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Nebenwerte
Schweizer Tourismusaktien machen keine Ferien

SGV
Schiff der SVG-Flotte auf dem Vierwaldstättersee. Die Aktionäre der SVG-Gruppe profitieren von der Einführung der Einheitsaktie. Quelle: Keystone

Aktien, die ausserbörslich gehandelt werden, sind gefragt. Besonders Tourismus- und Bergbahnaktien wecken das Interesse der Anleger.

Von Björn Zern
am 13.07.2018

Die Schweizer Tourismusbranche läuft wieder rund. Vergangenes Jahr kletterten die Übernachtungszahlen um 5,2 Prozent auf 37,4 Millionen. Besonders stark stieg die Gästezahl aus dem asiatischen Raum. Und der Boom hält an: Auch 2018 steuert die Tourismusbranche auf ein fantastisches Jahr zu. In den ersten fünf Monaten erhöhte sich die Anzahl Übernachtungen in Schweizer Gästebetten nochmals um 3,6 Prozent. Die Erholung des Euro bringt mehr europäische Gäste in die Schweiz, die Fernmärkte laufen weiterhin gut und ein schneereicher Winter ebenso wie der bisher sonnenreiche Frühsommer locken mehr Einheimische in die Berge.

Bergbahn-Aktien stark im Plus

Das freut die Aktionäre. Seit Jahres­beginn befinden sich die Aktien von Tourismusfirmen stark im Plus. Nicht nur die börsenkotierten Jungfrau- und Titlisbahnen setzten ihre gute Performance fort. Auf dem Tableau der ausserbörslich gehandelten Schweizer Aktien zählten die Titel der Bergbahnunternehmen ebenfalls zu den grossen Gewinnern. So schwang sich der von der Berner Kantonalbank (BEKB) errechnete Index OTC-X Bergbahnen seit Jahresbeginn um 6,4 Prozent nach oben.

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Besonders gefragt waren die Aktien der Schilthornbahn und von Weisse Arena Gruppe (WAG). Das Handelsvolumen in den Titeln zog gegenüber dem Vorjahr deutlich an. Und auch die Kurse stiegen nach einer längeren Seitwärtsbewegung kräftig um 28,7 Prozent (WAG) sowie um 41,2 Prozent (Schilthornbahn). Beide Bahnen gehören zu den zehn grössten Schweizer Bergbahnunternehmen.

Branchentabelle OTC-X

Während der Kursanstieg bei der Schilthornbahn auf ein weiteres Rekordjahr in Folge zurückzuführen ist, war bei WAG der Turnaround der kurstreibende Faktor. Nach einem Verlustjahr 2016/17 kehrte die Gruppe, zu der das bei Snowboardern beliebte Skigebiet Flims-Laax gehört, zurück in die Gewinnzone. Auch beeindruckt Firmenchef Reto Gurtner die Aktionäre immer wieder mit visionären Ideen, insbesondere im Bereich der Digitalisierung. Dass das Geschäft mit dem Bergtourismus nicht überall so gut läuft, zeigen hingegen die Zahlen der Lenzerheide Bergbahnen. Die Bahngesellschaft weitete 2016/17 den Verlust deutlich aus. Die Aktien gaben seit Jahresbeginn um knapp 8 Prozent nach.

Einheitsaktie verleiht SGV-Gruppe Schub

Klarer Kursgewinner im ersten Semester 2018 ist ein anderes touristisches ­Unternehmen: die SGV Holding (siehe Interview unten). Einen zusätzlichen Kursschub verzeichneten die bisher zwei Aktienkategorien allerdings erst, seitdem die Gesellschaft die Einführung einer Einheitsaktie bekannt gab. Durch die Einheitsaktie soll es künftig möglich sein, eine Dividende auszuzahlen. Die komplizierte Aktienstruktur der Vergangenheit hatte das unmöglich gemacht. Seit der Handelsaufnahme der neuen SGV-Aktien rückte der Kurs um 27 Prozent vor. Seit Jahresbeginn beträgt die Performance rund 75 Prozent.

Obwohl Bergbahnaktien in diesem Jahr zu den grossen Kursgewinnern zählen, zeigte auch der übrige ausserbörs­liche Aktienmarkt eine ansprechende Kursentwicklung. Der OTC-X Liquidity-Index wies per Ende Juni ein Plus von knapp 3 Prozent aus und liegt damit im Gegensatz zu den börsenkotierten Aktien weiterhin im Plus. «Ausserbörslich gehandelte Aktien sind weniger Schwankungen ausgesetzt als börsenkotierte», weiss Sascha Hitz, Fachspezialist OTC-X bei der BEKB. Dies liege vor allem auch daran, dass die Investoren im ausserbörslichen Markt langfristig investierten.

