Schweizer Gerichte haben im vergangenen Jahr so viele Fälle von Wirtschaftskriminalität behandelt wie noch nie. Dennoch ist der Gesamtschaden mit 280 Millionen Franken auf den tiefsten Stand seit acht Jahren gesunken.

Insgesamt ist die Zahl grosser Wirtschaftskriminalitätsfälle im vergangenen Jahr auf 91 gestiegen. Das ist der höchste Stand, seit die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG im Jahr 2008 mit der systematischen Erhebung begonnen hat. 2014 waren 77 grosse Fälle von Wirtschaftskriminalität von Schweizer Gerichten behandelt worden.

Schadensvolumen nimmt ab

Auf der anderen Seite nahm das Schadensvolumen gegenüber dem Vorjahr deutlich von 537 Millionen Franken auf 280 Millionen Franken ab, wie KPMG am Dienstag in einem Communiqué bekannt gab. Die durchschnittliche Schadenssumme lag bei 3 Millionen Franken pro Fall. Der grösste Fall betraf eine internationale Bank. Hier betrug die Schadenssumme 40 Millionen Franken, wie ein KPMG-Sprecher auf Anfrage sagte.

Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Denn die von Wirtschaftskriminalität betroffenen Firmen bringen lange nicht alle Fälle vor Gericht.

Ergebnisse der Vorjahre verzerrt

Das vermeintlich doppeldeutige Bild von mehr Fällen, aber geringerer Schadenssumme lässt sich laut KPMG dadurch erklären, dass die Ergebnisse der Vorjahre teils durch einige wenige, extrem grosse Fälle verzerrt wurden. Deren Schaden belief sich auf über 100 Millionen Franken.

Zudem habe sich in den letzten Jahren die öffentliche Wahrnehmung bezüglich Betrugs-, Erpressungs- und Korruptionsfälle erhöht, teilte KPMG weiter mit. Dies hat das Bewusstsein für diese Thematik auch unternehmensintern geschärft und bewirkt, dass heute wesentlich mehr Massnehmen zur Betrugsprävention eingesetzt werden.

Weniger interne Täter

In knapp 40 Prozent der Fälle waren entweder Angestellte oder Führungskräfte die Täter. Damit ist der Gesamtanteil der internen Täter leicht rückläufig. Jedoch zeigte sich in den letzten Jahren eine Verschiebung von Führungskräften hin zu Angestellten als Täter. «Eine wesentliche Gefahr für Firmen, Opfer eines Betrugs zu werden, geht weiterhin von internen Tätergruppen aus», hiess es weiter. So wurde beispielsweise ein ehemaliger Filialleiter einer Bank von einem Gericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Der Bankmanager hatte während eines Jahrzehnts rund 10 Millionen Franken von Kunden veruntreut.

Die zweitgrösste Tätergruppe sind Sonstige, wie etwa Rechtsanwälte oder Finanzberater (36 Prozent der Fälle). Gewerbsmässige Betrüger sind lediglich für ein Fünftel aller Fälle von Wirtschaftskriminalität verantwortlich.

Privatpersonen im Visier

Stark gewachsen ist die Gruppe «Sonstige Opfer», die einen Gesamtschaden von 182 Millionen Franken erlitten. Unter diese Kategorie fallen Privatpersonen, Wohltätigkeits- und nichtstaatliche Organisationen. «Besonders Privatpersonen treffen – anders als kommerzielle Organisationen – keine oder nur wenige Präventivmassnahmen, um Betrug und Veruntreuungen zu verhindern», schrieb KPMG. Entsprechend würden insbesondere wohlhabende und gleichzeitig in einem Abhängigkeitsverhältnis stehende Personen ein beliebtes Ziel bilden.

«Da kommerzielle Organisationen ihre Präventionsmassnahmen erhöht haben, könnte es für Betrüger attraktiver werden, Privatpersonen und nichtkommerzielle Organisationen ins Visier zu nehmen», äusserte sich Kriminalitätsexperte Philippe Fleury von KPMG. So plünderte beispielsweise ein kirchlicher Seelsorger als Vormund mehrere Jahre das Konto seines geistig behinderten Mündels. Er hatte als Beistand Zugriff auf dessen Bankkonto: Über 400 Mal bediente er sich am Guthaben. Insgesamt veruntreute der Seelsorger über 250'000 Franken.

Grösster Schaden in der Romandie

Am meisten Fälle von Wirtschaftskriminalität behandelten die Gerichte in der Region Zürich: Dort gab es 21 Verurteilungen mit einer Deliktssumme von 47,5 Millionen Franken. Der Schaden war allerdings in der Genfersee-Region wesentlich grösser. Dort verursachten nur vier Fälle von Wirtschaftskriminalität einen Schaden von 87,3 Millionen Franken.

Im Vorjahr war Zürich noch einsamer Spitzenreiter gewesen mit einer Schadensumme von 372,4 Millionen Franken. Genf hatte sich hingegen mit einem einzigen Fall von 1,8 Millionen Franken am Schluss der Rangliste befunden.

(sda/ise/ama)

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