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Goldman Sachs
Das Massengeschäft lockt

Die US-Investmentbank Goldman Sachs verdient jetzt auch mit dem einfachen Volk Geld.

Die Expansion des traditionsreichen Geldhauses Goldman Sachs ins Geschäft mit Kleinkrediten und Kleinsparern scheint sich auszuzahlen.

Von Renzo Ruf
am 14.03.2018

Auf den ersten Blick handelt es sich um ein ganz gewöhnliches Werbemailing. «Tilgen Sie Ihre hochverzinslichen Verpflichtungen mit einem gebührenfreien, festverzinslichen Privatkredit», lautet der Titel des Briefes in fetten Lettern. Weiter heisst es: Die Kleinkredite seien nicht nur für Menschen eine ideale Lösung, die Kreditkarten-Schulden abstotterten – das Geld könne auch für die Finanzierung von Reisen, besonderen Anlässen, grösseren Anschaffungen sowie für Umzüge oder Renovationen des Eigenheims verwendet werden, «abgestimmt auf Ihre Bedürfnisse».

Das Besondere an diesem Schreiben befindet sich im Briefkopf: Beim Absender handelt es sich nicht um eine Drückerkolonne, sondern um das traditionsreiche Geldhaus Goldman Sachs, gegründet vor fast 150 Jahren durch einen Einwanderer aus Bayern. «Marcus» heisst das im Oktober 2016 ins Leben gerufene Produkt, das über die in Salt Lake City angesiedelte Retail-Sparte vertrieben wird. Der Name, eine Anspielung auf die legendäre Gründerfigur Marcus Goldman (1821–1904), deutet darauf hin, dass Goldman Sachs sich nicht dafür schämt, ins Massengeschäft eingestiegen zu sein.

 

Positives Feedback

Dazu passt, was Finanzchef Martin Chavez zu Jahresbeginn während eines Analystengesprächs sagte. Das Feedback, das Goldman Sachs auf das neue Angebot bekommen habe, sei positiv und die Bank mit der Startphase höchst zufrieden. Das Geschäft mit Kleinkrediten in der Höhe von bis zu 40 000 Dollar besitze grosses Potenzial. Goldman Sachs werde deshalb weiter in die entsprechende Internet-Plattform investieren. Bisher soll die Bank zwei Milliarden Dollar in den Auftritt von «Marcus» gesteckt haben; obwohl rechtlich nicht selbstständig, tritt das Produkt im Internet eigenständig auf. Gleichzeitig versprach Chavez den Analysten, dass die Bank im Kampf um zusätzliche Marktanteile nicht über die Stränge schlagen werde. «Wir bleiben diszipliniert», sagte der Finanzchef; «Marcus» habe kein Interesse daran, die Kriterien bei der Kreditvergabe aufzuweichen und ins Geschäft mit Schuldnern einzusteigen, deren Bonität zweitklassig sei.
In den Augen von Marktbeobachtern ist dies auch gar nicht nötig – dafür verantwortlich ist die brummende Konjunktur und der Hang des amerikanischen Durchschnittshaushaltes, auf Pump zu leben. Gemäss Zahlen der Fed-Zweigstelle in St. Louis fiel die Sparquote privater Haushalte im Dezember 2017 auf 2,4 Prozent – einen ähnlich tiefen Wert hatten die Notenbanker zuletzt 2005 gemessen, kurz bevor die Blase auf dem Immobilienmarkt platzte. Gleichzeitig stiegen die Kreditkarten-Schulden auf die schwindelerregend hohe Summe von 834 Milliarden Dollar, wie die Fed-Zweigstelle in New York berechnete.

 

Das richtige Timing

«Marcus» hat sich bisher nur ein kleines Stück dieses grossen Kuchens abgeschnitten: Gemäss den offiziellen Zahlen vergab Goldman Sachs im Geschäftsjahr 2017 Kleinkredite von 2,3 Milliarden Dollar. Damit scheint das Unternehmen auf Kurs zu sein. Denn beim Start war die Rede von einem Kreditvolumen von 13 Milliarden Dollar innerhalb der ersten drei Jahre. Diese Akzeptanz, sagt Branchenbeobachter Peter Renton im Gespräch, hänge auch mit dem «richtig guten Timing» von Goldman Sachs zusammen – denn mit «Marcus» operiere die Bank in einem Segment, das von den übrigen Grossbanken seit der Finanzkrise sträflich vernachlässigt werde. Der Konkurrenz wiederum – Renton nennt Lending Club und Pros­per Marketplace – fehle das Renommée, das Goldman Sachs besitze.
Renton ist kein herkömmlicher Branchenbeobachter. Der gebürtige Australier betreibt seit 2010 von Denver aus den Blog «Lend Academy», der sich mit den Eigenheiten von Peer-to-Peer-Darlehen beschäftigt. Und obwohl «Marcus» bei der Vergabe von Krediten auf Geld zurückgreift, das sich in der Bilanz der Goldman Sachs Bank USA befindet, und damit kein klassischer P2P-Anbieter ist, verfolgt Renton mit Interesse, wie sich das Produkt am Markt behauptet. Sein Eindruck: Die rund 700 Angestellten, die hinter «Marcus» stünden, machten eine gute Arbeit. So sei das Nutzerlebnis der Kundinnen und Kunden positiv, auch weil Goldman Sachs sich entschieden habe, bei der Vergabe von Kleinkrediten mit einigen Innovationen aufzuwarten. Die wohl wichtigste Neuerung: «Marcus» überlässt es den Kunden, die Laufzeit eines Kredites zu bestimmen.

