Am 18. Mai stimmen wir über den Kampfjet Gripen ab. Nervös?
Jacob Wallenberg:
Nein, aber ich werde ein interessierter Beobachter sein. Für Saab, dessen grössten Aktionär ich vertrete, ist das ein wichtiger Entscheid. Während fast zehn Jahren haben sich Schweden und die Schweiz auf Regierungsebene über diese Beschaffung ausgetauscht und kooperiert.

Zehn Jahre verhandeln und am Schluss eine Volksabstimmung. Ein schwieriger Fall?
Verteidigung ist ein hochpolitisches Thema, das Emotionen auslöst. Das ist auf der ganzen Welt so, nicht nur in der Schweiz. Aber das Referendum ist sicher aussergewöhnlich. Normalerweise sind Fragen der Flugzeugbeschaffung Sache der Regierung. In der Schweiz redet das Volk mit.

Der Ruag-Konzern will Triebwerke der Gripen von Brasilien, Schweden und der Schweiz unterhalten – als Maintenance-Basis. Eine gute Idee?
Wir sind an einem langlebigen, funktionierenden Set-up interessiert; selbstverständlich muss über eine Beteiligung der Schweizer Industrie verhandelt werden. Saab will signifikante Verträge mit Firmen in der Romandie, im Tessin und in der Deutschschweiz aushandeln. Das ist für mich klar.

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Die Kritik kommt immer wieder: Der Gripen E/F war noch nie im Einsatz.
Sie sollten glücklich darüber sein, denn die Schweiz investiert in die neuste technologische Entwicklung.

Damit sind Risiken verbunden.
Die schwedische Regierung geht dieselben Risiken ein. Jede industrielle Produktion geht durch Entwicklungszyklen und jeder Kunde will, dass ein Produkt durch diese Zyklen geht. Das macht Sinn.

Ihr Fonds EQT hat sich bemüht, Sulzer Metco zu kaufen. Am Ende landete Metco bei OC Oerlikon. Enttäuscht?
Ich kann nicht über Einzelinvestments sprechen. Schon gar nicht bei EQT.

EQT gehört ihnen.
Nein, EQT ist ein Fonds-System. Wir sind Aktionäre. Entsprechend haben wir Einfluss aufs Management, aber nicht auf die einzelnen Fonds. EQT kauft und verkauft im Sechs-bis-acht-Jahre-Turnus.

Mit Investor AB sind Sie dagegen der Langfrist-Investor. Ein überholter Ansatz?
Unser Investment-Ansatz ist tatsächlich einzigartig. Wir wollen in Firmen jeweils einen so grossen Anteil der Stimmen kontrollieren, damit wir Einfluss auf die Strategie nehmen können. Wir sind entsprechend langfristig orientiert – auch wenn uns die Märkte auf den ersten Blick dafür nicht lieben. Aber unsere langfristige Performance schlägt die meisten vergleichbaren Modelle. Das gibt uns Legitimität, mit diesem Geschäftsmodell fortzufahren. Nehmen Sie ABB, wo wir grösster Einzelaktionär sind.

Die ABB-Aktie brach kürzlich nach einer Gewinnwarnung ein.
Ja, aber sie hat sich bereits wieder erholt. Und langfristig hat sich die Aktie gut entwickelt. Wir lieben ABB.

Das Energietechnik-Geschäft schwächelt.
Das ist vor allem schlechtem Wetter geschuldet. ABB ist in den beiden Bereichen Energie und Automation gut positioniert.

Ihre grössten Problemfälle im Portofolio?
Wir haben eine Beteiligung in der Papierherstellung via Stora Enso. Das ist angesichts der Umwälzungen im Mediengeschäft eine Herausforderung. Dann sind wir bei SAS investiert. Das Airline-Geschäft ist schwierig. Wir mussten kürzlich eine gröbere Sanierung durchziehen; die Konsolidierung wird weitergehen.

Wenn der Wallenberg-Clan zusammenkommt: Wird nur übers Geschäft geredet?
Ausschliesslich! Nein, im Ernst: Wir sind drei Vertreter der fünften Generation im Geschäft: Mein Cousin Marcus, mein jüngerer Bruder Peter und ich. Über allen Beteiligungen steht die Wallenberg-Stiftung, sie ist nicht profitorientiert und finanziert Forschung und Ausbildung in Schweden. Da kommen jedes Jahr gegen 300 Millionen Franken zusammen. Diese Stiftung kontrolliert 51 Prozent von Investor AB, diese hält die Firmenbeteiligungen.

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Ist es schwierig als Investor in Schweden?
Nein, Schweden ist heute eines der liberalsten Länder der Welt. So gibt es seit zehn Jahren keine Erbschaftssteuer mehr. Auch die Schenkungssteuer und die Vermögenssteuer wurden abgeschafft. Nur das Einkommen wird besteuert. Der Effekt der Deregulierung ist sehr positiv, denn viele Unternehmer sind zurück ins Land gekommen und beleben die Wirtschaft.

Ihre Grossinvestments Ericsson oder ABB sind sehr stark in China exponiert. Heikel?
Die chinesischen Firmen sind formidable Wettbewerber für uns. Sie sind technisch beschlagen und versierte Verkäufer. Es geht längst nicht mehr ums Kopieren. Wir stehen in einem Kampf der Kompetenzen.

Wo liegen Ihre Einwände?
Wenn der Staat über Gebühr der heimischen Industrie hilft und Verletzungen des geistigen Eigentums hinzukommen, herrscht keine Chancengleichheit für Mitbewerber. Das ist ein grosses Problem des internationalen Handels, weil wir über einen der weltgrössten Märkte sprechen. Dann sehe ich nationalistische Tendenzen. Es gibt chinesische Firmen, die chinesische Produkte bevorzugen. Zugleich fassen die Firmen erfolgreich im Ausland Fuss. Dies wird zur grossen Herausforderung für westliche Unternehmen werden.

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Mit welchen Konsequenzen?
In Europa hat man das Gefühl, dass Jobs vom Himmel fallen. Aber das wird nicht mehr der Fall sein, wenn die Chinesen uns mit ihren Produkten überschwemmen. Zudem werden sie vermehrt hiesige Firmen kaufen. Diese Entwicklung beunruhigt.

Weshalb?
Meine Sorge gilt nicht den privatwirtschaftlichen Firmen, sondern den Staatsfonds, welche in Europa auf Einkaufstour gehen. Das ist gefährliche Industriepolitik.

Denken Sie nicht, dass es den Chinesen längerfristig an Innovationskraft mangelt?
Nein. Wir Europäer müssen eine Grundsatzdebatte führen. Künftig werden wir härter arbeiten müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Oder wir werden in Zukunft keine Jobs und kein Wachstum haben. Dann wäre unser Sozialstaat nicht mehr gesichert. Wir müssen uns endlich aus der Komfortzone bewegen.

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