Im Mai 1992 war der Bundesrat noch frei von Zweifeln gegenüber Europa. In der EWR-Botschaft hielt er unzweideutig fest, der EWR-Betritt sei nicht das Ziel, sondern bloss «eine wichtige Zwischenstation jener Politik, welche die Schweiz zu einer vorbehaltlosen Mitgliedschaft in der EG führen soll». Damit politisierte er gründlich am Volk vorbei.

1991 ergaben Umfragen zwar noch eine Mehrheit für einen Beitritt zur damaligen EG. Die Kampagne gegen den EWR verstärkte aber die Skepsis der Bevölkerung. Die VOX-Analyse nach der Abstimmung zeigte, dass nur noch ein Drittel der Stimmberechtigten, die am 6. Dezember 1992 an die Urne gegangen waren, einem EG-Beitritt zugestimmt hätten.

Provokativer Hedonismus

Die SVP, mit 11 Prozent Wähleranteil noch ein politisches Leichtgewicht, hatte die Euro-Skepsis nicht in die Welt gesetzt. Vielmehr machte sich die Partei damals ein tief sitzendes Misstrauen der konservativen, ländlichen Bevölkerung gegenüber einer genusssüchtigen, kosmopolitischen Bildungselite in den Städten zu Nutze.

«Die EWR-Abstimmung war eine Reaktion auf die Yuppiekultur der 80er-Jahre», sagte Demoscope-Geschäftsführer Roland Huber im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Das Meinungs- und Marktforschungsinstitut ermittelt seit 1974 die Werthaltungen der Bevölkerung in der Studie "Psychologisches Klima der Schweiz" (PKS).

Laut Huber nutzte die SVP zudem eine allgemeine «Unlust» gegenüber der «Classe Politique», die in den Augen vieler Leute notorisch am Volk vorbei politisierte. Darum deutet er die EWR-Abstimmung eher als Reaktion auf die Vergangenheit denn als Signal in die Zukunft.

Damit erklärt Huber auch das scheinbare Paradox, dass mit dem Nein zum EWR die Zeit der aussenpolitischen Öffnung, die 2002 im Beitritt der Schweiz zur UNO gipfelte, gerade erst begann. Der WTO-Beitritt, die Nato-Partnerschaft für den Frieden und die Bilateralen I sind nur einige aussenpolitische Meilensteine bis dahin. Die Zustimmung zur EG kletterte zeitweise wieder über 50 Prozent.

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Zeitenwende nach New York

Laut Huber war es eine Zeit des grenzenlosen Optimismus und Zukunftsglaubens, in der auch der wirtschaftliche Nutzen einer Einbindung wieder anerkannt wurde. Parallel dazu bediente die SVP aber bestehende Ressentiments und vertiefte den Stadt-Land-Graben. Zu Beginn des neuen Jahrtausends begann der Wind langsam in ihre Richtung zu drehen.

Der Zeitenwandel kam mit den Terroranschlägen von New York. Auch der Tunnelbrand im Gotthard, das Swissair-Grounding und der Amoklauf von Zug trugen zur allgemeinen Verunsicherung bei. 2001 entdeckte die Bevölkerung, die im psychografischen Profil der PKS-Studie immer weltoffener, immer progressiver geworden war, die alten Werte wieder.

Patriotismus und Reduitdenken erlebten eine Renaissance, die von der SVP seit Jahren ausgespielte Unabhängigkeit der Schweiz wurde zum Mainstream. Die Suche nach den Wurzeln förderte die Folklore zu Tage, die vom Hip Hop bis zur Milchtüte alles erfasste. Das neue Lebensgefühl hiess «Swissness».

Neuer Realismus

Gleichzeitig verlor die EU an Strahlkraft, wurde sogar zum Reizwort, wie Huber sagte. Sogar sehr progressive Kreise seien in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends vom Glauben an eine stärkere Integration abgerückt. Die Chancen für einen Beitritt sanken gegen Null, während die SVP ihr Potenzial voll ausschöpfte und 2007 bis an die magische Marke von 30 Prozent herankam.

Die Bankenkrise von 2008 hat diese Entwicklung konsolidiert, ihr aber auch etwas von ihrer Schärfe genommen. Die Schweiz hatte die Krise weit gehend unbeschadet überstanden, was laut Huber das Selbstvertrauen der Schweizerinnen und Schweizer stärkte. Neben dem Nationalkonservativen fasste ein neuer Wertkonservativismus Fuss.

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In den letzten Jahren beobachtet Huber einen zunehmenden Realismus im Bezug auf die Möglichkeiten der Schweiz. Nicht Abschottung, sondern nutzenorientierte Zusammenarbeit sei gefragt, erklärte er. Dass man sich dafür an gewisse Spielregeln anpassen müsse, sei für selbstbewusste Schweizer kein Problem. Der EU beitreten wollen gemäss einer aktuellen Umfrage heute nur noch 19 Prozent der Bevölkerung.

(chb/sda)