Der Schweizer lobte das Bauwerk an diesem 4. Dezember 1977 in den höchsten Tönen. Bei der Einweihung in Damaskus sass Ministerpräsident General Abdul Rahman Khleifaoui in der ersten Reihe und hörte dem Manager aus Uzwil aufmerksam zu. «Das Silo-Projekt, von dem heute drei Viertel realisiert sind, ist das grösste nicht nur in der arabischen, sondern in der ganzen Welt.» Es sei eine «kluge Entscheidung» des Präsidenten Hafiz al-Assad, so der Vertreter der Industriegruppe Bühler.

Das Projekt nütze nicht nur Syrien selbst, «sondern zeige als Pioniermodell allgemein, wie man die Nahrungsbedürfnisse der Menschen auf der ganzen Welt befriedigen, die Hungerprobleme bekämpfen, die lokalen Ressourcen besser nutzen und so die Lebensbedingungen für jedermann verbessern kann». Die Rede schloss mit den Worten: «Wir wünschen der Syrischen Arabischen Republik, ihrem grossen Führer Präsident Hafiz al-Assad, ihrer edlen Bevölkerung eine gute Zukunft und allen Fortschritt.»

«Lebende Pyramiden»

Der euphorische Auftritt des Managers vor den «lebenden Pyramiden», wie der syrische Präsident die «Silos der Revolution» bezeichnete, hatte seinen Grund. Er repräsentierte seit Jahren die Gebrüder Bühler in Syrien. Beim Bau des gigantischen Silo-Projektes, das es dem Land ermöglichte, 80 Prozent der Getreideernte zu lagern, war das Ostschweizer Anlagebauunternehmern zu seinem bisher grössten Auslandauftrag gekommen. Wie viel wert dieser war, geht aus den bislang unbekannten Dokumenten aus dem Bundesarchiv in Bern nicht hervor. Die Gesamtkosten für das Silo-Projekt beliefen sich auf umgerechnet 190 Millionen Franken.

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Das Jahr 1977 markierte in der Firmengeschichte der Gebrüder Bühler einen Höhepunkt. Es brachte aber auch eine neue Dynamik in die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Syrien. Im Sommer schloss Bern ein Investitionsschutzabkommen ab – das erste dieser Art für Syrien. Bereits im November zuvor war ein Abkommen über den Handelsverkehr und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zustande gekommen. Dieses ist heute noch in Kraft, während der gegenseitige Investitionsschutz 2008 in einem neuen Abkommen aktualisiert wurde.

«Interessante Möglichkeiten»

Heute wirken die Aussagen fremd. Diktator Baschar al-Assad bekämpft in einem blutigen Krieg die eigene Bevölkerung. Mehr als 100'000 Menschen starben bereits im Konflikt. Kürzlich setzte der Herrscher möglicherweise gar Giftgas gegen seine Landsleute ein. Deshalb wollen die USA nun militärisch in Syrien eingreifen.

Das sah in den Siebzigerjahren noch anders aus. Die wirtschaftliche Annäherung zwischen der Schweiz und Syrien geht auf die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Schweizer Unternehmen versuchten immer wieder, in Syrien Fuss zufassen. Der Geschäftsträger im Libanon, Franz Kappeler, schrieb nach einer Informationsreise im Oktober 1950, das Land sei im Aufbau und biete «interessante Möglichkeiten». Bevor man jedoch grössere Projekte realisieren wolle, sei eine «persönliche Fühlungnahme an Ort und Stelle» dringend nötig. Empfehlungen dieser Art ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schreiben der Schweizer Diplomaten im Nahen Osten.

Oftmals wurd zu kurzfristig agiert

Das Basler Ingenieurbüro Gruner war in den 1960er-Jahren besonders aktiv. Firmeninhaber Eduard Gruner weilte oft in Syrien, wo sein Büro bei den Staudamm-Projekten von Rastane und Mahardé engagiert war. In Rastane musste er miterleben, dass seine Firma bei der Einweihung des Bauwerks im Gegensatz zu einem bulgarischen Unternehmen nicht erwähnt wurde. Wäre dies ebenfalls in Mahardé passiert, hätte das zu einer offiziellen Demarche Berns bei den syrischen Behörden geführt, wie aus den Berichten des Generalkonsuls in Damaskus hervorgeht. Am 29. August 1962 kam die Entwarnung: Gruner hatte die offizielle Anerkennung doch noch erhalten.

