Sie waren Notar, Anwalt und Vollblutpolitiker. Seit acht Jahren sind Sie Präsident des ETH-Rats. Wären Sie heute nicht viel lieber Forscher?
Fritz Schiesser*: Die wissenschaftliche Atmosphäre, die hier herrscht, ist sehr faszinierend. Deshalb würde ich heute eine Kombination von naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern und ein juristisches oder wirtschaftliches Studium in Erwägung ziehen.

Eine diplomatische Antwort.
Überhaupt nicht. Ich habe in meiner politischen Tätigkeit die Wissenschaft nicht derart nah und intensiv erlebt wie jetzt, obwohl ich acht Jahre lang Stiftungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds war. Die Studierenden und Forschenden an unseren beiden ETH und den vier Forschungsanstalten begeistern mich genauso wie die Politik. Als ETH-Ratspräsident bin ich heute noch politisch tätig, indem ich unsere Hochschul- und Forschungsinteressen gegenüber dem Parlament und dem Bundesrat vertrete.

Ist es schwierig, die Bundespolitiker zu überzeugen?
Natürlich weiss man als Parlamentarier um die Bedeutung der ETH und Forschungsanstalten. Doch deren wirklicher Stellenwert für unser Land ist mir erst bewusst geworden, als ich das Präsidium übernommen habe.

Das ist ein typisch schweizerisches Understatement.
Natürlich nimmt man als National- oder Ständerat die Rankings zur Kenntnis. Man ist sogar ein bisschen stolz auf die Spitzenklassierungen, doch man zeigt es sicher nicht nach aussen. Das ist typisch schweizerisch. Doch wichtiger als die Rankings ist die Rolle, welche der ETH-Bereich für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz spielt.

Anzeige

Die wäre?
Die Gründung der ETH vor 160 Jahren war eine Pionierleistung sondergleichen. Die Schweiz hat ausser Wasser und Holz keine Rohstoffe. Also schickte sich der junge Bundesstaat an, Ingenieure, Naturwissenschafter, Architekten und Mathematiker an der neuen Eidgenössischen Technischen Hochschule auszubilden. Diese klugen Köpfe und ihr Wissen bilden seither den zentralen Rohstoff unseres Landes. So kam es zu zahlreichen Durchbrüchen und Innovationen in der Technik und den Naturwissenschaften. Diese Erfolgsgeschichten lockten die besten Köpfe aus dem Ausland nach Zürich und Lausanne oder nach Villigen ans Paul Scherrer Institut.

Wie definieren Sie die Rolle, welche der ETH-Bereich heute für die Wirtschaft spielen sollte?
Er muss wesentliche Beiträge für den Industrie- und Wissensstandort Schweiz liefern, und zwar durch eine hochstehende Ausbildung, neue Ideen und hervorragende Produkte. Unsere Schulen müssen mit Köpfen und Technologie Innovationen in die Wirtschaft bringen.

Gibt es einen Schwerpunkt?
Wir haben in unserer Planung bis 2020 vier strategische Fokusbereiche in der Forschung festgelegt. Einer davon ist Advanced Manufacturing.

Was ist das?
Neue Produktionsmechanismen. Hier geht es um das Potenzial neuer Technologien, die es gerade für unsere Industrie und KMU weiterzuentwickeln und auszuschöpfen gilt, so das 3D-Printing, neue Beschichtungen, Mikrotechnik oder innovative Materialien mit kombinierten Eigenschaften, die man bis jetzt noch nicht zusammenbrachte. In diesen Bereichen wollen wir noch innovativer werden, damit wir und die Unternehmen mit der internationalen Konkurrenz mithalten können.

Kann der ETH-Bereich auch in Zukunft mithalten?
Ja, aber dazu dürfen die bestehenden Rahmenbedingungen nicht verschlechtert werden. Wir müssen international offen bleiben und weiterhin Zugang zu den besten Köpfen auf der ganzen Welt haben. Zweitens sind stabile und berechenbare Verhältnisse in der Schweiz notwendig - besonders die Grundfinanzierung durch die Eidgenossenschaft, die uns eine hervorragende Ausgangslage bietet. Diese kann man nicht genügend hoch einschätzen.

Anzeige

Sie sprechen viel von Qualität, Exzellenz und klugen Köpfen. Können die neuen Innovationsparks die hohen Erwartungen überhaupt erfüllen?
Ich möchte vor dem Glauben warnen, dass man einfach Innovationsparks baut und dann entstehen automatisch Innovationen.

Man hat aber den Eindruck, dass der Staat Kreativität und Innovation verordnen möchte.
Der Staat kann keine Kreativität verordnen, das würde nie funktionieren. Doch der Staat kann die Rahmenbedingungen schaffen, damit Kreativität entstehen kann. Was zusammenkommt, wer sich wie inspiriert, ist abhängig von den Leuten und Projekten, die in die Innovationsparks ziehen. Die beiden ETH und unsere Forschungsanstalten werden sicher ihren Beitrag leisten, aber das reicht noch nicht. Es braucht ein Konglomerat von Leuten, die im ersten Moment vielleicht nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben, aber dann gemeinsam Neues und Innovatives schaffen können.

Anzeige

Gibt es Vorbilder?
Ich denke an die Anfänge des Technoparks in Zürich oder an den Parc de l'innovation in Lausanne, wo man auf dem Campus der EPFL einige Gebäude für Unternehmen erstellte und damit den direkten Austausch mit den Forschenden förderte. Das ist für mich ein ideales Umfeld, aus dem heraus kreative Ideen entstehen können. Dass uns das gelingt, zeigt die hohe Zahl von Spin-offs, die aus dem ETH-Umfeld stammen. Letztes Jahr waren es 49, ein neuer Rekord, mehr als am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Sie plädieren für Offenheit und ideale Rahmenbedingungen. Im Vorfeld der Masseneinwanderungsinitiative haben Sie sich aber kaum verlauten lassen – trotz der Bedeutung für den Forschungsplatz und dem herben Dämpfer.
Im Nachhinein ist man meist klüger. Hätten allein die Hochschulen und die Wissenschaft die knapp 20’000 Stimmen Differenz zwischen Ja und Nein noch drehen können? Wahrscheinlich hätte es ein grösseres Engagement von allen gebraucht, auch vonseiten der Wirtschaft. Wir müssen nun verstärkt aufzeigen, was die Folgen einer strikten Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative für unseren Bildungs-, Forschungs- und Innovationsplatz sind.

Anzeige

Welches wären die Folgen?
Würden Kontingente eingeführt, schwächten wir eine der zentralen Rahmenbedingungen für die Wissenschaft ganz erheblich. Für einzelne Institutionen aus dem ETH-Bereich, in denen Spezialisten aus 50, 60 Nationen arbeiten, wäre es eine dramatische Einschränkung, wenn sie nicht mehr auf die besten Köpfe – auch ausserhalb der Schweiz – zurückgreifen könnten.

 

 *Fritz Schiesser ist seit acht Jahren Präsident des ETH-Rates. Der 61 Jahre alte Jurist praktiziert noch immer Teilzeit als Anwalt und Notar. Von 1990 bis 2007 sass er als FDP-Vertreter für den Kanton Glarus im Ständerat. Das vollständige Interview lesen Sie in der neuen «Handelszeitung», seit Donnerstag am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.