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Terror
Warum Brüder zu Terroristen werden

Brüssel, Paris, Boston: In viele islamistische Attentate der jüngeren Vergangenheit war ein Brüderpaar verstrickt. Das hat soziale und psychologische Gründe.

Veröffentlicht am 23.03.2016

Schon wieder hat ein Brüderpaar zugeschlagen. Der belgische Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw bestätigte am Mittwoch: Die beiden Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui sind als Selbstmordattentäter identifiziert. Ibrahim sprengte sich am Flughafen in die Luft, Khalid an der U-Bahn-Station Maelbeek im EU-Viertel. Wer der zweite Selbstmordattentäter vom Flughafen ist, bleibt zunächst unklar.

Die Gebrüder Khalid sind das jüngste Beispiel einer Reihe von Brüderpaaren in der jüngeren islamistischen Terrorgeschichte, wie eine Übersicht der deutschen Zeitung «Die Welt» zeigt. So waren die beiden Belgier Brahim und Salah Abdeslam an der Anschlagserie in Paris im vergangenen November massgeblich beteiligt. Brahim sprengte sich am Café Comptoir Voltaire in die Luft, sein jüngerer Bruder hatte den schwarzen Polo angemietet, mit dem die Attentäter zur Konzerthalle Bataclan fuhren und dort 89 Menschen ermordeten.

Brüderlicher Sturmlauf

Auch bei der Attacke auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» vom Januar 2015 war ein Brüderpaar beteiligt. Chérif und Saïd Kouachi erschossen bei ihrem Sturmlauf zwölf Menschen. Zuvor wurden sie in Paris radikalisiert und im Jemen in einem Ausbildungslager des Terrornetzwerkes al-Qaida ausgebildet worden.

Und auch in den USA haben zwei Brüder ein Blutbad angerichtet: Das Attentat auf den Boston-Marathon 2013 verübten Tamerlan und Dschochar Tsarnaev, die zehn Jahre zuvor mit ihrer Familie aus Tschetschenien in die USA eingewandert waren.

Der Jüngere eifert nach

In der Regel ist es so, dass der ältere den jüngeren Bruder «verführt». Das hat soziale und psychologische Gründe. Der ältere Bruder wird vom jüngeren sehr oft als Vorbild «vergöttert». «Radikalisierung spielt sich im engeren Umfeld ab», sagt der Terrorismusexperte Guido Steinberg von der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit der «Welt». «Es geht sehr stark um Vertrauen – und das Vertrauen ist nun einmal am grössten innerhalb der Familie.»

Rekrutierer und «Rekruten» stehen zumeist in sehr enger Verbindung zueinander, wenn nicht innerhalb der selben Familie, so kennen sie sich zumeist aus der Schule oder wohnen im gleichen Viertel. Bei Brüdern ist es oft so, dass der Nachgeborene dem Älteren nachstrebt, weil er zumeist der erfahrenere und im oft selben sozialen Umfeld anerkanntere ist. Es ist ein Phänomen, das auf das im Unterbewusstsein vorhandene Bedürfnis nach sozialer Übereinstimmung zurückzuführen ist. Besonders häufig ist es bei Zwillingsbrüdern zu beobachten.

Boston als klassischer Fall

Dieses Schema zeigte sich besonders bei den Boston-Attentätern: Der ältere, Tamerlan, radikalisierte sich und zog seinen sieben Jahre jüngeren Bruder mit. Tamerlan starb später bei einem Feuergefecht mit der Polizei, Dschochar wurde gefasst und zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils steht noch aus.

Dschochar war eigentlich ein strebsamer junger Mann. Er integrierte sich gut in die US-Gesellschaft, lernte Englisch so schnell, dass er in der Primarschule eine Klasse überspringen konnte. Das Gymnasium schloss er als Kapitän der Ringermannschaft und mit einem Stipendium ab. Er studierte an der University of Massachusetts in Dartmouth Meeresbiologie. Dann kam Tamerlan – ein gescheiterter Boxer mit viel Hass im Herzen.

(ise)

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