Bereits am Wochenende vor der Einigung am Eurogipfel entzündete sich der Unmut des Netzes über Deutschlands Vorgehen in der Griechenlandkrise unter dem Hashtag #ThisIsACoup. Am Tag danach zeichnen die Kommentarspalten wichtiger angelsächsischer Blätter ein teils noch deutlich drastischeres Bild.

Schwindender politischer Wille

Wolfgang Münchau von der «Financial Times» sieht die Eurozone gescheitert und damit auch das ambitiöseste Projekt der EU auf dem Weg zu einer politischen Gemeinschaft. Im Kommentar mit dem Titel «Griechenlands brutale Gläubiger haben das Projekt Eurozone zerstört» wird schnell klar, dass mit «brutale Gläubiger» hauptsächlich Deutschland gemeint ist. Für die Euroländer – mit Ausnahme von Deutschland – seien nicht wirtschaftliche Vorteile, sondern der Wille zum politischen Projekt für die Euro-Mitgliedschaft ausschlaggebend gewesen.

Das Verhalten Deutschlands – insbesondere die Idee des deutschen Finanzministers Schäuble vom zeitweisen Austritt Griechenlands aus dem Euro – sei ein Argumentationsmuster, das er bei künftigen Problemen wieder verwenden dürfte, glaubt der Kommentator. Der politische Wille der schwächeren Länder ist damit gebrochen, schreibt Münchau. Was bleibe, sei ein «utilitaristisches Projekt, in dem Mitgliedsstaaten kalt Nutzen und Kosten abwägen werden». Früher oder später sind demnach also Austritte aus der Eurozone zu erwarten.

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Austritt für Tsipras kein Druckmittel

Das renommierte «Wall Street Journal» ordnet die Ereignisse vom Montag bereits historisch ein als «eine der brutalsten diplomatischen Demarchen in der Geschichte der Europäischen Union». Marcus Walker sieht das politische Gebilde EU gefährdet durch den Widerspruch zwischen dem friedensstiftenden Ursprungsgedanken der EU (und ihrer Vorläufer) und dem gegenwärtigen Drohgebaren Deutschlands gegenüber Griechenland. Deutschland stelle Athen vor die Wahl zwischen «Gehorsam oder Vernichtung» – keine Art wie Verbündete miteinander umgehen.

Die Verhandlungsposition der griechischen Regierung um Tsipras schätzt der Kommentator zudem als denkbar schlecht ein. Denn ein selbstgewählter Austritt aus der Eurozone – die letzte Protestmöglichkeit Tsipras' gegen die harten Forderungen – würde von Deutschland wohl begrüsst.

Die «New York Times» wirft Deutschland vor, durch ihr Verhalten das Vehikel ihres eigenen Erfolgs zu zerstören. Deutschland sei dank der EU zu seiner heutigen Vormachtstellung in Europa gekommen. Nun bedrohe sie durch ihre harten Forderungen Griechenland gegenüber ebendiese EU. Roger Cohen stellt die Schlüsselfrage: «Ist die Dominanz Deutschlands mit der weiteren europäischen Integration vereinbar oder wird sie sich als brechende Kraft erweisen?». Die Frage steht im Raum: Hat die EU mit Deutschland ihr eigenes Ende herangezüchtet?

Die Eurofamilie hat sich als Kredithai entpuppt

Der englische «Guardian» benutzt die Analogie einer Familie mit Griechenland als kleines, unwissendes Kind, das belehrt werden muss. Deutschland mit Angela Merkel ist dabei tonangebend. Im Grundtenor deckt sich dieser Kommentar mit den vorhergehenden: Gefahr besteht nicht nur für den Euro, sondern auch für die EU.

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Kommentatorin Suzanne Moore meint: «Die Eurofamilie wurde als kreditwuchernendes Konglomerat enttarnt, das kein bisschen um Demokratie besorgt ist. Diese Familie betreibt Missbrauch. Diese 'Rettungsaktion', die als grausam-um-nett-zu-sein verkauft wird, ist nichts dieser Art. Sie ist nur grausam-um-grausam-zu-sein.» Die EU als Vorreiterin in Sachen Demokratie verliert ihre Glaubwürdigkeit (und Daseinsberechtigung), wenn sie gegenüber ihren Mitgliedsstaaten ihre demokratischen Werte nicht vertritt.

Keiner der Kommentatoren blickt zuversichtlich auf die weitere Entwicklung des politischen Gebildes EU, seit ihr ambitiösestes Projekt – die Währungsunion – gescheitert scheint. Und dafür wird Deutschland verantwortlich gemacht.