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Work-Life-Blending
Gefährliche Mogelpackung

Work-Life-Blending - wirklich freie Arbeitsgestaltung?
Durch Work-Life-Blending kann angeblich jeder seine Arbeit individuell um die eigenen Tagesabläufe und Lebensentwürfe herum planen.Quelle: iStock

Banken stehen unter verstärktem Kostendruck. Zwangsläu­fig interessant sind daher Ansätze zur Senkung der Personalkosten. Zum heimlichen Liebling entwickelt sich hier aktuell "Work-Life-Blending", das sich den Mitarbeitenden bei entsprechender Rhetorik sogar als Entgegenkommen verkaufen lässt.

Von Christian Scholz
am 20.03.2018

Work-Life-Blending» ist die Vermischung des Berufes mit dem übrigen Leben: Abends um 23 Uhr dienstliche E-Mails beantworten, beim frühen Frühstück – sofern dieses noch zuhause stattfindet – die eingegangenen Antworten durchsehen, je nach Arbeitsanfall früher oder später ins Büro kommen, dort vielleicht als Ausgleich etwas Fitness oder Tischfussball. Was auch dazugehört: Am Sonntag manchmal arbeiten, dafür am Donnerstagnachmittag etwas Freizeit geniessen oder am Dienstag schon um 17 Uhr nach Hause gehen.

 

Maximale Flexibilisierung

Work-Life-Blending erfolgt zunächst meist über die Arbeitszeit. Bei dieser «Arbeitszeitflexibilisierung» wird genau dann gearbeitet, wenn Arbeit anfällt. Also: Mitarbeitende können zu Hause bleiben, wenn nichts Wichtiges ansteht. Dafür müssen sie aber – wenn nötig – auch kurzfristig verfügbar sein. Das heisst: Mitarbeitende können auch früher oder später kommen beziehungsweise gehen – sofern es der Arbeitsanfall zulässt.
Work-Life-Blending zielt auch auf den Arbeitsort: Diesen sucht und findet man als «Home Office» am Küchentisch zu Hause, im Kaffeehaus um die Ecke oder ganz «altmodisch» im Unternehmen. Hier geht man bei Büros wieder stärker zu Grossraumkonzepten über. Um maximale Flexibilisierung zu schaffen, verschwinden dabei feste Zuordnungen zu Schreibtischen. Niemand hat mehr seinen eigenen Schreibtisch, sondern es gibt «Desksharing» mit weniger Tischen als Mitarbeitenden.
Und Work-Life-Blending hat auch etwas mit dem Arbeitsvertrag zu tun: So schiebt sich bei Werkverträgen und Leiharbeit die Arbeit immer in das Privatleben, wenn Arbeit nötig ist. Genial aus Sicht des Unternehmens sind hierbei «Zero-Hour-Contracts». Bekannt sind diese vor allem aus England. Sie liefern maximale Flexibilität für den Arbeitgeber. Denn immer dann, wenn keine Arbeit ansteht, wird Freizeit maximiert und Einkommen minimiert.
Abgesehen von hoch industriellen beziehungsweise stark automatisierten Prozessen bietet sich Work-Life-Blending praktisch überall an. Es erscheint deshalb gerade Banken als hoch inte­ressant – nicht zuletzt als Brückentechnologie bei noch nicht wegrationalisierten Sachbearbeiterstellen. Interessant ist Work-Life-Blending auch dort, wo nicht planbarer Kundenkontakt anfällt, der sich nicht automatisch über IT-Systeme realisieren lässt, aber zeitnah beantwortet werden muss. Wie wichtig gerade hier Work-Life-Blending ist, sieht man an der oft heftigen Negativreaktion, die man erfährt, wenn man als Wissenschaftler dieses Thema anspricht. Denn: Auch ohne es offen und ehrlich zu kommunizieren, setzen immer mehr Banken auf Work-Life-Blending über Arbeitszeit, Arbeitsort und Arbeitsvertrag.

 

