Eine unternehmerische Tätigkeit ist alles andere als ein Sonntagsspaziergang. Hinter jeder Ecke lauern Gefahren: Cyberangriffe, Datenbetrug und -diebstahl, Technologiemissbrauch, Ausfall von Informationsinfrastrukturen. Dies sind einige der Risiken, die Schweizer Firmen konkret auf dem Radar haben, wie eine aktuelle Auswertung zur Schweiz im Report «Regional Risks for Doing Business 2019» des World Economic Forum in Zusammenarbeit mit dem Versicherer Zurich zeigt.

Die Einschätzung der grössten Risiken für Schweizer Unternehmen unterscheidet sich stark von denjenigen von Firmen in anderen Ländern. Global steht die Angst vor einer Steuerkrise an oberster Stelle. «Diese Sorge ist in der Schweiz kein Thema», winkt Jörg Bertogg, Head of Commercial Insurance Switzerland bei Zurich, ab. «Die Folgen von innerstaatlichen Konflikten schätzen die Schweizer Firmen hingegen als deutlich riskanter ein als die Firmen im internationalen Durchschnitt. Dies hängt wohl damit zusammen, dass die Schweiz als kleiner und global erfolgreicher Standort stärker exportorientiert ist als viele andere Länder.»

Angst vor Betriebsstillstand

Der «Allianz Risk Barometer 2019» von Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) zeigt ein ähnliches «Sorgenbarometer», wobei die Betriebsunterbrechung inklusive Lieferkettenunterbrechung dominieren und auch Feuer/Explosion Eingang in die Top 10 finden (siehe Tabelle auf Seite 20). «Die Szenarien und Auslöser werden jedoch immer vielfältiger und komplexer», kommentiert Christoph Müller, CEO Allianz Risk Transfer (ART) sowie der Allianz Global Corporate & Specialty Switzerland. Neben Feuer und Naturkatastrophen führen immer öfter auch IT-Ausfälle, Produktrückrufe, Qualitätsprobleme, Terrorismus, politische Unruhen oder Umweltverschmutzung zum Betriebsstillstand.

Anzeige

Eine aktuelle Schadenanalyse der AGCS verdeutlicht die wachsende Bedeutung von Betriebsunterbrechungen (BU): Fast alle grossen Sachschäden enthalten demnach inzwischen ein BU-Element, das in der Regel den grössten Teil des Schadens ausmacht. Auffällig ist zudem, dass Cyber- und BU-Risiken zunehmend miteinander verknüpft sind, da Ransomware-Angriffe oder IT-Ausfälle oft zu Betriebs- und Serviceunterbrechungen führen. So sind Cybervorfälle laut «Allianz Risk Barometer» der am meisten gefürchtete Auslöser von Betriebsunterbrechungen, gefolgt von Feuer/Explosion und Naturkatastrophen.

«Das Umfeld für Unternehmen ist unberechenbarer geworden, die Risiken sind gestiegen – das zeigt die Umfrage unter den Risikoexperten deutlich. Umso wichtiger ist es, die Risikopotenziale im Unternehmen frühzeitig zu erkennen und zu handeln», betont Gregor Huber, Leiter Unternehmensversicherungen der Allianz Suisse. Auch für Zurich-Mann Jörg Bertogg hat sich die Wahrnehmung bei Schweizer Unternehmen gegenüber Risiken in den vergangenen Jahren verändert: «Nach breit angelegten Attacken wie WannaCry haben viele KMU-Verantwortliche verstanden, dass es keine Firma gibt, die zu klein ist, um angegriffen zu werden.»

