Der Ausländeranteil der Erwerbstätigen ist laut Statistik innert zehn Jahren von 22 bis 26 Prozent gestiegen. Ist das viel?
Michael Siegenthaler: Ja, das zeigt eine bedeutende Arbeitseinwanderung in die Schweiz, auch im internationalen Vergleich. Diese Zahl wäre noch höher, wenn man die in­zwischen eingebürgerten Arbeitnehmenden hinzu zählen würde.

Wir sind ein Im­migrationsland und können uns eigentlich darüber freuen, denn die Immigration spiegelt das starke Stellenwachstum im Schweizer Arbeitsmarkt. Es gab auch schon Zeiten, da waren Schweizerinnen und Schweizer gezwungen, ­wegen fehlender Arbeit auszuwandern.

Ist der Arbeitsmarkt abhängig von ­ausländischer Einwanderung?
Unbestritten, ja.

«Die meisten Arbeitseinwanderer sind komplementär zu ansässigen Arbeitskräften.»

Ist das gut für die Wirtschaft?
Sie zeigt den wirtschaftlichen Erfolg dieses Landes. Ohne Zuwanderung könnte die Beschäftigung nie in diesem Ausmass wachsen. Für ein Land ohne Geburtenüberschuss gibt es nur zwei Möglich­keiten, zu Beschäftigungswachstum zu kommen: Die ansässigen potenziellen ­Arbeitskräfte arbeiten mehr – oder auslän­dische Arbeitnehmende kommen ins Land.

Die Schweiz hat beides getan: Historisch gesehen wurde der Bedarf nach neuen Arbeitskräften ungefähr zu drei Vierteln durch Zuwanderung und zu ­einem Viertel durch die Ausschöpfung ­inländischer Leute gedeckt. Die meisten Arbeitseinwanderer sind komplementär zu ansässigen Arbeitskräften. Das heisst, sie konkurrenzieren einander nur wenig.

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Ein Beispiel?
Welcher Ansässige würde im Hochsommer eine Strasse teeren? Dafür sind sich viele Schweizerinnen und Schweizer zu schade. Ähnliches gilt für viele Jobs in der Reinigung oder im Gastgewerbe.

Solche Arbeitseinwanderer sind zwar tiefqualifiziert, aber nehmen Schweizern keinen Job weg, weil die meisten diese Jobs gar nicht wirklich wollen – deshalb sind sie komplementär

Einige Branche stechen beim Boom des Ausländeranteils hervor, etwa die ­Immobilienbranche sowie spezifische Dienstleistungen wie Reinigung, Gartenbau, Sekretariat, Fundraising, Callcenter, Messe, Inkasso, Leasing, Temporär­branche, Reisebüros und Sicherheitsdienst. Dort ist der Anteil in zehn Jahren von 29 auf 36 Prozent gestiegen. Warum?
Für die Immobilienbranche habe ich keine Erklärung, für die anderen erwähnten Branchen gilt das Gleiche: Die Zuwandernden ergänzen das Angebot an inlän­dischen Arbeitskräften meist. In diesen Branchen gibt es viele körperlich anstrengende, zum Teil sogar mühsame Jobs, die nicht so gut bezahlt sind.

Was nicht für die Branche der Freiberufler gilt – also für Anwältinnen, Steuerberater, Wirtschaftsprüferinnen, Architekten und ­Ingenieurinnen, bei denen sich der ­Ausländeranteil von 20 auf 25 Prozent ­erhöht hat. Warum?
Auch hier fehlen in einigen Bereichen ­genügend Inländerinnen und Inländer, aber es kommt hier teilweise auch zur konkur­renzierenden Zuwanderung. Die Fälle Schweizer versus Ausländer gibt es also. Der Hauptgrund für diese Einwanderung ist der Erfolg dieser Branchen. Sie sind in den letzten zwanzig Jahren stark gewachsen, ihr Bedarf nach Arbeitskräften aus dem Ausland war deshalb gross. Umgekehrt gilt das Gleiche: Stagnierende Branchen ziehen keine Ausländer nach, so etwa in der Industrie.

Den MEM-Branchen (Maschinen, Elektro und Metall) ist es in den letzten zehn Jahren nicht so gut ergangen, deshalb wanderten auch we­niger Ausländer in diese Branchen ein.

Michael Siegenthaler

Funktion: Leiter Arbeitsmarkt, KOF
Alter: 35
Wohnort: Zürich
Familie: in Partnerschaft, ein Kind
Ausbildung: Geschichte und Wirtschaft Uni Bern, Doktorat an der ETH, Gastprofessor an der University of California in Berkeley.

Die ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) betreibt seit 1938 Wirtschaftsforschung an der ETH im Auftrag des Bundes und von Privaten. Schwerpunkte sind die hiesige Konjunktur, Einflüsse des Auslands sowie der Strukturwandel. Den Betrieb mit sechzig Leuten finanziert neben der ETH auch ein Förderverein. Leiter ist Jan-Egbert Sturm.

Produziert Arbeitseinwanderung zusätzliche Arbeitseinwanderung?
Das ist so. Mehr zugewanderte Arbeitskräfte verlangen nach mehr Wohnungen, die gebaut werden müssen. Es braucht auch mehr Reinigungskräfte. Mehr öffentlicher Verkehr verlangt nach mehr Tramführern und Zugbegleiterinnen. Mehr Kinder heisst mehr Lehrpersonen.

