Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie haben den Weg für eine Entspannung in der Ukraine-Krise geebnet. Erstmals trafen am Rande der Zeremonie am Freitag Russlands Präsident Wladimir Putin und das neugewählte ukrainische Staatsoberhaupt Petro Poroschenko zusammen. Beide sprachen nach Angaben der französischen Regierung in Benouville eine Viertelstunde lang über Möglichkeiten, wie die Lage in der Ostukraine entspannt werden könne.

Mit der Quasi-Anerkennung des neuen ukrainischen Präsidenten erfüllt Putin eine zentrale Forderung der westlichen G7-Staaten. In der Normandie kam es überraschend auch zu einem Treffen zwischen Putin und US-Präsident Barack Obama.

Putin, Poroschenko und Bundeskanzlerin Angela Merkel betraten am Freitag zusammen das Schloss von Benouville, in dem ein Mittagessen für die Gäste der Feierlichkeiten zum D-Day organisiert war. Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten an der Westküste Frankreichs an und leiteten damit eine entscheidende Wende im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland ein. Frankreichs Präsident Francois Hollande hatte Putin und Poroschenko ausdrücklich in der Hoffnung eingeladen, dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auch für einen Durchbruch im angespannten ukrainisch-russischen Verhältnis sorgen würde.

Putin trifft westliche Amtskollegen

Putin, der erstmals seit Ausbruch der Ukraine-Krise wieder in den Westen reiste, traf auch kurz mit Merkel zusammen. Am Donnerstag hatte er bereits ein Abendessen mit Hollande und eine kurze Unterredung mit dem britischen Premierminister David Cameron. Merkel habe Putin erneut an die zentrale Rolle seines Landes für die Deeskalation in der Ostukraine erinnert, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert im Anschluss.

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Mit der Anerkennung der ukrainischen Präsidentenwahl und dem nun möglichen direkten Dialog zwischen Kiew und Moskau wäre eine wichtige Forderung des Westens erfüllt. Die G7-Staaten hatten Russland am Donnerstag aber gedroht, dass weitere Sanktionen verhängt würden, wenn die Regierung in Moskau sich nicht von den prorussischen Separatisten distanziert und das Einsickern von Waffen und militanten Kämpfern in die Ostukraine stoppt.

Die regierungsnahe russische Nachrichtenagentur RIA Novosti meldete, Putin und Poroschenko hätten in ihrem kurzen Gespräch ein sofortiges Ende des Blutvergiessens in der Ostukraine gefordert. Dies gelte sowohl für die prorussischen Separatisten als auch das ukrainische Militär. Im Osten der Ukraine hatte es in den vergangenen Tagen wieder Tote gegeben. Prorussische Milizen hätten ukrainische Einheiten in der Nähe der Stadt Slawjansk angegriffen und mehrere Menschen getötet, teilte die ukrainische Nationalgarde mit.

Weitere Gespräche zwischen Russland und Ukraine

Gespräche gibt es auch an anderer Stelle: Am Samstag wollen Russland und die Ukraine ihre Treffen zur Lösung des Gasstreits fortsetzen. Die Ukraine erwäge, ihre Schulden für russische Gaslieferungen im vergangenen Jahr zu begleichen, sagte ein Vertreter der Regierung in Kiew. Russland hat gedroht, seinem Nachbarland den Gashahn zuzudrehen, wenn die ausstehenden Rechnungen nicht zumindest zum Teil bis Dienstag beglichen würden. Ein solcher Schritt hätte vermutlich auch Folgen für die Europäische Union. Sie deckt rund ein Drittel ihres Gas- und Ölverbrauchs mit Lieferungen aus Russland, rund die Hälfte davon strömt durch Pipelines durch die Ukraine. Beide Seiten sind uneins, wie viel die staatliche ukrainische Gasgesellschaft Naftogaz dem russischen Monopolisten Gazprom für Lieferungen schuldet.

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Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes lobte die Quasi-Anerkennung der Präsidentenwahl durch Putin als ersten positiven Schritt. Der Dialog mit Moskau sei wichtig. Deshalb werde Aussenminister Frank-Walter Steinmeier zusammen mit seinen polnischen und russischen Kollegen am Dienstag in St. Petersburg zusammentreffen. Österreichs Regierung kündigte zugleich an, dass Putin am 24. Juni in Wien erwartet werde. Die Reisen und Treffen sind politisch wichtig Symbole, weil die G7-Staaten den russischen Präsidenten zuvor wegen des Griffs nach der Krim aus dem Club der westlichen Industriestaaten ausgeladen hatten.

«Alte, gefährliche Denkmuster»

Merkel und Hollande warnten mit Blick auf den D-Day vor einem Rückfall in alte Denkmuster. «Wie schnell Frieden und Freiheit infrage stehen können, führt uns der Konflikt in der Ukraine schmerzlich vor Augen. Die Sorge vor neuen Gräben und Trennlinien ist gross«, schrieb Merkel in einem Gastbeitrag für die französische Zeitung «Ouest France» vom Freitag. «Dennoch erfahren wir in diesen Wochen, dass alte, gefährliche Denkmuster keineswegs zur Gänze in die Geschichtsbücher verbannt wurden.»

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(reuters/moh/chb)