Einfluss auf Geschäftsmodell

Immer komplexere Risiken verändern das Geschäftsfeld. Für Christoph Müller ist klar: «Wir werden meiner Ansicht nach viel mehr als bisher traditionelle Risikotransferkonzepte mit alternativen Risikotransfers kombinieren.» Zum einen werde die Digitalisierung an Bedeutung zunehmen und den Versicherern im Bereich der Risikoselektion und des Underwritings weiterhelfen. «Die Art und Weise, wie wir das Underwriting betreiben, wird sich dadurch verändern – wir werden Risiken vorausschauend analysieren und nicht mehr nur vor allem auf Basis historischer Schadenerfahrungen.» Datenanalysen werden eine viel grössere Rolle bei der Risikobewertung und bei Pricing-Entscheidungen spielen, «ausserdem glaube ich, dass wir in vielerlei Hinsicht auch das Spartenkonzept ein Stück weit auflösen werden».

Anzeige

Müller nennt den Cyberbereich als Beispiel, wo mehrere Lines bei der Entwicklung von Deckungskonzepten involviert sind: «Das werden wir bei anderen Produkten auch sehen. Auch Services zur Schadenvermeidung oder Krisenmanagement werden eine immer grössere Rolle spielen.» Ähnlich argumentiert Manuel Meier, Country Manager Switzerland bei Axa XL Insurance: «Der technologische Fortschritt spielt uns bei der Risikoselektion und -beurteilung in die Hände», ist er überzeugt, denn «so können wir unsere Kunden beispielsweise im Bereich Schadenverhütung noch besser unterstützen».

Sachkompetenz gefragt

Einfacher wird die Kundenpflege oder gar -gewinnung dadurch aber nicht, denn vor allem grössere Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung haben inzwischen professionell arbeitende interne Riskmanager. Sabrina Hartusch, Präsidentin der Swiss Association of Insurance and Risk Managers (Sirm) sowie hauptberuflich Global Head of Insurance bei Triumph International, teilt in der Tendenz zwar die Einschätzung der Versicherer, sieht aber noch «Luft nach oben». Firmenkunden verlangen von Versicherern vor allem Sachkompetenz. «Die Versicherungsspezialisten müssen sich in die Bedürfnisse der Kunden hineindenken», gibt Hartusch den Tarif durch (siehe Seite 10). Wichtig sei, dass der Prozess der Versicherungsabwicklung möglichst effizient und schlank gestaltet werde.

Anzeige

Doch das Bedürfnis nach den verschiedensten Versicherungsabdeckungen ist für Unternehmenskunden oft so breit, dass dies ein einzelner Versicherer gar nicht befriedigen kann. «Der Versicherungsschutz durch nur einen Anbieter kann gut sein, muss aber nicht. In manchen Fällen will man für gewisse branchen- oder unternehmensspezifische Risiken zusätzlich einen spezialisierten Partner», sagt Hartusch. Zur Absicherung von Risiken pflegen Industriekunden deshalb in aller Regel eine intensive Beziehung zu Brokern und Versicherern. Im Idealfall ist diese «Dreierkiste» eine eigentliche Win-win-win-Situation.

Mehrwert quantifizieren

Angesichts zunehmender Komplexität ist das auch nötig. Michael Rüsch von HDI Global gibt sich durchaus selbstkritisch: «Uns muss es besser gelingen, den Mehrwert einer Versicherungslösung oder -dienstleistung darzustellen und zu quantifizieren.» Dies mithilfe der Tendenz «Weg von Standardprodukten, hin zu alternativen und individuellen Risikotransfermodellen». Es sind vor allem Makrotrends wie Digitalisierung, Sharing Economy, selbstfahrende Fahrzeuge oder allgemein der Bereich der künstlichen Intelligenz, welche die Geschäfte der Firmenkunden und die damit verbundenen Risiken grundlegend verändern werden, ist Manuel Meier überzeugt. Datenanalysen werden eine viel grössere Rolle bei der Risikobewertung und bei Pricing-Entscheidungen spielen.

Anzeige

Einfach wird das aber nicht. Der Markt sei sehr wettbewerbsintensiv und seit über zehn Jahren von einem stetigen Preisverfall geprägt, beobachtet Christoph Müller. Immerhin: «Seit 2018 stellen wir fest, dass die Preise wieder steigen.» Der Anstieg erfolge allerdings nicht spartenübergreifend, doch in Bereichen wie Property und Luftfahrt seien die Aufschwünge teilweise erheblich gewesen.

