Einen Tag nach dem mutmasslichen Abschuss eines malaysischen Passagierflugzeugs über der Ukraine laufen die internationalen Bemühungen um Aufklärung auf Hochtouren. Der russische Präsident Wladimir Putin schloss sich Forderungen seines US-Kollegen Barack Obama und führender europäischer Politiker, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, nach einer unabhängigen Untersuchung an. Laut amerikanischen Geheimdienstquellen sei es «hoch wahrscheinlich», dass die Maschine von pro-russischen Separatisten abgeschossen wurde.

Prorussische Separatisten sagten nach Angaben der OSZE Experten den Zugang zur Absturzstelle unweit der Rebellenhochburg Donezk zu. Die malaysische Regierung kündigte an, ein 62-köpfiges Aufklärungsteam zu entsenden. Die Regierung in Kiew sperrte den Luftraum über der Konfliktzone.

Forderung nach Waffenstillstand

Der ukrainische Präsident Poroschenko sprach von einem «terroristischen Akt». Er warf den prorussischen Separatisten vor, die Boeing der Malaysia Airlines mit einer Rakete abgeschossen zu haben - wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Die Aufständischen dementierten, für den Absturz der Boeing 777-200 verantwortlich zu sein und machten die Ukraine verantwortlich.

«Es geht jetzt darum, dass schnellstmöglich eine unabhängige Untersuchung eingeleitet wird», sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin: «Dazu ist ein Waffenstillstand notwendig.» Es gebe sehr viele Indizien, die für einen Abschuss sprächen, fügte sie hinzu.

Schwierige Bedingungen für Bergungskräfte

Die Bedingungen für die Bergungskräfte sind äusserst schwierig. Ein Mitarbeiter der Rettungskräfte sagte, Trümmerteile seien auf über 15 Kilometern verstreut. Hundert Leichen seien bislang geborgen. Reuters-Journalisten sahen Dutzende Tote und Reste des Flugzeugs auf Feldern in der Nähe des Dorfs Hrabowe. Improvisierte weiße Fähnchen markierten die Stellen, an denen Leichen gefunden wurden.

Die zwei Flugschreiber wurden gefunden, aber es war unklar, wer die Daten auswertet, da sich die Absturzstelle in einem Gebiet befindet, das von Rebellen kontrolliert wird. Separatisten sagten, sie hätten einen der beiden Flugschreiber in ihrem Besitz. Die andere sogenannte Black Box entdeckten Rettungskräfte. Als zusätzlich problematisch könnte sich erweisen, dass Dorfbewohner Trümmerteile entfernten, offenbar als Souvenirs. Gerade am Zustand des Metalls könnte sich ablesen lassen, ob das Flugzeug tatsächlich von einer Rakete getroffen wurde.

Die Maschine sei «vom Himmel geholt worden»

Das über der Ukraine abgestürzte Passagierflugzeug sei nach Worten von US-Vizepräsident Joe Biden «offenbar» abgeschossen worden. Der Crash sei sei «kein Unfall», die Maschine mit fast 300 Menschen an Bord sei «vom Himmel geholt worden», sagte er.

Biden machte diese Aussagen nach Angaben des TV-Senders MSNBC in Detroit. Die Nachrichtenagentur AFP erfuhr aus Regierungskreisen in Washington ebenfalls, dass US-Geheimdienstexperten offenbar «stark» davon ausgehen, dass die Maschine von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde.

Obama spricht mit Poroschenko

US-Präsident Barack Obama forderte eine internationale Untersuchung der Ursache für den Absturz über der von Rebellen kontrollierten Region in der Ostukraine. In einem Telefonat mit Poroschenko sagte er, am Ort des Absturzes dürfe nichts verändert werden, bis internationale Experten «alle Aspekte der Tragödie» untersuchen können.

Zugleich sicherte der US-Präsident sofortige Hilfe von US-Experten zu, wie das Weisse Haus weiter mitteilte. Auch Bundespräsident Didier Burkhalter verlangte in seiner Funktion als OSZE-Präsident eine internationale Untersuchung.

Die Separatisten boten am Abend eine befristete Feuerpause während der Bergungsarbeiten an. Zudem sicherten sie Einsatzkräften und Ermittlern freien Zugang zum Wrack zu, wie die OSZE in Wien mitteilte.

