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Abstimmung
Wähler stehen Schlange in Afganistan

Wahlen in Afghanistan: Zum Teil mussten die Wähler stundenlang warten.   Keystone

Obwohl die Taliban mit Anschlägen drohten: Millionen Bürger sind in Afghanistan in die Wahllokale geströmt, um ihre Stimme für einen Nachfolger von Präsident Hamid Karsai abzugeben.

Veröffentlicht am 05.04.2014

Bei der Präsidentenwahl in Afghanistan sind trotz der erhöhten Anschlagsgefahr deutlich mehr Menschen an die Urnen geströmt als erwartet. In der Hauptstadt Kabul verlängerten am Samstag einige Wahllokale die Öffnungszeiten, andernorts bildeten sich Schlangen von mehreren hundert Männern und Frauen während den Behörden die Wahlzettel ausgingen.

«Mit einem solchen Andrang wurde nicht gerechnet», sagte Toryalai Wesa, Gourverneur von Kandahar, einer Hochburg der Taliban. Man sei von einer ähnlich geringen Teilnahme wie bei vergangenen Abstimmungen ausgegangen und habe daher zu wenig Wahlzettel gedruckt. Die Wahlkommission sprach nach ersten Schätzung von einer Beteiligung von fast 60 Prozent der zwölf Millionen Wahlberechtigten.

Stichwahl im Mai ist wahrscheinlich

Bei der Abstimmung soll ein Nachfolger für Präsident Hamid Karsai gewählt werden, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. Die radikal-islamischen Taliban hatten angekündigt, die Abstimmung mit Anschlägen zu begleiten. Die Gewalt hielt sich jedoch für die Verhältnisse in dem krisengeschüttelten Land zunächst in Grenzen.


Mit einem schnellen Ergebnis wird nicht gerechnet, eine Stichwahl im Mai ist so gut wie sicher. Als Favoriten gelten die früheren Minister Abdullah Abdullah, Aschraf Ghani und Salmai Rassul. Eine hohe Beteiligung mit einem weitgehend fairen Verlauf wäre vor allem für prowestliche Kräfte in Afghanistan eine gute Nachricht, die auf milliardenschwere Hilfen für das Land auch nach Abzug der Kampftruppen hoffen.

Wähler harren Stunden vor dem Wahllokal aus

Wähler in den Schlangen vor den Lokalen reagierten verärgert auf den Mangel an Stimmzetteln: «Ich stehe hier seit acht Uhr morgens, jetzt ist es halb zwölf und das Wahlkomittee sagt mir jetzt, ich soll zu einem anderen Lokal», schimpfte ein Mann aus der südlichen Region um Kandahar. «Einige hier haben ihre Stimmkarten zerrissen und weggeworfen.» Ein anderer aus der Gegend um Kabul sagte nach stundenlangem Warten: «Ich werde hier meines Wahlrechts beraubt und bin sehr unglücklich, dass ich an dieser historischen Abstimmung nicht teilnehmen kann.»


Für Afghanistan ist es der erste demokratische Machtwechsel in der Geschichte des Landes. Experten gehen davon aus, dass in der ersten Runde kein Kandidat eine Mehrheit von über 50 Prozent bekommt und damit eine Stichwahl am 28. Mai nötig wird. Das Endergebnis der ersten Runde soll am 7. Mai verkündet werden. Wegen der schwierigen Machtverhältnisse könnte es nach Einschätzung von Diplomaten bis Oktober dauern, ehe der neue Präsident sein Amt antritt.

Die Taliban hatten bereits im Vorfeld versucht, die Abstimmung mit Anschlägen zu verhindern. Dies zeigt, wie prekär die Lage auch 13 Jahre nach dem Einmarsch der US-geführten Truppen und dem Sturz der Taliban noch ist. Erst am Freitag war bei einem Angriff im Osten des Landes eine renommierte deutsche Kriegsfotografin getötet worden.

Bei einem Bombenanschlag in der Nähe eines Wahllokals in der südlichen Kleinstadt Kalat wurden den Behörden zufolge zwei Polizisten getötet und zwei weitere verletzt. Bei einer Explosion in der südöstlichen Provinz Logar wurden zudem vier Menschen teils schwer verletzt. Insgesamt blieb die Lage relativ ruhig. Mehr als 350´000 Soldaten und Sicherheitskräfte sind im Einsatz, um Anschläge zu verhindern. Rund um die Hauptstadt Kabul gibt es Absperrungen und Verkehrskontrollen.

Drei Favoriten im Rennen

Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier äusserte Respekt vor das Engagement der Menschen in Afghanistan. «Ich hoffe, dass die Wahl einen Ausgang nimmt, in dem ein Präsident in ganz Afghanistan akzeptiert wird. Und dass das die Voraussetzung dafür schafft, dass ab dem nächsten Jahr das Engagement der internationalen Gemeinschaft aufrechterhalten wird», erklärte der SPD-Politiker am Rande des EU-Aussenministertreffens in Athen. Die drei Favoriten der Wahl sind nach eigenen Worten dafür, dass auch nach dem Jahreswechsel ausländische Soldaten am Hindukusch stationiert bleiben.


Der Kampfeinsatz der Isaf endet 2014. Ein Folgeauftrag für 8000 bis 12´000 internationale Soldaten zur weiteren Ausbildung und Beratung der afghanischen Sicherheitskräfte steht auf der Kippe, da Karsai bislang ein Stationierungsabkommen nicht unterschrieben hat. Wenn der neue Präsident tatsächlich erst im Oktober ins Amt kommt, könnte die Zeit für die deutsche Regierung knapp werden, ein Bundestagsmandat für die 600 bis 800 Soldaten einzuholen, die vor Ort bleiben sollen. 

(reuters/me)

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