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Die Schweizer Unternehmen machten damals vielfach den Fehler, dass sie zu kurzfristig agierten. Im April 1957 bemerkte Egbert von Graffenried, Schweizer Vertreter in Syrien, kritisch: «Wiederholt zeigte sich, dass die seitens einzelner Interessenten in letzter Minute von der Gesandtschaft nachgesuchte Intervention und Unterstützung einfach nicht ausreicht, es dazu vielmehr eines entsprechenden Hintergrundes, d. h. einer systematischen und langfristigen Bearbeitung, bedarf.»

Durchbruch dank Hafiz al-Assad

Eine Wende brachte Hafiz al-Assad. Aus den jahrelangen Machtkämpfen innerhalb der Baath-Partei trat der Offizier am 16. November 1970 als Sieger hervor. Er stützte seine Macht auf die Armee und den Geheimdienst. Assad versuchte das Land zu reformieren und verstärkte dessen Militärmacht, wodurch sich das Land politisch wie international zusehends isolierte. Deshalb waren die Abkommen von 1976 und 1977 für die Schweizer Wirtschaft ein Durchbruch. Botschafter Jürg Iselin, Chef der für den Nahen Osten zuständigen Politischen Abteilung II im Aussenpolitischen Departement, und Minister Emilio Moser, stellvertretender Direktor der Handelsabteilung im Volkswirtschaftsdepartement, reisten für die Verhandlungen vom 24. bis 29. Oktober 1976 nach Syrien.

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Sie fanden, wie sie in ihrem Bericht schrieben, einen «straff autoritär regierten Staat» vor, hielten aber gleichzeitig fest: «Die unter Präsident Assad praktizierte Politik der Liberalisierung des Handels und der wirtschaftlichen Öffnung bewirkt eine gewisse ideologische Entspannung.» An anderer Stelle wird Assad als «realistisch und pragmatisch eingestellter Staatspräsident» charakterisiert. In wirtschaftlicher Beziehung könne Syrien als «Zukunftsland» bezeichnet werden, «dies unter der Voraussetzung, dass sich die politische Lage im Mittleren Osten stabilisiert». Die Nachwirkungen des Jom-Kippur-Kriegs von 1973, bei dem die syrische Armee einen kleinen Teil der von Israel besetzten Golanhöhen zurückerobert hatte, elektrisierten die gesamte Region.

«Günstiges» politisches Klima

Die Schweiz geniesse in Syrien hohes Ansehen, und das politische Klima zwischen den beiden Ländern sei «günstig», stellten die beiden Diplomaten Iselin und Moser fest. Trotzdem hätten es nur grosse Schweizer Exportfirmen geschafft, in Syrien Fuss zu fassen. «Neuankömmlinge haben auf dem syrischen Markt nur Chancen bei Wahl eines guten Lokalvertreters und eines guten Anwaltes für die Vertragsabschlüsse. Klein- und Mittelfirmen kommen kaum zum Zug, es sei denn in Verbindung mit Grossfirmen.»

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Iselin und Moser hofften darauf, dass Saudi-Arabien und Kuwait, die damals die syrische Zahlungsbilanz zum grössten Teil finanzierten, Druck auf das Land ausüben würden, «damit es sich von den Oststaaten löse». Dies würde die Chancen für Aufträge an Schweizer Firmen massiv erhöhen, was ihnen der Bühler-Vertreter im Gespräch bestätigte. Die Einrichtungen für das Silo-Projekt hätten ursprünglich an Firmen in den Oststaaten vergeben werden sollen, doch habe der Kuwait Fund for Arabic Economic Development, der das Projekt zur Hälfte finanziere, das Veto gegen Bestellungen in den Ostländern eingelegt. Erst danach sei Bühler zum Zuge gekommen.

Der Franken war zu stark

Die Schweizer Unternehmen hatten aus einem anderen Grund einen schweren Stand. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren im Vergleich zu Anbietern aus dem Osten und aus Asien wesentlich teurer. «Bei gleicher Qualität ist der Preis für den Vertragsabschluss geltend», berichtete Botschafter Robert Beaujon nach einem Gespräch mit Fehmi El Youssoufi, dem Vizepräsidenten des Rates der Minister der öffentlichen Dienste, im Januar 1978. «Wenn wir auf dem syrischen Markt Erfolg haben wollen, müssen wir die Entwicklung des Schweizer Frankens durch eine zusätzliche Möglichkeit kompensieren», meinte Beaujon weiter.

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Einen Monat später wies er erneut auf die Problematik des stärker werdenden Frankens hin und illustrierte dies mit dem Beispiel des Badener Konzerns BBC: «Ein Vertreter von BBC hat mich eben informiert, dass ein Unternehmen Gefahr läuft, Lieferverträge für Übertragungseinrichtungen zu verlieren, die sich auf 30 Mio. Fr. in Syrien belaufen.» Er befürchte sehr, so Beaujon weiter, dass der 300-Millionen-Auftrag für ein thermisches Kraftwerk, bei dem BBC grosse Chancen habe, das gleiche Schicksal erleben könnte.

