Tausende Menschen haben am Sonntag erneut in Venezuela gegen Präsident Nicolás Maduro und seine Regierung demonstriert. In der Hauptstadt Caracas zogen knapp 20'000 Menschen in vier Protestmärschen zu einer zentralen Kundgebung im Stadtteil Chacaito.

Die Demonstranten folgten einem Aufruf der Studenten und der Opposition. Die vier Protestzüge sollten die Hauptvorwürfe der Demonstranten symbolisieren: Sie richteten sich demnach gegen die grassierende Kriminalität, die Untätigkeit der Polizei, die Wirtschaftskrise sowie die Zensur der Medien.

Wirtschaft steht vor Kollaps

Die Proteste haben zwar unterschiedliche Gründe. Es ist aber klar, dass die desolate Wirtschaftssituation nicht zur Beruhigung der Lage beiträgt. Die Inflation ist mit 56 Prozent die höchste der Welt. Dies bei einem schwachen Wirtschaftswachstum von 2 Prozent im Jahr 2013. Im laufenden Jahr könnte sogar eine Rezession drohen. Hinzu kommt die steigende Arbeitslosigkeit, die laut Zahlen des Internationalen Währungsfonds inzwischen auf einen zweistelligen Wert geklettert ist.

Die Wirtschaftsdaten sind umso erstaunlicher, als dass Venezuela zu den grössten Erdölexporteuren gehört. Laut Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley hat das Land im vergangenen Jahr trotzdem ein Leistungsbilanzdefizit von 15 bis 20 Milliarden Dollar auszuweisen. Sollten die Zahlen stimmen, könnte Venezuela schon bald die Zahlungsunfähigkeit drohen. Zum Vergleich: Noch vor wenigen Jahren exportierte das Land gemessen an der Wirtschaftsleistung noch 10 Prozent mehr als es importierte.

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Heimisches Gewerbe unter Druck

Die Regierung sieht dem wirtschaftlichen Absturz ohnmächtig zu. In der Zwischenzeit droht Venezuela zum Pulverfass Südamerikas zu werden. Kein Tag vergeht ohne Proteste und Gewalt. Das Land wird von blutigen Konfrontationen auf der Strasse erschüttert. Die Regierung hält eisern Kurs, die Opposition dagegen.

Glaubt man dem linken Staatschef Nicolás Maduro haben die seit Wochen andauernden Proteste «faschistischer Banden» nur ein Ziel: den Sturz der gewählten Regierung und ein Ende der von Vorgänger Hugo Chávez geprägten bolivarischen Revolution.

Tatsächlich droht Maduro seine Basis zu entgleiten. Auch die ärmeren Bevölkerungsschichten leiden zunehmend unter der Wirtschaftskrise. Mit staatlichen Preiskontrollen will die Regierung die Armen bei Stange halten. Harte Gesetze sollen Wucher und das Zurückhalten von Waren verhindern.

Kriminalität ausser Rand und Band

Ein riesiges Problem ist die Kriminalität. Venezuela hat seit Jahren eine der höchsten Mordraten. Auch andere Gewaltdelikte wie Entführungen, bewaffnete Autodiebstähle, Raubüberfälle und Sexualdelikte sind weit verbreitet.

Caracas gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Die NGO Observatorio Venezolano de Violencia (OVV) errechnete für Caracas 122 Morde auf 100'000 Einwohner (Stand 2012). Zum Vergleich: In der Schweiz gab es 2011 0,7 Morde auf 100'000 Einwohner. Im ganzen Land starben laut OVV im Jahr 2012 21'692 Menschen durch Tötungsdelikte. Kein anderes Land – welches sich nicht im Krieg befindet – hat so viele gewaltsame Todesfälle zu beklagen.

Proteste weiten sich aus

Die Proteste der zunächst überwiegend studentischen Gegner begannen Anfang Februar aus Wut über die hohen Lebenshaltungskosten, die verbreitete Korruption, die häufigen Versorgungsengpässe und die endemische Kriminalität. Immer wieder kam es bei den Kundgebungen zu schweren Strassenschlachten, bei denen 18 Menschen getötet und mehr als 260 verletzt wurden. Den Demonstrationen haben sich inzwischen auch radikale konservative Oppositionsführer mit dem Ziel angeschlossen, Maduro und seine Regierung nach noch nicht einmal einem Jahr im Amt abzulösen.

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UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich jüngst besorgt über die Lage in Venezuela geäussert und Regierung und Opposition aufgerufen, die zunehmende Polarisierung auf dem Dialogweg zu lösen. Nach Angaben des venezolanischen UNO-Botschafters Jorge Valero wird Ban am Dienstag mit Aussenminister Elias Jaua in Genf zusammentreffen.

(mit Material von sda)