Eigentlich ging es «nur» um die Wiederwahl der CDU-Vorsitzenden, aber am Ende klang es nach viel mehr: Als Angela Merkel nach mehr als einer Stunde Redezeit auf dem CDU-Bundesparteitag in Köln ihre erneute Kandidatur bekannt gab, wehte bereits ein Hauch von Bundestagswahl 2017 durch die Messehalle. Nach harten Attacken gegen die SPD sagte die 60-Jährige: «Gerne möchte ich als Vorsitzende dieser grossartigen Partei zusammen mit jedem Einzelnen von Ihnen auch weiter unserem Land, der Bundesrepublik Deutschland dienen.»

Zuvor hatte Merkel die Herausforderungen für Deutschland und die Union angesichts einer digitalen Revolution als so grundsätzlich und schicksalhaft beschrieben, dass dies eigentlich nur einen Schluss nahelegte: Sie will nicht nur zwei Jahre als CDU-Vorsitzende weitermachen, sondern strebt auch 2017 eine vierte Kanzlerschaft an. «Uns muss eines klar sein: Nur unsere eigene Stärke, nur eine starke Union wird 2017 Rotrotgrün unmöglich machen», warnte sie.

96,7 Prozent Zustimmung

Den zehnminütigen Applaus und die 96,7 Prozent bei ihrer Bestätigung als Parteivorsitzende könne man deshalb auch als Erleichterung der 1001 Delegierten ansehen, kommentierte ein hochrangiger CDU-Politiker. Gerade weil Merkel im In- und Ausland als so übermächtig angesehen wird, wagt derzeit niemand in der Partei eine Debatte für die Zukunft nach Merkel. Sie selbst hatte vor Monaten Spekulationen ausgetreten, sie könne vor 2017 aufhören.

«In der CDU wird man versuchen, diese Debatte zumindest in den nächsten zwei, drei Jahren abzuwürgen», hatte Oskar Niedermayer, Politikprofessor an der Freien Universität in Berlin, schon im Dezember 2013 prophezeit. «Wenn sie sich für eine vierte Amtszeit entscheidet, wird niemand in ihrer Partei im Wege stehen», sagt er heute. Vergangene Woche betonte auch Partei-Vize Julia Klöckner, sie rechne fest damit, dass Merkel 2017 wieder antrete.

Thüringen als Probelauf eines Links-Bündnisses

Die Wahl des Linken-Politikers Bodo Ramelow zum thüringischen Ministerpräsidenten hat diesen Wunsch nach einer Fortsetzung der Kanzlerschaft Merkels in der Union noch verstärkt. Denn trotz der Dementis von SPD-Chef Sigmar Gabriel sehen die Unions-Granden Thüringen als echten Probelauf für ein Linksbündnis auf Bundesebene nach der Bundestagswahl 2017.

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CSU-Chef Horst Seehofer forderte vergangene Woche ganz offen, dass die Union 2017 schon deshalb eine absolute Mehrheit anstreben müsse, weil sich nur so eine rot-rot-grüne Mehrheit im Bund verhindern lasse. Und er machte klar: Dieses Ziel könne nur mit einer Kandidatin Merkel erreicht werden, die in der Bevölkerung nach neuen Umfragen eine sehr hohe Anerkennung geniesst.

Unersetzbarkeit Merkels weckt Nervosität

Längst wird Merkel international in die Kategorie mit ihren Vorgängern wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl eingeordnet, die noch länger CDU-Vorsitzende waren als sie. Zuletzt arbeiteten sich die US-Magazine «Vanity Fair» und «New Yorker» an Merkels politischer Karriere ab. Dass dabei oft Bewunderung mitschwingt, wird in der CDU einerseits mit Genugtuung registriert. Andererseits bewirkt der Eindruck der Unersetzbarkeit eine gewisse Nervosität.

Das zeigte auch ein kleiner Aufreger am Rande des Kölner Parteitages: Denn die heute 60-jährige gilt zwar als Politikerin mit sehr robuster Gesundheit, musste aber ein ZDF-Interview kurz unterbrechen, weil sie sich nicht wohl fühlte. Ein Medienbericht sprach prompt von einem «Schwächeanfall». Das wurde zwar umgehend dementiert. Aber der Zwischenfall erinnerte daran, dass auch die gefeierte Merkel nur ein Mensch ist.

Nicht unumstritten

Ohnehin ist der Kurs der CDU-Chefin keineswegs unumstritten - trotz der 41,5 Prozent für die Union bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Immer wieder wird etwa parteiintern darauf verwiesen, dass sich in ihrer Amtszeit als Kanzlerin seit 2005 die Zahl der CDU-Ministerpräsidenten mehr als halbiert hat. Daran erinnerte auch der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Armin Laschet. Der Erfolg der Kanzlerin habe also einen Preis, lautet der Vorwurf der Kritiker.

Sowohl die Konservativen in der Partei als auch der Wirtschaftsflügel haben immer wieder - und auch in der grossen Koalition mit der SPD - über Merkels «Hyper-Pragmatismus» und damit ein fehlendes Profil der Partei geklagt. Was angesichts der hohen Prozentzahl bei der Wiederwahl Merkels zur Parteichefin fast unterging: Fast 100 Delegierte stimmten bei der Merkel-Wahl nicht ab, weshalb man sie wohl zu den 30 Nein-Stimmen dazurechnen kann.

Keine Koalition ohne FDP

In der CDU-Spitze zieht man allerdings eine andere Bilanz. Es stimme zwar, dass die Zahl der Unions-Ministerpräsidenten stark geschrumpft sei - aber dies liege an einem neuen strukturellen Problem der Union, nicht an Merkel. In etlichen der vergangenen Landtagswahlen habe die CDU sogar zugelegt und war stärkste Partei geworden. Aber seit dem Absturz der FDP fehlt ihr in vielen Ländern schlicht ein Koalitionspartner.

Seehofers Forderung nach einer absoluten Mehrheit entspringt also weniger bayerischer Hybris, sondern echter Sorge. Denn eine Koalition mit der AfD hat Merkel in Köln erneut kategorisch ausgeschlossen, die Rückkehr der FDP in den Bundestag erscheint sehr unsicher.

Paradoxe Situation

Deshalb steht die Kanzlerin eigentlich vor einer paradoxen Situation: Die CDU ist so sehr auf sie als Führungsfigur zugeschnitten wie noch nie. Zugleich versucht Merkel ihre Partei mit einer Radikalkur auf eine breitere Basis zu stellen, damit sie selbst irgendwann nicht mehr gebraucht wird.

Der von ihr ausgewählte CDU-Generalsekretär Peter Tauber betonte vergangene Woche, dass er der Partei den Status als «Volkspartei der Mitte» sichern wolle. Bereits bei seinem Amtsantritt hatte er eine stärkere Öffnung hin zu Migranten, aber auch gesellschaftlichen Gruppen wie Schwulen- und Lesben angekündigt, die keine klassische CDU-Klientel sind. Das erfordert angesichts kritischer Stimmen harte innerparteiliche Debatten.

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Bereits 2013 hatte Merkel Fragen nach ihrer Nachfolge betont gelassen abgetan: Sie traue das vielen zu. In Köln machte es den Eindruck, als traue sie es einer Person allerdings am meisten zu - sich selbst.

(reuters/ise/lur)