Ungesicherte Angaben

Die USA gehen nach Angaben aus Geheimdienstkreisen davon aus, dass eine Boden-Luft-Rakete abgefeuert wurde. Die Regierung in Washington gehe stark davon aus, dass die Maschine von den Separatisten angegriffen worden sei, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen nicht genannten US-Regierungsvertreter. Es gebe keinerlei Hinweise, dass die ukrainischen Streitkräfte eine Rakete auf die Boeing abgefeuert hätten.

Die ukrainischen Geheimdienste warfen Russland derweil eine Verwicklung in den Abschuss der Passagiermaschine vor. Der Chef der sogenannten Staatssicherheit, Walentyn Naliwaischenko, präsentierte auf einer Pressekonferenz Audiomitschnitte und Videomaterial. Diese sollten eine Kommunikation zwischen den Rebellen in der Ukraine und russischen Geheimdienstmitarbeitern dokumentieren.

Separatisten im Verdacht

Die Gespräche, die der US-Sender CNN in englischer Übersetzung veröffentlichte, sollen sich rund um den Abschuss der Maschine drehen. Demnach sprechen die Stimmen darüber, dass ein Passagierjet abgeschossen worden sei. US-Medien berichteten zudem über den später wieder gelöschten Eintrag eines Rebellenanführers auf sozialen Medien über den Abschuss eines Transportflugzeuges.

Die Separatisten hatten zuletzt mehrfach zugegeben, ukrainische Kampfjets, Transportmaschinen und mehrere Helikopter abgeschossen zu haben. Nach unbestätigten Berichten haben die Separatisten auch behauptet, ein Buk-Flugabwehrsystem im Verlauf der Kämpfe erbeutet zu haben. Das Lenkwaffen-System kann Ziele in Höhen bis zu 25'000 Metern treffen.

Putin fordert «Objektivität»

Russlands Präsident Wladimir Putin hat nach dem Absturz des Passagierflugzeugs in der Ostukraine eine «umfassende und objektive Untersuchung» gefordert. Die Tragödie werfe ein neues Schlaglicht darauf, dass die Ukraine-Krise «dringend friedlich überwunden werden muss», hiess es in einer Erklärung des Kremls.

Putin telefonierte gemäss der Mitteilung vom Freitag mit dem niederländischen Regierungschef Mark Rutte. Der russische Präsident kondolierte ihm angesichts der 154 niederländischen Absturzopfer.

154 Holländer an Bord

Die Maschine war als Flug MH 017 um 12.15 Uhr von Amsterdam mit dem Ziel Kuala Lumpur gestartet. Keiner der 283 Passagiere und keines der 15 Besatzungsmitglieder überlebte am Donnerstag den Absturz aus etwa 10'000 Meter Flughöhe.

An Bord waren nach Angaben der Malaysia Airlines 154 Niederländer, 27 Australier, 23 Malaysier, 11 Indonesier, 9 Briten, 5 Belgier, 4 Deutsche, 3 Philippiner und ein Kanadier. Von den anderen Passagieren stehe die Nationalität noch nicht fest. Hinweise auf Schweizer Opfer gab es bis Donnerstagabend keine.

Eine bedeutende Zahl der Passagiere waren laut der International Aids Society Aids-Delegierte, die auf dem Weg zum Welt-Aids-Kongress im australischen Melbourne waren. Es sei davon auszugehen, dass von den 283 Passagieren insgesamt 108 Delegierte und deren Familienangehörige gewesen seien.

Luftraum gesperrt

In der Ostukraine erreichten Rettungskräfte am Donnerstagabend das Wrack des Flugzeugs in der Nähe der Ortschaft Grabowo. OSZE-Experten machten sich ebenfalls auf den Weg. Die Aufständischen gaben an, sie hätten den Flugschreiber der Boeing gefunden. «Die Black Box wurde sichergestellt», sagte ein Sprecher.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen will sich am Freitag in einer eilig einberufenen Sondersitzung mit dem Flugzeugabsturz befassen. Der Luftraum über der Ostukraine wurde nach dem Absturz nahe Donezk gesperrt.

Es ist der zweite schwere Schlag für Malaysia Airlines innerhalb von Monaten. Im März verschwand Flug MH370 mit 239 Menschen an Bord auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking. Wochenlange Suchen im Pazifik nach dem Wrack blieben erfolglos.

(reuters/sda/gku/sim/moh)

 
 
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