Lobbying war nicht einfach

Er ging tatsächlich bachab – sehr zum Leidwesen des Schweizer Botschafters, der zugunsten von BBC mehrmals bei den syrischen Behörden interveniert hatte. Das intensive Lobbying kam nicht überall gut an, wie Beaujon am 17. Februar 1978 nach Bern berichtete: «Der syrische Ministerpräsident erklärte mir rundweg, dass die Regierung nicht von aussen her beeinflusst zu werden wünsche. Die bestellte Kommission entscheide ausschliesslich nach wirtschaftlichen Kriterien.»

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Der Botschafter war aus zwei Gründen frustriert. Erstens hatte es in der Schweiz Kritik an seiner Tätigkeit gegeben, wie folgende Passage seines Schreibens verdeutlicht: «Beifügen möchte ich, dass die Botschaft immer bereit ist, Vorhaben unserer Industrie zu unterstützen, vorausgesetzt, dass ich informiert werde. Die Handelszeitung braucht uns dazu gar keine Beine zu machen.» Zweitens hätte Beaujon gerne ein zweites Referenzprojekt gehabt: «Als weiteres Monument (neben dem Silo-Projekt von Bühler) wäre ein BBC-Kraftwerk unserer Exportförderung sehr dienlich gewesen. Im Moment kann ich lediglich auf die 58-jährigen BBC-Turbinen in Hamé verweisen, die zur Verwunderung vieler immer noch funktionieren.»

Massive Vorwürfe

Diese Enttäuschung formulierte Beaujon am 21. Juli 1978 in einem längeren persönlichen Schreiben an den Präsidenten des BBC-Verwaltungsrats, Franz Luterbacher. Der syrische Minister für Elektrizität habe ihn beim jüngsten Gespräch «mit massiven Vorwürfen überfallen», schreibt der Botschafter in die Schweiz. Offensichtlich hätte die BBC-Verhandlungstaktik im Preisbereich die Syrer verstimmt. «Warum gewährt die BBC vorerst schüchtern kleine Rabatte, um in der Endphase einen Kopfsprung von 80 Mio. syrischen Pfund zu wagen?» Der 20-Prozent-Rabatt (rund 60 Millionen Franken) sei zum Leidwesen des Ministers drei Tage nach dem Vertragsabschluss mit der italienischen Konkurrenz erfolgt -zu spät.

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Es war jedoch nicht nur der Preis, der BBC aus dem Rennen warf, sondern auch das massive Lobbying. Beaujon an Luterbacher: «Aufgebracht war der Minister auch über die Umtriebe von Mittelsmännern (er nannte es influence peddling by percentage men ). Der zuständige Minister sei er - nicht der Premierminister oder sogar der Aussenminister (!). Es scheint, dass in diesem Fall die Versuche sogenannter einflussreicher Persönlichkeiten das Gegenteil bewirkt haben.»

Ärger des Informationsministers

Noch bevor er sich entschied, Luterbacher zu schreiben, hatte Beaujon am 23. April 1978 den Ärger eines weiteren syrischen Ministers anhören müssen. Der Botschafter wollte mit Informationsminister Ahmad Iskandar Ahmad über den 20-Millionen-Auftrag an BBC für die Lieferung von vier Kurzwellensendern sprechen. Auf die Frage, weshalb der Auftrag nochmals überdacht werde, reagierte der Minister «ziemlich sauer». Einerseits sei BBC beim Bau einer anderen Radiostation fünf Monate im Rückstand, anderseits sei die Verhandlungsweise von BBC «mühselig». Unmissverständlich habe ihm der Minister gesagt, «dass BBC nie mehr einen Auftrag erhalten würde, falls der Bau Radio-Station nicht zügig beendet» werde.

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Da der Informationsminister eine sehr einflussreiche Persönlichkeit sei, wäre es gut, wenn die Geschäftsleitung von BBC sich in einem Schreiben erklären würde, meinte Beaujon und schloss seinen Bericht an die Handelsabteilung mit der allgemeinen Empfehlung: «Persönlich finde ich, dass unsere Unternehmen, angesichts Konkurrenzlage und Kurssituation, gut beraten wären, Verhandlungen sehr elastisch zu führen und - vorübergehend - bei Erstaufträgen sogar bis zur Kostenschwelle absinken sollten, um später bei Nachlieferungen Gewinnverluste wettzumachen.»