Bankgeheimnis, internationale Regulierung, Sorgen um den Marktzugang in Europa: Der Schweizer Finanzplatz steht mit dem Rücken zur Wand. Viele kleine Banken stehen vor dem Aus. Eine langfristige Strategie gibt es nicht – zu unterschiedlich scheinen die Interessen aller Beteiligten. Dabei drängt die Zeit: «Die Schweiz muss schnell selbst aktiv werden, sonst bekommt sie Regelungen von aussen übergestülpt», sagt Kristof Trautwein.

Der junge Wirtschaftswissenschaftler hat die Erstellung eines rund 70-seitigen Diskussionspapiers geleitet. Für die aufstrebende Zürcher Denkfabrik Foraus formulierte er gemeinsam mit drei Kollegen die «Vision Finanzplatz 2030». Es ist die erste umfassende Studie, die sich mit den langfristigen Folgen des Strukturwandels im Schweizer Finanzwesen auseinandersetzt – und einen Weg zu alter Stärke aufzeigt.

Finanzplatz Schweiz hat enorme Bedeutung

Angesichts der Bedeutung des Finanzplatzes für die Schweiz und der rasanten Veränderungen in der Branche sind die Forscher überrascht, dass nicht mehr Studien dieser Art existieren. Immerhin trägt der Sektor 10,5 Prozent zur gesamten schweizerischen Wertschöpfung bei – ein Wert, der nur in wenigen Ländern der Welt übertroffen wird.

Dies gilt umso mehr als die Aussichten für viele Akteure am Finanzplatz düster scheinen. Vor allem liegt das an neuen Bestimmungen der Aufsichtsbehörden und den Steuergesetzen in vielen Ländern. Das Problem: «Die Regulierungswut wird zunehmen», sagt Trautwein. Darunter dürften viele kleine Banken zu leiden haben, glaubt er. Für sie werde es immer schwerer, Kundengelder zu akquirieren – vor allem aus dem Ausland.

Das Geschäft wird härter

Verschärfend kommt hinzu, dass immer mehr Wirtschaftsgrössen wie Google oder Amazon das margenträchtige Geschäft mit Konsumdarlehen für sich entdecken: «Viele Banken werden bei Kundenkrediten noch stärker Federn lassen müssen», sagt der Wirtschaftsexperte. Entsprechend werden mehr Geschäfte übers Internet abgeschlossen. Die Auswirkungen dessen werden demnach auch beim Gang durch die Schweizer Innenstädte zu beobachten sein: «Viele Filialen werden verschwinden», sagt Trautwein.

Dabei haben die wichtigen Akteure am Schweizer Finanzplatz durchaus gemeinsame Interessen. Das ist ein Kernergebnis der Interviews, welche die Foraus-Experten mit 37 Finanzprofis für die Studie führten – darunter Akademiker, Behördenvertreter, Banker, Politiker, Journalisten und Vermögensverwalter. «Mit grosser Mehrheit teilen die befragten Personen die Vision, wonach die Schweiz auch im Jahr 2030 noch über ein führendes und global ausgerichtetes Finanzzentrum verfügt.» Einig seien sich die befragten Parteien auch darin, dass möglichst rasch die strategischen Weichen gestellt werden müssen.

Schweiz muss sich international stärker einbringen

Allerdings passiert kaum etwas: «Die beteiligten Parteien geben zwar an, miteinander kooperieren zu wollen – in der Realität findet das aber nicht statt», sagt Trautwein. Dabei drängt die Zeit, glaubt auch Trautwein: Nur wenn die Schweiz aktiv an ihrer internationalen Stellung mitarbeitet, hat sie demnach eine Chance auf einen attraktiven Finanzplatz im Jahr 2030, sagt er. Dafür sollte sich die Schweiz aber in globalen Gremien wie der Industrieländerorganisation OECD stärker engagieren und selbst Ideenvorschläge einbringen. «Die Regulierung muss wieder für alle vorhersehbar und konstruktiv werden.»

Dazu gehört den Foraus-Experten zufolge denn auch, dass sich die Schweizer Banken auf ihr traditionelles Dienstleistungsangebot zurückbesinnen, bei dem der Mehrwert für den Kunden im Vordergrund steht. Vermögensverwalter müssten sich auf neue Marktregionen ausrichten – und ihre Mitarbeitenden entsprechend schulen. Investmentbanken, so empfehlen Trautwein und seine Kollegen, müssten sich wieder stärker auf die klassischen Bereiche fokussieren: «Sie sollten die Finger von strukturierten Produkten lassen, die mit zur Finanzkrise beitrugen», so Trautwein.

Zukunftsfonds für die Schweiz

Das sei auch wichtig, um die Rückendeckung der Gesellschaft nicht zu verlieren – und sollte auch dann gelten, wenn UBS und Credit Suisse gegenüber den internationalen Konkurrenten weiter als bislang an Boden verlören. Sind die beiden Geschäftsbanken gar zu gross für die Schweiz? Nicht zwangsläufig, so Trautwein: «Denn die Schweizer Industrie braucht die grossen Banken, um hohe Kredite zu bekommen.»

Um die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz langfristig zu sichern, plädieren die Foraus-Forscher für einen gross angelegten Zukunftsfonds, mit dessen Hilfe gezielt Investitionen getätigt werden sollen. «Die Schweiz sollte ihre Chancen nutzen: Die Stabilität ist hoch und die Finanzierungsmöglichkeiten gut», so Trautwein. Vorbild könnte demnach der Staatsfonds in Singapur sein, der mit rund 270 Milliarden Dollar ausgestattet ist. Als Volumen des Schweizer Fonds schwebt den Foraus-Experten eine Investitionssumme von bis zu 150 Milliarden Franken vor.

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