Diese Effekte sind bei Hochqualifizierten besonders gross, weil sie viel verdienen. Es ist ein Irrglaube, dass man die Einwan­derung von Hochqualifizierten fördern könne, ohne eine Nachfrage nach Niedrigqualifizierten zu provozieren.

«In der Schweiz geht oft vergessen, dass ein ­wirtschaftliches Breitenwachstum viele ­berufliche Chancen gewährt.»

 

Japan hat wenig Einwanderung und die Bevölkerung schrumpft. Was lernt man vom dortigen Arbeitsmarkt?
Das Land ist wirtschaftlich ein negatives Beispiel, zumindest in der Aussenwahrnehmung. Zwar wächst die Produktivität, was gut ist, aber das Wirtschaftswachstum kommt dennoch nicht recht vom Fleck, eben weil die Bevölkerung schrumpft.

Dort gilt das Umgekehrte: Weniger Leute brauchen weniger ÖV, sie gehen seltener in Läden, es braucht weniger Schwimmlehrer und so weiter. Dort befindet sich die Wirtschaft gefühlt im Niedergang.

In der Schweiz geht oft vergessen, dass ein ­wirtschaftliches Breitenwachstum viele ­berufliche Chancen gewährt, gerade für schlechter qualifizierte Personen, die oft Jobs haben, die wenig vom Produktivitätswachstum profitieren.

Mehr über die Konjunkturforschung an der ETH

  • Vier Gründe, warum sich die Schweizer Wirtschaft nur zögerlich erholt. Mehr hier. 
  • KOF-Barometer: Die Ökonomen der ETH erwarten eine leichte Erholung. Mehr hier.

Wird der Anteil der ausländischen ­Erwerbstätigen nach der Aufkündigung der Personenfreizügigkeit sinken?
Sinken nicht, einfach weniger wachsen. Aber klar: Als die Personenfreizügigkeit eingeführt wurde, erhöhte sich die Zuwanderung. Wir fanden heraus, dass etwa ein Viertel der Einwanderung seit 2002 auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen ist.

Deshalb könnte eine Kündigung zu weniger Einwanderung führen. Aber man sollte sich nichts vormachen. Früher hatten wir bereits ein Kontingentsystem, und dieses kann beides produzieren: eine grosse oder kle­inere Einwanderung – das zeigt sich historisch.

Die Schweiz erlebte auch mit dem Kontingentsystem sehr hohe Einwanderungsraten, weil die Kantone die Kontingente flexibel interpretierten, wenn die Wirtschaft genug laut nach Fachkräften rief.

Was bewirkt ein eingeschränkter Familiennachzug für ausländische Arbeitnehmende?
Er fördert insbesondere die Einwanderung der Niedrigqualifizierten, die vor ­allem zum Geldverdienen hierherkommen und das Geld in ihre Heimat zurücksenden.

Für Hochqualifizierte ist die Einschränkung des Familiennachzugs ein wichtiger Faktor, um nicht zu kommen. Die Gefahr ist also, dass mit einer Einschränkung des Familiennachzugs jene, die man gerne hätte, nicht mehr kommen.

Podcast Tipp

Corona hat uns fest im Griff. Was erwartet uns in den kommenden Monaten? Können wir uns abermals einen Lockdown leisten?

Kennen Sie die Vor- und Nachteile einer kontingentierten Arbeitseinwanderung? Oft gelobt wird Australien.
Ich kenne das System nur aus der Ferne. Klar ist, dass eine Bewilligung zu bekommen dort lange dauert. Für kurzfristige Arbeitseinsätze ist dieses System daher oft unbrauchbar.

Interessant ist: In Kanada sind Einwanderer im ersten Jahr oft ohne Job, was neue Probleme nach sich zieht. Das liegt daran, dass die Vergabe der Aufenthaltsbewil­ligung lange dauert und viele Punkte für Aspekte vergeben werden, die nicht viel mit der Arbeitsmarktfähigkeit zu tun haben.

In die Schweiz kommen die meisten EU-Bürger, weil sie eine Stelle gefunden haben. Deren Beschäftigungsrate ist im ersten Aufenthaltsjahr sehr hoch. Ausländische Wissenschafter sagen mir auf Konfe­renzen: «Eure Zuwanderungsstruktur ist optimal. Wir beneiden euch darum.»

Würde die Zahl der Grenzgängerinnen und Grenzgänger reduziert werden?
Was mit ihnen passiert, ist eine offene Frage. Klar ist, dass Firmen Grenzgänger seit der Personenfreizügigkeit einfacher rekrutieren konnten. Schafft man dieses Regime ab, würde deren Zahl wohl weniger stark wachsen.  

Würde die Zahl der Aufträge im Entsende­wesen (Aufträge von EU-Firmen in der Schweiz) reduziert werden?
Das Entsendewesen ist vor allem im Baugewerbe von Bedeutung. Dort könnte es in den letzten Jahren auch zu einem gewissen Lohndruck durch entsendete EU-Firmen gekommen sein.

Doch wissenschaftlich untersucht hat dies keiner. Aber: Ein italienischer Handwerker ist natürlich günstiger als ein Schweizer Handwerker, trotz den flankierenden Massnahmen. Dieser Lohndruck könnte wegfallen, je nachdem, wie mit dem ­Entsendewesen umgegangen wird.

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