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Anschläge
«Wir sind um unser Leben gerannt»

Schockzustände und Horrorbilder, aber auch grosse Hilfsbereichtschaft und Solidarität. Augenzeugen berichten von den Momenten des Bombenanschlages auf den Boston Marathon.

Veröffentlicht am 16.04.2013

Joe Anderson trug die amerikanische Flagge den gesamten Boston-Marathon mit sich. Der 33-jährige Fischer überquerte gerade die Ziellinie, als die erste Explosion das Schaufenster eines Sportgeschäfts zertrümmerte und Glassplitter über die Zuschauer sprühte. «Ich habe viele Verletzte gesehen», sagt er. «Ich habe Leute gesehen, denen offenbar die Beine weggerissen wurden.»

Als Anderson am Nachmittag vom Massachusetts General Hospital zurückgeht, wo viele Verwundete behandelt werden, liegt das Sternenbanner immer noch über seinen Schultern. «Lass' diese Fahne hoch wehen», ruft ihm ein Umstehender zu. In Boston sind die Erinnerung an die Angriffe 11. September 2001 an diesem Tag gegenwärtig.

Viele Geschäfte haben geschlossen

In Massachusetts ist der dritte Montag im April ein Feiertag, Patriots' Day. Viele Geschäfte und Büros haben geschlossen, die Schüler haben eine Woche frei. Entsprechend viele Menschen drängen sich an die Rennstrecke. «Wir sind einfach um unser Leben gerannt», sagt eine 18-Jährige, die am Ziel ihrer Mutter zujubeln wollte. Sie habe nur darauf gewartet, dass «die nächste Bombe mich trifft». Mutter und Tochter finden später zueinander.

Eine 20-jährige Studentin aus Pennsylvania berichtet vom Abbruch des Rennens, als sie noch knapp einen Kilometer vor der Ziellinie entfernt war. «Sie haben uns nur gesagt, dass zwei Bomben hochgegangen sind», erklärt sie. «Wir haben eine halbe Stunde einfach so herumgestanden.»

«Die Menschen sind gut»

Ärzte am Boston Children's Hospital und Massachusetts General berichten von einem zweijährigen Jungen mit Kopfverletzungen, von Splitterwunden und Amputationen. Die Patienten mit den schwersten Verletzungen seien alle innerhalb von 15 Minuten eingetroffen, sagt der Chirurg Peter Fagenholz nach sechs Operationen.

Bei einigen Opfern würden in den kommenden Tagen weitere Eingriffe nötig werden, sagt er. «Die Leute sind ziemlich tapfer. Es ist eine furchtbare Situation und die meisten Patienten haben die Einstellung, «tun Sie was nötig ist, damit es mir besser geht». Noch könne man nicht sagen, wie es allen den Betroffenen ergehen werde.

Mit der Bibel in der Hand

Im Internet werden Listen von Bürgern zusammengetragen, die ihre Häuser für gestrandete Läufer öffnen. Restaurants in der Umgebung bieten auf Twitter unter dem Hashtag #bostonhelp kostenlos Essen, Trinken, Internet-Zugänge und einen Ort an, das Handy aufzuladen - "oder wenn man einfach nicht allein sein will". Die Zeitung «Boston Globe» berichtet von Pastoren, die mit der Bibel in der Hand auf der Commonwealth Avenue Betroffene trösten. «Die Menschen sind gut», erklärt der Läufer Ali Hatfield aus Missouri auf Twitter, der von einer Frau in ihrem Haus mit Getränken versorgt wird.

(se/rcv/reuters)

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