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Whistleblower Elmer: Hilfsangebot an Sarasin-Datendieb

«Whistleblower der ersten Stunde»: Der ehemalige Julius-Bär-Banker Rudolf Elmer. (Bild: Keystone)

Der Fall Hildebrand beschäftigt auch den ehemaligen Bankier Rudolf Elmer. Im Interview bietet er dem Sarasin-Datendieb Reto T. seine Hilfe an. Zudem erklärt der Whistleblower der ersten Stunde, weshal

Von Vasilije Mustur
am 24.01.2012

Handelszeitung Online: Unsere Recherchen zeigen, dass Sie seit Ihrem Fall inzwischen zur Anlaufstelle von Whistleblowern geworden sind. 
Rudolf Elmer:
Ich sehe mich schon lange nicht mehr als Whistleblower im klassischen Sinne. Vielmehr bin ich ein Banken- und Systemkritiker sowie Berater von geschädigten Bankkunden. 

Das ist nicht die Antwort auf unsere Frage.
Ich möchte auf diese Frage nicht näher eingehen. 

Weshalb?
Ich würde das Vertrauen aller potentiellen Whistleblower und insbesondere der Kunden belasten, die mich kontaktiert haben. 

Dann ist es also zutreffend, dass Sie von Schweizer Bankmitarbeitern, die Kenntnis von Missständen innerhalb des Finanzinstituts haben, in den letzten Monaten kontaktiert wurden?
Das ist so. Es handelt sich dabei auch um Whistleblower, die bei Schweizer Banken arbeiten oder gearbeitet haben - und jetzt Missstände offenlegen möchten. Es ist aber schwierig, sich über die Motive dieser Menschen zu äussern. 

Wie können Sie helfen?
Ich kann potentiellen Whistleblowern Strategien aufzeigen, welche dem Wohle der Sache dienen und die den Schaden für den Insider selbst in Grenzen hält. Ich biete aber nicht Hand, als Vermittler für Erfolgsprämien instrumentalisiert und missbraucht zu werden. Oder als Kontakt zu amerikanischen Hedgefund-Managern zu dienen, die Whistleblower-Informationen kaufen - und damit spekulieren oder mit diesen Dokumenten sogar Unternehmen unter Druck setzen wollen.

Erstaunlich: Bankmitarbeiter entwenden Kundendaten aus Schweizer Banken, brennen diese auf CD und verkaufen sie an Drittstaaten wie Deutschland oder Frankreich. Sie selbst übergeben Kundendaten an Wikileaks und dessen Gründer Julien Assange - jetzt folgt der «Fall Hildebrand». Zudem möchten weitere Insider mit Bankdokumenten an die Öffentlichkeit gelangen. Es ist offensichtlich: Der Diebstahl von Bankkundendaten ist zu einem Volkssport geworden. Beunruhigt es Sie nicht, als Totengräber des Schweizer Bankgeheimnisses dazustehen?
Das ist eine sehr vereinfachte Darstellung. Da werden wir Whistleblower massiv überschätzt. Erstens gibt es Männer wie Bradley Birkenfeld (Kronzeuge im US-Steuerstreit der UBS, Anm. d. Red.), zweitens sind die Totengräber in Tat und Wahrheit die Banker, die aufgrund ihrer missbräuchlichen Geschäftsmodelle das Bankkundengeheimnis bereits zu Grabe getragen haben. Drittens ist das Argument Schutz der Privatsphäre durch das Bankkundengeheimnis international betrachtet schon lange nicht mehr glaubwürdig. Aber Sie haben Recht: Die Privatsphäre einer natürlichen Person muss geschützt werden - aber nicht die von Konzernen und Superreichen mit Offshore-Konstrukten.

Mit dieser Argumentation stellen Sie sich im «Fall Hildebrand» schützend vor den Whistleblower Reto T. Hatten Sie inzwischen Kontakt mit ihm?
Nein. Sollte er aber auf mich zukommen, dann werde ich versuchen, zu helfen. 