Bestechende Propaganda

In Artikeln, die vor allem von Beratern und Unternehmen zum Thema Work-Life-Blending geschrieben worden sind, steht meist eine einzige Botschaft im Mittelpunkt: Durch Work-Life-Blending kann jeder seine Arbeit individuell um die eigenen Tagesabläufe und Lebensentwürfe herum planen, jedermann kann also seine Lebensqualität steigern. Die Propaganda ist bestechend: Wir leben wie im Himmel und arbeiten entspannt in der Hängematte in der Karibik (so ein typisches Werbefoto für Work-Life-Blending). Auf eine einfache Formel gebracht: Ich arbeite, wann ich will, wo ich will und was ich will. Ist das nicht genial? Darf man dazu nicht auf störende Arbeitsgesetze und Mitbestimmung verzichten? Und überhaupt: Wer kann schon etwas gegen «Blending» und «Flexibilisierung» sagen?
Wenn man aber genau hinschaut und die Motive der Unternehmen hinterfragt, dann geht es nahezu ausschliesslich um die Optimierung des «Kostenfaktors Personal». Also: Jetzt ist die Arbeitszeit nicht frei wählbar, sondern hängt vom Arbeitsanfall ab. Wenn alles flexibilisiert und auch die Gesetzeslage (siehe Deutschland, Österreich und Frankreich) in diese Richtung verändert wird, dann wird nicht nur gearbeitet, wann der Arbeitnehmer möchte, vielmehr muss ohne Begrenzung gearbeitet werden, wann und wo die Arbeit anfällt.
Arbeitszeit: Natürlich kann man – wenn nichts ansteht – auch einmal der Freizeit den Vorrang geben. Im Normalfall aber diktiert die Arbeit das Privatleben und frisst sich metastasenartig in sie hinein.
Arbeitsort: Sicherlich hat im Open Office jeder freie Platzwahl (das klingt gut), sofern (und das klingt weniger gut) noch ein Schreibtisch frei ist und man nicht zweimal hintereinander den gleichen wählt.
Arbeitsvertrag: Grotesk sind hier wirtschaftsliberale Populisten, die durch die Lande ziehen und behaupten, dass gerade junge Menschen die Freiheit kurzfristiger Projektarbeit lieben, also überhaupt nichts gegen Work-Life-Blending ohne vertragliche Sicherheit haben. Wenn diese Lobbyisten für «Freiheitszonen» derartige Fake-News nur lange genug wiederholen, werden Politiker sie für bare Münze nehmen und Gesetze anpassen.

 

Schuss nach hinten

Auf den ersten Blick ist Work-Life-Blending für Unternehmen faszinierend, gibt es ihnen doch scheinbar die Möglichkeit, den «Faktor Personal» hinsichtlich Arbeitszeit, Arbeitsort und Arbeitsvertrag für sich zu optimieren. Auf den zweiten Blick sieht es aber bereits anders aus, denn es kommt zu Demotivation, erhöhtem Krankenstand, Produktivitätsverlust und zunehmender Fluktuation. Hierzu gibt es ge­nug Erfahrungsberichte, die zeigen, ­warum sich weder die erwünschten Zeitersparnisse noch die angeblichen Quadratmeter-Effekte materialisieren, ganz zu schweigen von «verbesserter» Kommunikation und Agilität.
Und auf Seiten der Mitarbeitenden? Hier sehen wir noch problematischere Effekte. Denn was wird eine langgediente Führungskraft machen, die plötzlich jeden Tag auf die Reise nach Jerusalem zur Schreibtischsuche geschickt wird? Was passiert mit den Eltern, die rund um die Uhr in ständiger Rufbereitschaft auf ihre Firmen-Handys starren? Wie werden Menschen reagieren, wenn sie durch «Work-Life-Blending» die spezifische Bindung an den Beruf und ihr wirkliches Privatleben verlieren? Was sind die Folgen von Burnout und Stress, wenn das Umschalten in die No-Work-Phase wegfällt? Also: Wenn man richtig rechnet, rechnet sich Work-Life-Blending definitiv nicht.

 

Dosis facit venenum

Natürlich müssen Banken Personalkosten durch Personaleinsatzplanung optimieren beziehungsweise senken. Dazu sollten sie sich aber als Erstes vom übersimplifizierten Glauben an «Work-Life-Blending» und von der manipulierenden Macht der damit verbundenen Mogelpackung verabschieden. Zweitens geht es um ein Verstehen der Mitarbeitenden in ihrer Vielfalt und in ihrer aktuellen Bedürfnislage: Klingt einfach, ist es aber nicht. Gerade die Generation Z (geboren ab Anfang der 1990er-Jahre) will sich nicht ins Hamsterrad setzen lassen und sucht deshalb klare Grenzen. Aus dieser Sicherheit schöpft sie ihre Kraft, Innovation und Agilität.
Daraus folgt in einem dritten Schritt eine innovative andere Vision der gewollten Arbeitswelt – unter Berücksichtigung aller Potenziale der Digitalisierung und aller Potenziale der Mitarbeitenden. Hier sollte man sich nicht mit irgendwelchen minimal-lebensfähigen Lösungen zufriedengeben, sondern den echten Wettbewerbsvorteil suchen, der eben nicht im Mainstream liegt.
Auch wenn es Banken manchmal vergessen: Sie brauchen nicht nur Computersysteme, sondern gerade hochmotivierte und agile Mitarbeitende, die ihr Arbeitsumfeld positiv und nicht als Feind ansehen. Deshalb sollten sie ihren Mitarbeitenden im ureigenen Interesse etwas Flexibilität geben und etwas Flexibilität fordern. Und sie sollten sich definitiv klar vom Work-Life-Blending distanzieren und damit auch im War for Talents sowie bei ihren Kunden punkten.

 

Der Autor Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes, begeisterter Verfechter einer neuen und lebenswerten Arbeitswelt sowie Autor von «Generation Z» (2014) und «Mogelpackung Work-Life-Blending» (2018).