In einer mit Spannung erwarteten Richtungswahl hat die Südkaukasusrepublik Georgien über ein neues Parlament abgestimmt. Das Land am Schwarzen Meer strebt eine Annäherung an die EU und die Nato an und hat seit einem Krieg 2008 ein zerrüttetes Verhältnis zum Nachbarn Russland.

«Ich habe für eine stabile, friedliche, demokratische und europäische Entwicklung Georgiens gestimmt», sagte Regierungschef Giorgi Kwirikaschwili am Samstag. Seine linksliberale Partei Georgischer Traum (GD) hofft auf eine Bestätigung ihres EU- und Reformkurses. Laut Experten sind jedoch viele Georgier enttäuscht. Vor allem Menschen mit geringeren Einkommen hatten mehr Wachstum und Jobs erwartet.

Saakaschwilis Leute wollen an die Macht zurück

Die liberale Partei Vereinte Nationale Bewegung (UNM) will nach vier Jahren Opposition zurück an die Macht. Sie gilt weiterhin als Stütze des früheren Präsidenten Michail Saakaschwili, der seit 2014 wegen Amtsmissbrauchs per Haftbefehl gesucht wird und in der Ukraine lebt. Saakaschwili und der UNM wurde in den letzten Jahren ihrer Regierung eine autoritäre Führung vorgeworfen.

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Experten erwarten ein knappes Rennen zwischen GD und UNM. Die Beteiligung lag nach Angaben der Wahlkommission am Samstagmittag bei rund 20 Prozent der 3,5 Millionen Stimmberechtigten. Beobachter in der Hauptstadt Tiflis berichteten von langen Schlangen vor Wahllokalen. Bei rund 25 Grad Celsius und Sonnenschein warteten manche eine halbe Stunde, bis sie an der Reihe waren.

350 Beobachter

Eine Mindestbeteiligung ist nicht vorgesehen, damit die Wahl gültig ist. Von 150 Parlamentssitzen werden 77 per Listenwahl vergeben, die übrigen 73 per Direktmandat. Bei der Wahl 2012 lag die Beteiligung bei 62 Prozent. Sie hatte zum ersten friedlichen Machtwechsel seit der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion 1991 geführt.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat rund 350 Beobachter nach Georgien entsandt. Für Sonntagnachmittag hat die OSZE eine erste Bewertung des Wahlablaufs angekündigt.

Gouverneur in der Ukraine

Die Stimmung im Wahlkampf war aufgeheizt. Vereinzelt gab es Attacken auf Kandidaten. Saakaschwili hatte trotz einer drohenden Verhaftung eine Rückkehr in seine Heimat angekündigt. Am Sonntag ruderte er jedoch zurück.

«Egal wie die Wahlen ausgehen, ich plane nicht, die Ukraine zu verlassen», sagte er laut der Agentur IPN. Saakaschwili ist derzeit Gouverneur des Gebietes Odessa im Süden der Ukraine. Einen Besuch in Georgien schloss er jedoch nicht aus.

(sda/gku)