Der Whistleblower Reto T. wusste nicht, an wen er sich mit dem brisanten Material wenden sollte. Deshalb vertraute er sich einem SVP-Anwalt und letzendlich den Medien an. War das rückblickend betrachtet der richtige Weg? 
Es gibt keine Whistleblower-Schule. Jeder Fall ist ein Einzelfall. Richtig ist, zuerst Vorgesetzte zu informieren, dann, sofern praktikabel, die interne Meldestelle anzugehen. Das Letztere war im Fall von Reto T. kaum möglich.

Warum nicht?
In vielen Privatbanken gibt es kaum einen ordnungsgemässen, funktionierenden Whistleblower-Kanal. Also bleibt als nächster Schritt der Gang zum Anwalt des Vertrauens. Später sollten die Behörden verständigt werden. Wenn diese Interventionen keine Wirkung zeigen, bleibt keine andere Möglichkeit als die Medien zu informieren. 

Der Skandal um Notenbank-Chef Philipp Hildebrand hat längst politische Dimensionen angenommen. Die Hinweise verdichten sich, dass der Whistleblower Reto T. aus gewissen Kreisen für politische Zwecke missbraucht wurde. So beteuert Reto T., dass er mit den Dokumenten nie an die Medien gelangen wollte. Trotzdem übergab der selbsternannte Briefträger und SVP-Anwalt Hermann Lei die Bankauszüge von Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand der «Weltwoche». Ist das nicht ein Vertrauensbruch?
Sollte sich der Anwalt tatsächlich über den Willen des Whistleblowers hinweggesetzt haben, dann wurde Reto T. instrumentalisiert und wahrlich missbraucht. 

Inzwischen gibt Hermann Lei zu, vier Seiten an hochbrisantem Bankmaterial bearbeitet zu haben...
Grundsätzlich geht es um den Inhalt und ob dieser der Wahrheit entspricht. Ich bin jedoch enttäuscht, dass gerade ein Anwalt die Informationen verändert hat. Wir müssen uns schon fragen: Was soll das?

Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Ich finde es bedenklich, dass die Angelegenheit «verpolitisiert» wurde und von der SVP ausgeschlachtet wird. Tatsache ist: Das Schweizer Bankkundengeheimnis und die Privatsphäre einer natürlichen Person wurden auf massive Art und Weise verletzt. Viel schlimmer ist aber, dass die Bürger heute den Eindruck haben, Bankgeschäfte von Mitarbeitern der Nationalbank würden nicht täglich überwacht. 

Führte SVP-Chefstratege Christoph Blocher einen Stellvertreterkrieg: Die SVP erzwang den Rücktritt von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand. Doch gemeint war eigentlich Bundesrätin Evelyn Widmer-Schlumpf?
Die Art und Weise wie diese Auseinandersetzung geführt wird, lässt vermuten, dass obskure persönliche und parteipolitische Interessen im Vordergrund stehen und die Interessen des Landes vernachlässigt werden. Eine politische Abrechnung kann ich deshalb nicht ausschliessen.

Würden Sie jemals mit Schweizer Parteien zusammenarbeiten?
Mit Schweizer Parteien gemeinsame Sache zu machen, um Missstände aufzudecken, ist das allerletzte Mittel. In meinem Fall habe ich mich an Wikileaks und die internationale Presse gewandt – nachdem ich alle anderen Mittel ausgeschöpft hatte.

Glauben Sie, Philipp Hildebrand hat etwas Unmoralisches oder Ungesetzliches getan?
Ich bewundere Herrn Hildebrand. Trotzdem hat er eine Dummheit begangen. Ich hätte von einer Persönlichkeit von Format in dieser Position mehr Sensibilität und Weitblick beim Thema Eigengeschäfte erwartet. Ich bin überzeugt, dass Hildebrand nicht böswillig gehandelt hat. Er ist Experte genug, um zu wissen, dass Devisen- und Börsengeschäfte mit Offshore-Konstukte  anonym und risikolos abgewickelt werden können.

Befürworten Sie eine Untersuchung in diesem Fall?
Eine Untersuchung würde Klarheit schaffen und die Möglichkeit geben, Schwachstellen in der internen Kontrolle der Nationalbank auszumerzen. Das ist im Interesse des Landes und der Bürger.