 

Der Kunde bestimmt die Laufzeiten

Diese Entscheidung fiel nicht im stillen Kämmerlein, wie Omer Ismail im vorigen Jahr im Gespräch mit Peter Renton ausführte. Ismail ist der eigentliche Kopf hinter «Marcus»; offiziell lautet sein Titel Chief Operating Officer (COO), der Banker aus Pakis­tan bezeichnet sich aber oft und gerne als «Employee Zero», eine Formulierung, die an die wilden Gründerjahre eines Start-up-Unternehmens im Silicon Valley erinnert. Er und sein Team hätten buchstäblich mit «Tausenden von Konsumenten» gesprochen, nachdem Goldman Sachs im Sommer 2014 den Startschuss zum «Project Mosaic» gegeben habe, wie «Marcus» in der Anfangsphase intern genannt wurde. Das Resultat dieser Erhebung: Die US-Bevölkerung habe Angst davor, bei der Kreditaufnahme schlecht behandelt zu werden, sagt Ismail. «Amerikanerinnen und Amerikaner haben es satt, hereingelegt zu werden und über Vertragsbedingungen zu stolpern, die alles andere als transparent sind.» Zudem wollten sie Produkte, die nicht in eine Schablone passten. Auch deshalb, sagte Ismail, habe sich «Marcus» von fixen Laufzeiten (von beispielsweise 24 Monaten oder 36 Monaten) für Kredite verabschiedet. Stattdessen kann der Kunde nun selbst bestimmen, welche Ratenzahlung er jeden Monat überweisen will – daraufhin berechnet die «Marcus»-Plattform automatisch die Laufzeit des Kredites und die Höhe des Zinses (im Zielband zwischen 6,99 Prozent und 24,99 Prozent). Technisch ist dies natürlich keine Hexerei, wie auch Renton sagt, basiert doch die Vergabe eines Kleinkredites auf einfachen mathematischen Berechnungen. Er sei deshalb überrascht darüber, dass andere Anbieter diese Idee noch nicht kopiert hätten.

 

Attraktiver Zinssatz

Interessant ist auch, dass Goldman Sachs kein Geheimnis daraus macht, welche Kunden die Bank im Visier hat – Amerikaner, die auf hohen Kreditkarten-Rechnungen sitzen, weil es ihnen nicht gelingt, jeden Monat viel mehr als das absolute Minium zu­rückzuzahlen. Diesen Menschen wolle man eine Alternative bieten, sagte «Marcus»-Chef Ismail im vorigen Jahr. «Es gibt Millionen von Konsumenten in den USA; kreditwürdige, verantwortungsbewusste Konsumenten, die aus welchem Grund auch immer nicht aus der Schuldenspirale herausfinden und ihre Verbindlichkeiten nur mit Hilfe neuer Kredite abstottern könnten.» Diesen biete «Marcus» die Möglichkeit an, ihre Schulden zu konsolidieren – zu einem Zinssatz, der 300 bis 500 Basispunkte unter demjenigen einer Kreditkartenfirma liege, sagte Ismail.
Dass dieses Angebot letztlich mit der etwas versnobten Geschäftskultur bei Goldman Sachs in Konflikt geraten könnte, davon hat der «Marcus»-Gründer keine Angst. Ismail sagte, dass sein Team, das zur Hälfte in Salt Lake City, zur anderen Hälfte in New York City arbeite, von sämtlichen Angestellten der Wall-Street-Bank getragen werde. Im Gegenzug profitiere «Marcus» von der Glaubwürdigkeit der Marke Goldman Sachs, sagte Ismail. Konsumenten seien willig, der Bank sensible Informationen anzuvertrauen.  Und natürlich besitzen Ismail und sein Team auch eine gewisse Narrenfreiheit, weil Goldman Sachs sich bewusst ist, wie profitträchtig das Geschäft mit Kleinkrediten sein kann. «Wir können unseren Erfahrungsschatz dazu nutzen, um in dieser Sparte Profit zu machen, ohne grosse Zusatzausgaben», verkündete der Goldman-Sachs-Konzernchef Lloyd Blankfein kürzlich dem Finanzblatt «Barron’s». In Zahlen ausgedrückt: 20 Prozent der fünf Milliarden Dollar Umsatz, um die das Geldhaus künftig pro Jahr zulegen will, soll «Marcus» beisteuern.