Westliche und arabische Länder - Unterstützer der so genannten moderaten Gegner des syrischen Regimes - fordern ein Ende der Kämpfe in Aleppo. In Paris trafen sich am Samstag Vertreter aus fünf westlichen Ländern und der EU sowie aus Jordanien, Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei. US-Aussenminister Kerry warf Damaskus Kriegsverbrechen vor.

John Kerry forderte den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und dessen Verbündeten Russland auf, «ein wenig Gnade» zu zeigen. Er glaube, dass es einen Weg nach vorn geben könne - doch das hänge an Russland. Der US-Aussenminister betonte in Paris, es gehe darum, die vollständige Zerstörung Aleppos zu verhindern. 

Der französische Aussenminister Jean-Marc Ayrault erklärte, die syrische Opposition sei zu Gesprächen ohne Vorbedingungen bereit. Das habe deren Koordinator Riad Hidschab erklärt.

Bomben mit Chlorgas

Aktivisten und Einwohner der Rebellengebiete Aleppos warfen syrischen Regierungskräften den Einsatz von Chlorgas vor. Ein Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur von einem Angriff am Vorabend in dem Viertel Al-Kallasah. Der oppositionelle Fernsehsender Halab Today (Aleppo Heute) meldete, Hubschrauber hätten Bomben mit Chlorgas abgeworfen. 

Das syrische Regime hat seit Beginn einer Offensive Mitte November mehr als 80 Prozent der Rebellengebiete Aleppos zurückerobert. Die humanitäre Lage im Osten der Stadt ist nach Angaben der UNO dramatisch. Da das Gebiet seit Anfang September vom Regime blockiert wird, fehlt es akut an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.

Aus Angst um Leib und Leben fliehen immer mehr Menschen aus Ost-Aleppo. Allerdings gibt es sehr unterschiedliche Angaben zu deren Zahl.

Über Hunderttausend verharren

Schon in den vergangenen Tagen hat es laut der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte eine starke Fluchtbewegung gegeben. Rund 100'000 Zivilisten sollen die Rebellengebiete bereits verlassen haben. Etwa 70'000 seien in Stadtviertel unter Kontrolle der Regierung geflohen. 

In den verbliebenen Rebellengebieten Aleppos halten sich nach Schätzungen noch rund 120'000 Menschen auf, wie die Menschenrechtler erklärten.

Neue Sanktionen

Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums in Moskau sagte, allein in den letzten 48 Stunden hätten etwa 50'000 Menschen den Ostteil verlassen. Eine Bestätigung für die russischen Zahlen gab es nicht. Sie sind nach Einschätzung von Beobachtern meistens zu hoch gegriffen.

Wegen der anhaltenden Offensive syrischer Regierungstruppen auf Aleppo kündigte die EU weitere Sanktionen an. Diese würden sich gegen verantwortliche Personen sowie Organisationen richten, die das Assad-Regime unterstützten, sagte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini. Die Europäische Union werde schnell handeln.

Unterdessen kamen am Samstagnachmittag in Genf Militärexperten und Diplomaten Russlands und der USA zusammen, wie die russische Agentur Tass unter Berufung auf diplomatische Kreise berichtete. Wie lange das Treffen hinter verschlossenen Türen dauern würde, sei unklar.

Palmyra wieder in IS-Hand

An einer anderen syrischen Front drehte sich das Blatt zu Gunsten der sunnitischen Fanatiker vom so genannten Islamischen Staat (IS). Kämpfer der Terrormiliz marschierten am Samstag wieder in die antike zentralsyrische Stadt Palmyra (arabisch: Tadmor) ein.

Die IS-Kämpfer hätten den Nordwesten der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht, während sie sich im Zentrum Kämpfe mit der syrischen Armee lieferten, berichtete die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Grosse Zerstörung

Die Religionsfanatiker hatten vor wenigen Tagen eine neue Offensive nahe der zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden antiken Oasenstadt gestartet, aus der sie vor acht Monaten vertrieben worden waren. Sie hatten in den teilweise gut erhaltenen antiken Ruinen aus den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt beispiellose Zerstörungen angerichtet.

Anderseits zerstörte die von den USA geführte Anti-IS-Koalition nach eigenen Angaben 168 Tanklastwagen der Terrormiliz. Die Lastwagen seien am Donnerstag bei Luftangriffen nahe Palmyra zerstört worden, hiess es.

Amerikaner schicken Militärs

Die USA wollen ausserdem zusätzliche Militärangehörige nach Syrien schicken. Sie sollen helfen, die Islamisten aus ihrer Hochburg Rakka zu vertreiben, wie US-Verteidigungsminister Ashton Carter auf einer Konferenz in Bahrain sagte. In Syrien sind bereits 300 Angehörige von US-Spezialeinheiten im Einsatz.

(sda/jfr)

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