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Gripen
Warum Saab die Schweiz gewinnen muss

Ein Nein der Schweiz zum neuen Kampfjet Gripen könnte auch Schweden zum Rückzug der Bestellung bringen. Doch die Verantwortlichen geben sich gelassen, wie ein Besuch in der Fabrik in Linköping zeigt.

Von Tobias Keller aus Linköping
am 03.06.2013

Der Morgen meldet sich früh in Linköping. Schon vor fünf Uhr ist es hell. Vier Stunden später leuchtet die Sonne dann bereits richtig grell. Ihr Licht fällt auf ein ausrangiertes Saab-Kampfflugzeug, das als Dekoration eines Verkehrskreisels ankündigt, dass hier im Quartier Västra Böckestad Hochtechnologie produziert wird. Am Ende der Strasse ragen grosse Fabrikhallen in den blauen Morgenhimmel, auf denen das Saab-Logo prangt.

Das Gelände mit eigener Landebahn ist so gross wie die ganze Altstadt. Hier wurden früher Eisenbahnwaggons gebaut, heute baut die Fabrik Kampfflugzeuge. Auch der Gripen für die Schweizer Armee soll dereinst hier gefertigt werden. 2500 Menschen arbeiten auf dem Areal hinter dem Hauptbahnhof der fünftgrössten schwedischen Stadt mit 145'000 Einwohnern.

Vom Weltkriegsbomber zum Nato-Jet

Seit rund 70 Jahren wird hier schwedische Kampfflugzeuggeschichte geschrieben. Begonnen hat es 1938 mit dem Saab B-17. Das Modell entstand aus der Not, weil sich Schweden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem Weltmarkt keine Flugzeuge beschaffen konnte. Die exponierte Lage während des Kalten Krieges liess Saab immer wichtiger werden. Noch 1987 waren in 15 Minuten Flugdistanz östlich über 4200 Kampfjets des Warschauer Paktes stationiert. Eine starke Luftwaffe wurde zur Notwendigkeit. Dieses aufgebaute Knhow soll nun auch in das neue Saab-Modell-Gripen E/F einfliessen, einem der besten Multi-Rollen-Konzept Kampfflugzeuge auf dem Weltmarkt, wie ein Werbeprospekt festhält.

Vor dem Eingang zu Saab stehen in schwarz gekleidete breitschultrige Schweden mit deutschem Schäferhund. Locker und freundlich begrüssen sie die ankommenden Mitarbeiter und Gäste. Unkompliziert öffnet sich danach die Türe zum Gripen-Werk für den Reporter von handelszeitung.ch.

Viel Handarbeit

Es ist keine lärmige, ölverschmierte Werkstatt, die den Besucher erwartet, sondern vielmehr ein lichtdurchflutetes, stilles und extrem sauberes Labyrinth aus Gerüsten, Schläuchen und Lagerboxen. Die Ruhe wird nur durch das Einschlagen der Nieten in das Skelett, aus dem einst ein Kampfjet wird gestört. Hier wird der Gripen JAS gebaut. Die Zusatzbezeichnung JAS steht für Jakt, Attack och Spaning - Jagd, Angriff und Aufklärung.

Von Fliessband und Roboterschweissapparten ist hier keine Spur zu sehen. Handarbeit ist angesagt und viel Hightech. 24 Tage befindet sich ein Flugzeug in einer Station, dann wandert es weiter. Jeder Handgriff sitzt. Entsprechend stolz sind die Mitarbeitenden auf ihr Produkt. Ruhig, genau und bedächtig werden hier derzeit die Gripen für die schwedische Luftwaffe gebaut. Die Personalfluktuation ist gering. «Unter fünf Jahren geht keiner», erzählen die Vorarbeiter. Viele sind schon Jahrzehnte dabei und haben Hunderte von Kampfjets gebaut. Für sie ist der Jet Stolz und täglich Bort zugleich.

Nicht überlebenswichtig

Das betont auch Lennart Sindahl, Verantwortlicher der Flugzeugsparte bei Saab. Er unterstreicht die Erfahrung seiner Ingenieure und Mechaniker: «Seit 1982 haben wir den Gripen und wir entwickeln nun die dritte Generation. Wir haben die Erfahrung der Übergänge von einer Generation in die nächste.»

Nun liegt die ganze Hoffnung der Arbeiter auf der Schweiz. Für Chef Sindahl ist eines klar: «Das Flugzeug wird im Sommer 2018 in der Schweiz sein». Die Unwägbarkeiten des helvetischen politischen Systems blendet er zumindest im Gespräch aus. Doch für Saab ist das Geschäft mit der Schweiz wichtig, aber «nicht überlebenswichtig», wie betont wird. Bis 2023 rechnet man bei Saab mit 82 verkauften Gripen E und schwarzen Zahlen. Verzichtet die Schweiz auf die Beschaffung von 22 Flugzeugen, sei das schade, aber verkraftbar. «Es bringt uns nicht in die roten Zahlen, ganz sicher nicht.»

Schweden wartet auf Schweizer Volksentscheid

Ein Damoklesschwert hängt aber über dem Projekt. Das schwedische Parlament behielt sich eine Ausstiegsklausel vor. Sollte die Schweiz bis 2014 den Flieger doch nicht kaufen, darf auch Schweden seine Bestellung von 60 Fliegern stornieren. «Sollte die Schweizer Bevölkerung das Gripen-Geschäft kippen, wird es auch hier in Schweden zu solchen Diskussionen kommen», ist sich Sindahl bewusst.

Doch er ist zuversichtlich. Denn schliesslich ist das Sicherheitsdenken der Schweden aus historischen Gründen anders geprägt. «Schweden braucht am Schluss für die eigene Sicherheit 60 bis 80 Gripen E», ist Sindahl überzeugt.

Hoffung auf der Schweiz

Die Mechaniker Jörgen Gustafsson und Christer Palmborg hoffen, dass der Deal mit der Schweiz bald in trockenen Tüchern ist. Beide verfolgen den Prozess in der Schweiz regelmässig – und aufmerksam. Schliesslich hängen Jobs und auch der Firmen-Stolz an der Schweizer Gripen-Bestellung. «Der Gripen ist für ein Drittel des Umsatzes der Saab Gruppe verantwortlich», fügt ihr Chef Sindahl an.

Nun öffnet sich eine grosse Tür – und dahinter steht auf einem blitzblanken weissen Boden der Gripen E/F: flugbereit, regungslos, grau. Laut wird es erst auf der Startbahn, wenn der «Vogel Greif» in den blauen schwedischen Himmel entschwindet. Am Boden stehen die Verantwortlichen und hoffen, dass ihr Vogel einst mit dem Schweizerkreuz am Heck vor der Alpen-Kulisse umherfliegen wird.

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