Trotz der Furcht vor einem Eingreifen der Polizei am chinesischen Nationalfeiertag sind heute Morgen erneut Tausende Demonstranten in Hongkong auf die Strasse gegangen. Da China den 65.Jahrestag seiner Gründung feiert, haben die Aktivisten auch ein Einkaufsviertel besetzt. Dorthin strömen sonst am Nationalfeiertag üblicherweise viele Kunden. Damit befeuert der Gedenktag die Anspannung in Hongkong zusätzlich.

Der Stadtstaat hat bereits einige Turbulenzen erlebt. Doch weder die Übergabe an China, noch die Asienkrise und auch nicht die Sars-Epidemie konnten der ehemaligen britischen Kolonie etwas anhaben. Nun steht im Kampf um die politische Zukunft von Hongkong die Stellung der Stadt als internationales Finanzzentrum auf dem Spiel. Von den Protesten im Finanzdistrikt betroffen sind etliche Schweizer Banken, wie etwa die UBS und die Credit Suisse.

Leitindex um zehn Prozent abgestürzt

Die Entwicklung ist alarmierend. Seit dem Beginn der Proteste Anfang September ist der Leitindex Hang Seng um zehn Prozent abgestürzt. Und nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen am Wochenende wächst die Sorge vor einer Eskalation. Am Sonntag hat sich die «Occupy Central»-Bewegung den protestierenden Schülern und Studenten angeschlossen und mit der lange angedrohten Kampagne des zivilen Ungehorsams begonnen. Kern der Strategie ist die Besetzung des Finanzbezirks Central, der eigentlichen Lebensader der Stadt.

Anzeige

«Wir erwarten, dass die Börse in Hongkong unter Druck bleibt und dass die Blockade von wichtigen Geschäfts- und Einkaufszentren insbesondere Aktien im Bereich des Detailhandels und des Tourismus belasten wird», heisst es in einem Investment-Newsletter der Credit Suisse. Die Ereignisse hätten zudem einen negativen Einfluss auf Hongkongs Privatkonsum im vierten Quartal. Investoren wird deshalb geraten, eine «defensive Strategie» zu fahren – um kurzfristige Risiken abzuschwächen.

Angst vor einem «Blutbad»

Vor einer Blockade von Central hatten chinesische Politiker auf dem Festland immer gewarnt. Eine Konfrontation könne in einem «Blutbad» enden, sagte der frühere Unterhändler Chen Zou'er, der die Rückgabe Hongkongs 1997 an China vorbereitet hatte, im August. Dazu ist es zwar noch nicht gekommen. Trotzdem bedeuteten die Krawalle vom Wochenende mit dutzenden Verletzten und rund 90 Festnahmen die heftigsten Unruhen seit den Sechzigerjahren.

Und die Situation dürfte sich in diesen Tagen zuspitzen. Während der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag könnte die Zahl der Protestierenden auf 300'000 bis 400'000 Leute anwachsen, schätzt Politologe Willy Lam laut Bloomberg. «Sie wollen den Regierenden in Hong Kong und Peking zeigen, dass jede Anwendung von Gewalt kontraproduktiv ist.»

«Kein Kommentar»

Die Proteste in Central hätten bisher keinen Einfluss auf die Arbeit gehabt, sagt ein Sprecher der Schweizer Privatbank Vontobel. «Wir sind in ständigem Kontakt mit den Kollegen in Hongkong und sie konnten ungehindert ins Büro.» Allerdings habe Vontobel nur eine sehr kleine Vertretung mit rund 20 Mitarbeitern in der Stadt. Zu den politischen Entwicklungen selbst äussert sich die Bank nicht.

Andere Schweizer Institute bleiben ebenfalls zurückhaltend. «Es wäre nicht zu unserem Vorteil, wenn wir politische Entwicklungen kommentieren», sagt ein Sprecher von Julius Bär. Und auch bei der Credit Suisse, will man «zum jetzigen Zeitpunkt nichts zum Geschäft in Hongkong sagen».

Anzeige

Doch klar ist, dass Hongkong für die Schweizer Banken wichtig ist. Schon im Juni hatten sich die vier grossen Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers, Deloitte, KPMG und Ernst & Young gegen die angedrohte Besetzung ausgesprochen. «Die sozialen und ökonomischen Konsequenzen wären unermesslich», schrieben die Beratungsfirmen, in einer vielkritisierten Zeitungsanzeige.

Spiel mit dem Feuer

Wie sich die Proteste tatsächlich auf die wirtschaftliche Situation von Hongkong auswirken werden, ist zur Zeit schwer abzuschätzen. Leung Chun-ying, der Chief Executive und oberste Beamte der Sonderverwaltungszone hat zwar einen Einsatz der Volksbefreiungsarmee bisher ausgeschlossen. Doch die Regierung in Peking steckt in einem gefährlichen Dilemma. Präsident Xi Jinping riskiere in seiner Heimat als schwach dazustehen, wenn er den Demonstrationen nachgebe, warnt David Zweig von der Hong Kong University of Science gegenüber «Bloomberg».

Anzeige

Auch im Newsletter der Credit Suisse tönt der Ausblick eher pessimistisch. «Angesichts der grossen Differenzen bezüglich dem ‹allgemeinen Wahlrecht› sind die Chancen für eine politische Lösung höchst unsicher.» Mittelfristig müssten sich Investoren deshalb mit der Zukunft von «ein Land, zwei Systeme» auseinandersetzen. Nach diesem politischen Grundsatz wird Hongkong seit 1997 als eigenes Territorium autonom regiert. Die jetzigen Proteste entzündeten sich an Pekings Vorhaben, bei den Wahlen 2017 keine freie Nominierung der Kandidaten für das Amt des Regierungschefs zuzulassen.