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Fussball
WM-Städte: «Grüne Hölle» und «Mord-Moloch»

Die WM steht vor der Tür und den Veranstaltern läuft die Zeit davon. Dies sind die wichtigsten Probleme, mit denen die zwölf WM-Städte einen Tag vor dem Anpfiff zu kämpfen haben.

Von Gabriel Knupfer
am 10.06.2014

Dass die Veranstalter bis zur letzten Minute ran müssen, ist bei Grossveranstaltungen schon fast zur Normalität geworden. Die Probleme mit denen die Austragungsstädte der Fussball-WM in Brasilien zu kämpfen haben, sprengen aber das übliche Mass von Improvisation und Chaos bei weitem. Zu Verzögerungen beim Bau von Stadien und Infrastruktur kommen teils gewalttätige Proteste und Streiks sowie Klima- und Wetterkapriolen.

Alle Austragungsorte der Fifa-Fussballweltmeisterschaft 2014 kämpfen aber noch mit spezifischen Problemen. Die zwölf WM-Städte in der Einzelkritik.

Die Ausnahme: Belo Horizonte

Kaum Probleme wurden bisher aus der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais im Südosten des Landes gemeldet. Dafür gab’s am Sonntag ein Sonderlob von Präsidentin Dilma Rousseff an die Adresse des Bürgermeisters. Selbst der Zeitplan wurde in Belo Horizonte gut eingehalten. Das 1965 erbaute Stadion Mineirão konnte nach aufwändiger Renovation bereits Anfang 2013 wieder eröffnet werden. Für Touristen hat die eher gesichtslose Grossstadt aber trotzdem nur wenig zu bieten.

Die Blutleere: Brasília

In der abgelegenen Hauptstadt Brasília blieben die ganz grossen Proteste bisher aus. Kein Wunder, leben doch vor allem Menschen der Mittel- und Oberschicht. Weil aber auch die Politiker und Beamten das Wochenende lieber in anderen Städten des Landes verbringen macht die Retortenstadt auf 1200 Metern über Meer auch gut fünfzig Jahre nach der Gründung noch einen ziemlich blutleeren Eindruck. Bei einer Demonstration von Ureinwohnern wurde Ende Mai ein Polizist durch einen Pfeil am Bein verletzt und musste operiert werden. Der Neubau des Estádio Nacional de Brasília hat mehr als 700 Millionen Franken gekostet, obwohl der WM-Final im 1000 Kilometer entfernten Rio stattfindet.

Die Unbekannte: Cuiabá

Die ausserhalb des Landes unbekannte Stadt liegt im geografischen Zentrum Südamerikas am Rand des Pantanals, einem der grössten Feuchtgebiete der Welt. Lange Zeit war unklar, ob die Arena Pantanal für die WM fertig werden würde. Am 21. Mai konnte sie dann aber doch noch rechtzeitig der Fifa übergeben werden. Für die acht Teams, die in Cuiabá Spiele bestreiten müssen, steht aber nur eine Trainingsanlage zur Verfügung. Immerhin sind hier die Monate Juni und Juli mit monatlichen Tiefstwerten von knapp unter 20 Grad Celsius die angenehmsten des ganzen Jahres.

Die Verspätete: Curitiba

Weil der Stadionumbau in Curitiba weit hinter dem Zeitplan blieb, drohte die Fifa der Stadt mit dem Entzug der Spiele. Ende Mai wurde die Arena da Baixada aber  doch noch fertig. Für ein Testspiel reichte die Zeit indes nicht mehr. Viel schlimmer als die Bauverzögerungen ist momentan aber das Wetter in der Hauptstadt des Bundesstaates Paraná. Bei heftigen Stürmen im Süden von Brasilien starben vergangene Woche mindestens acht Menschen. Mehr als 2000 Menschen mussten evakuiert werden.

Die Zeltstadt: Fortaleza

Die Stadt ist ein beliebter Badeort für die Brasilianer und immer mehr auch Ausländer. Gesichtslose Hotelburgen, Armut und Gewalt prägen aber das angebliche Ferienparadies. Während dem Confed-Cup gab es hier Demonstrationen und Krawalle. Um die Infrastruktur steht es auch nicht zum Besten. Weil beispielsweise das neue Terminal auf dem Flughafen nicht fertig wird, sollen die Passagiere dort in Zelten abgefertigt werden.

