. Ja, der Steuerdeal mit den USA wird sehr teuer. Doch es geht hier nur um eine Branche. Die Schweiz überlebt das.

Von Beat Balzli
am 19.06.2013

Augenärzte nennen das Phänomen  Röhrengesichtsfeld. Damit wird die konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes auf einen zentralen Rest beschrieben – besser bekannt als Tunnelblick.

Die Schweizer Öffentlichkeit scheint gerade an einer ähnlichen Krankheit zu leiden. Wie die Maus vor der Schlange starrt ein Volk gebannt auf das Beben am Finanzplatz. Den Steuerstreit gibt es inzwischen in allen möglichen Varianten. Wahlweise kommen die Attacken aus den USA, Frankreich, Deutschland oder Brüssel. Zu den Angeschossenen gehört das Who is Who der hiesigen Finanzszene. Die toxischen Altlasten der Schwarzgeldindustrie werden freigelegt wie einst die heimlich entsorgten Giftfässer der Basler Chemie. 

Den Überblick über die Brandherde haben freilich die meisten längst verloren, vom Durchblick ganz zu schweigen. Selbst die Parlamentarier tappen nur noch ungelenk durch die hochkomplexen Dossiers. 

Volkswirtschaftliche Bedeutung der Banken wird überschätzt

Anschauungsunterricht liefert der US-Steuer-streit. Der Nationalrat wollte sich mit der «Lex USA» gar nicht erst befassen. Vielen war die Materie zu undurchsichtig und die Wahrscheinlichkeit eines gefährlichen Präjudizes zu gross. Die Politiker fühlen sich schlecht informiert, überfordert und wohl auch ein bisschen der Verzweiflung nahe. Die beinahe tragisch-komische «Erklärung» des Ständerates, die die Amerikaner besänftigen soll, spricht da Bände. 

Keiner weiss eine Antwort auf die Frage, wie hart die USA wo und wann als Nächstes zuschlagen. Der Fall Wegelin steckt allen noch in den Knochen. Jetzt wackeln in den düstersten Szenarien bereits Kantonalbanken. Eine Art Weltuntergangsstimmung macht sich breit. 

Eine Nation im Ausnahmezustand? Von wegen. Es geht hier nur um eine Branche. Ja, es wird zwar sehr teuer. Ja, es wird zwar sehr ungemütlich. Aber die Schweiz überlebt es. Die gefühlte Wichtigkeit der Banken liegt weit weg von der Realität. Die weltweit einmalige Verknüpfung der nationalen Identität mit dem Bankwesen gipfelt in einer hysterischen Überschätzung der volkswirtschaftlichen Bedeutung hiesiger Geldhäuser.  

Bei nüchterner Betrachtung sind es gerade mal 4 Prozent, die die Banken zum Bruttoinlandprodukt (BIP) beisteuern. Das fand jüngst die Konjunkturforschungsstelle Liechtenstein für die Jahre 2008 bis 2010 heraus, was für einiges Aufsehen sorgte – vor allem bei Bankenlobbyisten. Die hatten jahrelang mit deutlich höheren Prozentsätzen argumentiert. Gelegentlich addierten sie gar Äpfel und Birnen. Versicherungen gehören ja auch zum Finanzplatz, sagte man sich. Im Gegensatz zu den Banken blühen die allerdings prächtiger denn je.

Die restlichen 96 Prozent des BIP sollten nicht vergessen gehen

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ein wettbewerbsfähiger Bankenplatz ist wichtig für die Schweiz. Mit ein paar Postkonten alleine wäre der Aufstieg der heimischen Wirtschaft zum Global Player nicht zu schaffen gewesen. Zudem dürfte die aktuelle Krise noch viele ausserhalb der Branche schmerzen. Zum Beispiel bluten die Besitzer von Geschäftsimmobilien, denen die Banken als Mieter abhandenkommen. Von den Porsche-, Kunst- und Rolexhändlern wollen wir hier gar nicht reden – und von den Rosa-Ralph-Lauren-Hemden-Verkäufern sowieso nicht.

Aber bei aller – mitunter unangebrachten – Trauer um das verstorbene Bankgeheimnis sollten die gesunden 96 Prozent des BIP nicht vergessen gehen. In der Wirtschaftsgeschichte  der Schweiz steckten immer wieder wichtige Branchen im Tal der Tränen fest. Das restliche Land verkraftete es – dank genügend Flexibilität und Pragmatismus. Das alte Lied von den idealen Rahmenbedingungen ist moderner denn je. Diese dürfen nicht wackeln, sonst drohen wirklich unschöne Zeiten. Mit einem Tunnelblick sieht man solche Entwicklungen allerdings oft zu spät.

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