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  3. Die Raiffeisen-Genossenschaftsbanken werden an der Delegiertenversammlung im Juni ihren Unmut ausdrücken

Raiffeisen
Druck von der Basis

Der rote Raiffeisen-Platz in St. Gallen
Die Zentrale von Raiffeisen Schweiz in St. Gallen steht im Kreuzfeuer.Quelle: ZVG

Die Regionalverbände wollen die Turbulenzen bei Raiffeisen Schweiz nutzen, um ihre Macht zu stärken und weitere Schäden von den Genossenschaftsbanken abzuwenden.

Von Werner Rüedi und René Maier
am 14.03.2018

Raiffeisen kommt nicht zur Ruhe. Zusätzlich zur strafrechtlichen Untersuchung gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz im Zusammenhang mit Raiffeisen-Beteiligungen und dem laufenden Finma-Verfahren gegen Raiffeisen Schweiz droht dem Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz weiteres Ungemach. Und zwar von der Basis, den 255 genossenschaftlichen Raiffeisenbanken (RB), die in Regionalverbänden organisiert sind. Diese wurden selber von den Ereignissen der letzten Wochen überrascht und müssen sich in den jetzt anstehenden Generalversammlungen gegenüber den Genossenschafterinnen und Genossenschaftern erklären. Keine einfache Aufgabe. «Ich werde das Thema proaktiv ansprechen und erklären, was Sache ist», sagt ein RB-Verwaltungsratspräsident zur «Schweizer Bank». Mit dieser Vorwärtsstrategie soll das Vertrauen gestärkt werden. Auch wenn nach heutigem Kenntnisstand für die 3,7 Millionen Kundinnen und Kunden kein materieller Schaden entstanden ist, wird bei den RB ein Imageschaden befürchtet.

 

Auf die Finger schauen

Nachdem die Oberstaatsanwaltschaft Zürich ein Strafverfahren gegen Pierin Vincenz wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung im Aduno- und Investnet-Umfeld eröffnet hatte und vor einer Woche Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm zurückgetreten ist, wollen die Regionalverbände nun bei der Aufarbeitung des Trümmerfeldes ein Wort mitreden. Die Repräsentanten der 255 Genossenschaftsbanken werden die kommende Delegiertenversammlung (DV) nutzen, um der Dachorganisation Raiffeisen Schweiz besser auf die Finger zu schauen. Gemäss Informationen der «Schweizer Bank» sind die Genossenschaften der Regionen derzeit «in engem Austausch, um das weitere Vorgehen zu besprechen und sich zu koordinieren», wie ein Beteiligter durchblicken lässt.

Hintergrund ist nicht zuletzt das Empfinden einer gewissen bisherigen Passivität der Delegiertenversammlung beim Überwachen der Dachorganisation. Das Instrument dazu haben die Mitgliedsbanken in der Hand: Die Delegiertenversammlung ist nämlich das oberste Organ von Raiffeisen Schweiz. Sollten Verwaltungsrat und Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz an der DV unbefriedigend Auskunft geben und keinen glaubwürdigen Ausweg aus der Misere skizzieren können, «könnten wir durchaus Druck ausüben, indem wir beispielsweise die Entlastung des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung verweigern, Geschäftsbericht, Erfolgsrechnung und Bilanz nicht genehmigen - oder bei Bedarf den Verwaltungsrat abberufen würden», so macht ein anderer RB-Verwaltungsratspräsident seinem Ärger Luft. Das sind keine leeren Drohungen, sondern sind in Artikel 28 der Statuten festgeschriebene Kompetenzen der Delegierten.

 

Der Passivität entgegentreten

Grundsätzlich soll gemäss Artikel 36 der Statuten die Hälfte des Verwaltungsrates sowieso aus Vertretern der RB bestehen. Hauptberuflich erfüllt diese Vorgabe nur Daniel Lüscher, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Aarau-Lenzburg. Weitere VR-Mitglieder sind allenfalls in gleicher Funktion in den Regionen tätig, nicht aber als Banker. Wenn sich die Repräsentanten der Regionalverbände in den kommenden Wochen auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, können die Delegierten dem Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung den Takt vorgeben - und so der vermuteten bisherigen Passivität wirksam entgegentreten.

 

Interimslösung mit Pascal Gantenbein 

Nachdem Johannes Rüegg-Stürm kürzlich in einem Zeitungsinterview noch seine erneute Kandidatur als Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz bekräftigt hatte, folgte innert Tagen sein sofortiger Rücktritt. Für Raiffeisen Schweiz sei dies ein wichtiger Schritt, um die Glaubwürdigkeit langfristig zu erhalten, liess die Zentrale verlauten. Rüegg-Stürm übernehme damit Verantwortung und mache den Weg frei, um die Erneuerung innerhalb des Verwaltungsrats von Raiffeisen Schweiz weiter voranzutreiben. 
Per sofort hat der Verwaltungsrat Pascal Gantenbein zum Vizepräsidenten gewählt. Er soll das Gremium bis auf Weiteres interimistisch führen. Der Immobilien- und Risikoexperte ist 2017 als unabhängiger Verwaltungsrat ins oberste Führungsgremium von Raiffeisen Schweiz gewählt worden. Er ist seit 2007 ordentlicher Professor für Finanzmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel sowie seit 2015 deren Studiendekan. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Themen wie Venture Capital, Private Equity und Asset Management. Seine vordringlichste Aufgabe in seiner neuen Rolle werde es sein, so Gantenbein, den bereits eingeleiteten Erneuerungsprozess im Verwaltungsrat konsequent weiterzuführen sowie die Governance sicherzustellen, damit das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit in die Genossenschaft wieder gestärkt werden könne.


Zuwahl von Rolf Walker und Thomas Rauber 

Gleichzeitig kündigt Raiffeisen Schweiz an, der Delegiertenversammlung vom 16. Juni 2018 in Lugano zwei neue Kandidaten zur Wahl vorzuschlagen: den 55-jährigen Wirtschaftsprüfer und Bankenexperten Rolf Walker sowie den 52-jährigen Unternehmer Thomas Rauber. Die beiden sollen die austretenden Verwaltungsräte Edgar Wohlhauser und Werner Zollinger ersetzen, die aufgrund der statutarischen Amtszeitbeschränkung demissionieren. 
Der 55-jährige Rolf Walker war bisher Partner bei Ernst & Young und ein von der Finma akkreditierter leitender Prüfer für Banken, Effektenhändler und Finanzmarktinfrastrukturen. Seine Anstellung bei Ernst & Young hat er im Hinblick auf die Übernahme des Verwaltungsratsmandats bei Raiffeisen Schweiz wegen Unvereinbarkeit bereits gekündigt. Der 52-jährige Unternehmer Thomas Rauber ist CEO und Managing Partner der TR Invest, die als private Beteiligungsgesellschaft Kapital an KMUs und Start-up-Unternehmen vergibt. Er ist zudem Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Freiburg Ost und seit 2011 im Grossrat des Kantons Freiburg sowie in der kantonalen Arbeitgeberkammer.