Die Amazonas-Hölle: Manaus

Dass das Malariagebiet Manaus als Austragungsort gewählt wurde, sorgte von Anfang an für Kritik. Die Zweimillionenstadt liegt mitten in der «grünen Hölle» des Amazonas. Die monatlichen Durchschnittstemperaturen betragen das ganze Jahr zwischen 26 und 28 Grad Celsius. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit wird die Temperatur vom Menschen als noch wärmer empfunden als sie tatsächlich ist. Heftige Regenfälle haben im Mai das neue Terminal des Flughafens überflutet. In Manaus trifft die Schweiz zum Abschluss der Vorrunde auf Honduras. Den Regenwald-Boys aus Mittelamerika dürfte das Klima in der Arena da Amazônia weit weniger zusetzen als unseren Nati-Cracks.

Die Unvorbereitete: Natal

In Natal wollen ab Donnerstag (WM-Start) die Angestellten im öffentlichen Nahverkehr streiken. Am Freitag soll dann in der Arena das Dunas das erste WM-Spiel zwischen Mexiko und Kamerun ausgetragen werden. Das Stadion wurde zwar bereits im Januar offiziell eröffnet, war aber beim Besuch von Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke Ende Mai noch längst nicht für die WM bereit. Es sei «ein Rennen gegen die Zeit», twitterte der Fifa-Funktionär.

Die Ampellose: Porto Alegre

Auch mit dem Stand der Arbeiten in Porto Alegre war Valcke alles andere als zufrieden. Bei den Aussenanlagen war im Mai zum Teil noch nicht einmal der Untergrund für die gepflasterten Flächen vorbereitet. Am 6. Juni, neun Tage vor dem ersten Spiel im Estádio Beira-Rio, verweigerten Sicherheitsinspektoren der brasilianischen Feuerwehr die Betriebsgenehmigung. Und auch an der nötigen Infrastruktur wird noch mit Hochdruck gearbeitet. Bei den Zufahrtstrassen zum Stadion fehlen Pannenstreifen und Ampeln.

Die Mord-Kapitale: Recife

Die Arena Pernambuco in Recife wurde rechtzeitig fertig und die Kosten sind mit 200 Millionen Franken in einem einigermassen anständigen Rahmen geblieben. Trotzdem freuen sich nicht alle Bewohner der Metropole auf die WM. Zahlreiche Anwohner wurden im Zuge des Stadionbaus enteignet und vertrieben. Zudem ist Recife eine der gefährlichsten Städte in Brasilien. Der Spiegel bezeichnete den Küstenort 2008 gar als «Mord-Moloch».

Die Schöne und Zerrissene: Rio de Janeiro

In der ehemaligen Hauptstadt Rio de Janeiro schlägt das Herz dieser Fussball-WM. Zum zweiten Mal nach 1950 soll im legendären Maracanã der WM-Final ausgetragen werden. Rio ist zweifellos eine der schönsten Städte der Welt – aber leider auch eine der zerrissensten. Während dem Confed-Cup demonstrierten hier Hunderttausende gegen die Regierung und die hohen Kosten der WM. Bei heftigen Strassenschlachten mit der Polizei wurden Dutzende Menschen verletzt.

Die Gewalttätige: Salvador da Bahia

Salvador war als Austragungsort unumstritten. Die drittgrösste Stadt des Landes war bis 1763 Hauptstadt Brasiliens. Anders als die meisten brasilianischen Städte hat Salvador eine Fülle von historischen Sehenswürdigkeiten zu bieten. Problematisch ist indes die hohe Kriminalität. Mit 2234 Morden im Jahr 2013 gehörte Salvador wie Recife zu den gewalttätigsten Städten der Erde.

Die Protesthochburg: São Paulo

São Paulo ist der grösste industrielle Ballungsraum in Lateinamerika. Die Stadt ist das wichtigste Wirtschafts-, Finanz- und Kulturzentrum des Landes. Die Vorbereitungen zur Fussball-WM standen in São Paulo aber unter schlechten Vorzeichen. Die Arena Corinthians wurde erst am 19. Mai 2014, rund einem Monat vor dem Anpfiff zur WM, einem ersten Test unterzogen. Die Bauarbeiten sind aber auch heute noch nicht komplett abgeschlossen. Zudem dürften die Anti-WM-Proteste in São Paulo besonders heftig werden. Wegen eines U-Bahn-Streiks droht überdies zum WM-Start ein Verkehrschaos, denn auch ohne Grossveranstaltung sind täglich 4,5 Millionen Menschen mit der Metro unterwegs.
 

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