Zurück zum Whistleblower Reto T.: Selbst wenn er moralisch richtig handelte, wird er, wie Sie Herr Elmer, wahrscheinlich in Untersuchungshaft landen und später wegen Verletzung des Schweizer Bankkundengeheimnisses angeklagt. Was für Gefühle kommen bei Ihnen hoch, wenn Sie sehen, dass die Schweizer Justiz in solchen Fällen immer zuerst das schwächste Glied ins Visier nimmt?
Ich empfinde es als eine gewaltige Ungerechtigkeit. Die angewandten Methoden der Justiz sind ungeheuerlich. Der Whistleblower wird als linksautonomer, psychisch-kranker Staatsfeind eingeordnet und entsprechend behandelt. Zudem fehlt es bei gewissen Mitgliedern der Justiz an Fachkompetenz in Sachen missbräuchlicher Offshore-Geschäfte und Zivilcourage, sobald die Interessen des Finanzplatzes im Spiel sind. Anders ist nicht zu erklären, weshalb Offshore-Konstrukte von verurteilten Verbrechern durch Staatsanwälte akzeptiert werden. Ich hätte solche Zustände auf den Cayman Islands, Aruba, Jersey, British Virgin Islands und auf anderen Bananenrepubliken erwartet – aber nicht in einer Demokratie wie der Schweiz! Aber leider ist es eine Tatsache, dass die Justiz manchmal aus politischen Gründen ihre Aufgabe nicht erfüllen darf.

Im Gefängnis zu sitzen, setzt den Informanten einem ungeheuren psychologischen Druck aus. Wie haben Sie die Untersuchungshaft erlebt?
Die Zeit im Gefängnis war für mich ein Befreiungsschlag.

Wie bitte?
Die aggressiven Privatdetektive waren nicht mehr hinter meiner Familie, meinen Mitarbeitern bei Noble Investments und mir selbst her. Ich fühlte mich wieder sicher. In Untersuchungshaft konnte ich die ganze Angelegenheit in Ruhe durchdenken, mich vom Psychoterror erholen und Strategien entwickeln. 

Was hat ihre Analyse in der Zelle ergeben: Wie wird ein Bankmitarbeiter zu einem Whistleblower?
Ich kann nur für mich sprechen. Nachdem ich in acht verschiedenen Verdunkelungs- und Verschleierungsoasen gearbeitet hatte und die Methoden dieser Finanzplätze vorort kennenlernen durfte, wurde mir klar: Hier handelt es sich um den grössten, systematischen Diebstahl in der Weltgeschichte. Diese Steueroasen unterwandern mit ihren gesetzlichen und steuerrechtlichen Regulierungen die Gesetze demokratischer Länder. Jener Zustand steht im direkten Zusammenhang mit der weltweiten Armut und Ausbeutung von Menschen in aller Welt. Will heissen: Die Vorgänge waren mit meinem Staatsverständnis nicht mehr vereinbar - und deshalb habe ich die Dinge dann selbst in die Hand genommen.

Besonders beim «Fall Hildebrand» fragt sich der Laie: Wie ist es überhaupt möglich, dass Bankmitarbeiter Bildschirmfotos machen oder CDs von Kundendaten brennen kann - und mit diesen Daten das Gebäude unbehelligt verlässt? 
In meiner Funktion als CEO der Julius Bär auf den Cayman Islands hatte ich den Auftrag des Management, täglich die Backups nach Hause zu nehmen, denn auf einer Insel wie den Caymans besteht die Gefahr von Hurricans oder eines Brandes des Bankgebäudes. Wäre es dazu gekommen, hätten wir die Daten verloren. Es war damals also zwingend «die Daten aus der Bank zu schaffen». Somit konnte ich nach meiner meiner Entlassung durch Zufall auf sensible Kundendaten zugreifen. Die Staatsanwaltschaft hat in meinem Fall Datendiebstzahl denn auch ausdrücklich ausgeschlossen. 