Die Gewinner OTC-X

Im ersten Semester haben zudem Sondersituationen zum guten Abschneiden beigetragen. Der Nahrungsmittelproduzent Orior etwa unterbreitete Ende April den Aktionären des Fruchtsaftproduzenten Thurella ein Übernahmeangebot. Zudem wurde der Immobilienteil vor der Übernahme abgespalten und ist seit dem 2. Mai als Thurella Immobilien auf der Plattform OTC-X gelistet.
 

Sporthändler mit unfairem Angebot

Weniger Freude an einem Abfindungsangebot haben die Aktionäre der Intersport PSC Holding, die über die Tochter Intersport Schweiz Franchise­nehmer mit Lizenzen in der Schweiz beliefert. Hauptaktionär Zelfi besitzt bereits 91 Prozent an Intersport PSC und bietet den restlichen Aktionären 25.90 Franken pro Titel. Vor Bekanntgabe der Fusion mit Zelfi notierte der Valor noch bei 58 Franken. Kleinaktionäre fühlen sich vom Unternehmen unfair behandelt, denn das ­gesamte Unternehmen wird beim Abfindungspreis von 25.90 Franken pro Aktie mit lediglich 11,4 Millionen Franken bewertet. Dabei beträgt der Buchwert 72 Franken pro Aktie; zudem ist Intersport Schweiz mit 7,7 Prozent an Intersport ­International (IIC) beteiligt. IIC erzielte 2017 in 45 Ländern einen Umsatz von 11,5 Milliarden Euro. Allein diese Beteiligung ist nach Ansicht der Kleinaktionäre mehr wert als der gebotene Preis.

Es ist nicht das erste Mal, dass im aus­serbörslichen Markt Minderheitsaktio­näre mit einem wenig attraktiven Angebot aus dem Aktionariat gedrängt werden sollen. Das könnte sich bald auch bei der Tessiner Immobiliengesellschaft FTB Holding ereignen. Im Gegensatz zu börsen­kotierten Firmen, bei denen das Gesetz in solchen Fällen die Interessen der Minderheitsaktionäre schützt, bleibt Aktionären von ausserbörslich gehandelten Firmen nur der Weg über eine Überprüfungs­klage, um eine angemessene Abfindung zu erstreiten.

Die Verlierer OTC-X

Viel Aufmerksamkeit wurden den Partizipationsscheinen (PS) des Naturkosmetikherstellers Weleda zuteil. Seit Anfang Jahr wechselten Aktien im Wert von mehr als 5 Millionen Franken die Hand. Weleda befindet sich im Mehrheitsbesitz der Anthroposophischen Gesellschaft und der Klinik Arlesheim. Käufer der PS, die seit Jahresbeginn knapp 5 Prozent ­gestiegen sind, sind die Schweizer Beteiligungsgesellschaft Nebag und eine deutsche Investmentgesellschaft. Vor einem Jahr hatte der PS-Kurs an Wert verloren, nachdem bekannt geworden war, dass der Sanierer und mehrjährige CEO Ralph Heinisch das Unternehmen verlässt und die Geschäfte nun von einem mehrköpfigen Gremium «kooperativ» wahrgenommen werden.
 

Casinos profitieren nur wenig

Weniger stark als erwartet reagierten die Kurse der Kursaal- und Casinoaktien auf die Einführung des neuen Geldspielgesetzes, nachdem das Referendum am 10. Juni abgelehnt worden war. Der Grund? Casinogesellschaften müssen massiv ins Online-Gaming investieren. In Luzern verzichteten die Aktionäre mit Blick auf die dafür notwendigen Mittel auf die Beantragung einer Dividende. Auch die Casinos in Bern, Interlaken und Montreux wollen in den Online-Bereich vordringen. Konkrete Pläne sind bisher aber noch nicht bekannt.

Lediglich Stadtcasino Baden ist bereits aktiv. Vor rund einem Jahr wurde das Social-Casino Jackpots lanciert. Dort können Spieler indes nicht um Geld spielen. Die Badener setzen beim Online-Glücksspiel auf einen externen Partner. Die belgische Ardent-Gruppe hat vom Stadtcasino Baden eine 44-prozentige Beteiligung am Casino in Davos übernommen. Gemeinsam wollen die beiden Gesellschaften das digitale Glücksspielgeschäft in der Schweiz entwickeln. Das wird von Anlegern honoriert: Die ­Aktien legten seit Jahresbeginn um etwas mehr als 10 Prozent zu.

Insgesamt sind im ausserbörslichen Aktienhandel in den ersten sechs Mo­naten im laufenden Jahr mehr als 100 Millionen Franken umgesetzt worden. Damit knüpft das Marktsegment an das Rekordjahr 2017 an. Ganz so erfolgreich wird das laufende Jahr allerdings nicht werden. «Der Börsengang von Zur Rose hat uns im letzten Jahr einen Umsatzschub beschert», erklärt Sascha Hitz. Für das zweite Halbjahr erwartet er dennoch weiterhin einen regen Handel.