Dennoch haben Sie Schweizer Recht gebrochen.
Die Frage, ob ich Schweizer Recht gebrochen habe ist heute noch nicht geklärt. Sicher habe ich gegen das Gesetz auf den Cayman Islands verstossen und den Missbrauch transparent gemacht. Viele positive und gesellschaftliche Veränderungen sind erst durch diese Gesetzesverstösse ins Rollen gekommen - insbesondere in Ländern, die in einer Krise steckten. Ich vergleiche mich nicht mit herausragenden Personen, aber betrachten Sie Mahatma Ghandi, Nelson Mandela oder Martin Luther King: Sie alle haben Gesetze gebrochen - und was ist mit der Angelegenheit, welche diese Persönlichkeiten vertreten haben, inzwischen geschehen? 

Trotz dieser positiven Veränderungen wurde Ihnen vorgeworfen, Mitarbeiter der Bank Julius Bär erpresst und bedroht zu haben. Darüber hinaus steht der Vorwurf im Raum, Sie hätten Daten manipuliert. 
Gegen Whistleblower existiert eine klare Unternehmensstrategie. Sie heisst: Vergeltungs-, Neutralisierungs- und Vertuschungstaktik. Es ist klar, dass der Whistleblower der Böse sein muss. Die Finanzinstitute müssen ja vom eigenen Missbrauch ablenken. Der Whistleblower wird deshalb bedroht, diffamiert und psychisch attackiert. Es ist aus Unternehmungssicht wichtig, dass der Whistleblower mundtot gemacht und dessen Glaubwürdigkeit zerstört werden kann. Wenig überraschend ist auch, dass Unternehmen gegenüber Behörden behaupten, im Rahmen der Gesetze zu handeln, um so die Hetzjagd gegen den Whistleblower weiter anheizen zu können. Dieser Druck wird solange aufrechterhalten, bis der Insider einen Fehler macht.

Und: Haben Sie Fehler gemacht?
Ja, Fehler, die ich bereue! Aber das ist nicht der Punkt. 2008 habe ich meine Whistleblower-Serie in Mauritius eröffnet. Daraufhin haben sich diverse verärgerte Bankkunden bei mir gemeldet - und was mir da erzählt wurde, war nicht Ausdruck von Wut, sondern von Hass und Verlangen, der Bank mit meiner Hilfe zu schaden. Da kann ich mir gut vorstellen, dass gewisse Aktionen, mit denen ich nichts zu tun habe, mir angelastet werden. Viele der Vorwürfe gegen meine Person stellten sich bei der Staatsanwaltschaft und vor Gericht als haltlos heraus. Die Rückweisung durch das Obergericht zeigt eindeutig, dass die Verurteilung des Bezirksgerichts und die Beweisführung der Staatsanwaltschaft nicht rechtens war.

Sie haben den Vorwurf der Datenmanipulation noch nicht beantwortet.
Die britische Zeitung «The Guardian» hat mit ihren Anwälten und der Bank Julius Bär den Sachverhalt der Fälschung von Daten im Jahr 2009 und 2010 vertieft abgeklärt. 

Wie fiel die Untersuchung aus?
Julius Bär konnte in keinem Fall den Nachweis liefern, dass Dokumente gefälscht wurden. Und auch die Zürcher Staatsanwaltschaft hat keine Klage wegen Urkundenfälschung eingereicht. Hingegen sind die Zürcher Behörden auf die Drohungen und die Nötigung, die sich gegen meine Familie und mich richtete, nie eingetreten – im Gegenteil: Die Polizeibehörden haben das Vorgehen der Privatdetektive über zwei Jahre geduldet bis wir die Schweiz aus Sicherheitsgründen verlassen mussten. 

Neben dem Vorwurf der Drohung und Erpressung wurde Ihnen ebenfalls zur Last gelegt, aus Rache gehandelt zu haben, weil Sie bei Julius Bär nicht befördert wurden. 
Eine Schutzbehauptung der Bank. Wenn es nach der Bank gegangen wäre, hätte ich mein berufliches Leben als CEO auf den Caymans beenden müssen. Das war nie meine Absicht. Aber natürlich hat es mich geärgert, dass mein Nachfolger innerhalb von zwei Jahren 50 Prozent von 25 Mitarbeitern auswechselte und seine Leute von der Bank of America einschleuste.

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