Keine Angst vor «Siri», «Alexa» und Co.

Es sind jedoch nicht nur komplexere Risiken, welche Druck auf das klassische Geschäftsmodell der Industrieversicherer ausüben. Zusätzlich steigt die Wahrscheinlichkeit von Markteintritten neuer Konkurrenten. Etwa aus der Technologie-Ecke. Hyperaktivität ist bei den Versicherern deswegen aber keine auszumachen. «Diese Gefahr besteht natürlich, vor allem in gewissen Bereichen wie Cyber / Big Data», sagt Manuel Meier von Axa XL Insurance. «Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die Tech-Giganten in Anbetracht der Volatilität im Bereich Unternehmensversicherungen auch als Risikoträger auftreten wollen.»

Anzeige

Ein weiteres Argument wirft Christoph Müller von AGCS Switzerland ein: «Es geht bei Unternehmensversicherungen nicht nur um Kapazitäten, sondern auch um Schadenexpertise, Servicekomponenten und Netzwerke für die Umsetzung von internationalen Versicherungsprogrammen.» Müller beurteilt daher die Wahrscheinlichkeit eines Markteintrittes von Tech-Unternehmen als gering. Bereits vor zehn Jahren seien Mitbewerber mit hohen Erwartungen in den Markt der Industrieversicherung eingetreten. Viele hätten die Komplexität des Geschäfts aber schlicht unterschätzt und seien heute wieder verschwunden.

Michael Rüsch von HDI Global Schweiz kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Industriekonzern über den virtuellen Assistenten «Alexa» von Amazon eine Versicherungslösung einkauft. «Aus dem Tech-Bereich sehe ich aber Markteintritte vor allem für die Bereiche Services und Distribution als realistisch.» Auch Jörg Bertogg von der Zurich stuft die Gefahr als gering ein. Nur wenige Versicherer hätten die Kraft und die Expertise, um weltweit komplexe Geschäfte effektiv schützen zu können. Weil im Bereich der Datenanalyse spannende neue Firmen entstehen, müsse dies nicht zwingenderweise in einen Konkurrenzkampf ausarten: «Diese werden zu Partnern, nicht zu Konkurrenten!

Anzeige

Umfrage bei Schweizer Firmen die Gefürchtetsten Risiken

  • Betriebs-/Lieferkettenunterbrechung
  • Cyberangriffe
  • Zwischenstaatliche Konflikte wie Handelskriege
  • Finanzmarktblase
  • Datenbetrug und -diebstahl
  • Marktentwicklungen
  • Feuer/Explosion
  • Unkontrollierte Migration im grossen Stil
  • Technologiemissbrauch
  • Neue Technologien
  • Verfehlte Anpassungen an den Klimawandel
  • Versagen von Finanzmarktmechanismen und -institutionen
  • Zusammenbruch von Informationsinfrastrukturen
  • Naturkatastrophen / extreme Wetterereignisse
  • Tiefgreifende soziale Instabilität
  • Energiepreis-Schock
  • Arbeitslosigkeit/Unterbeschäftigung
  • Fachkräftemangel
  • Reputationsverlust

«Datenanalysen werden eine viel grössere Rolle bei der Risikobewertung und bei Pricing-Entscheidungen spielen.»

Christoph Müller CEO ART AG sowie CEO AGCS Switzerland

 

«Makrotrends werden die Geschäfte unserer Kunden und die damit verbundenen Risiken grundlegend verändern.»

Manuel Meier Country Manager Switzerland, Axa XL Insurance

 

«Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Industriekonzern über ‹Alexa› von Amazon eine Versicherungslösung einkauft.»

Michael A. Rüsch Managing Director, HDI Global SE, Branch Switzerland

 

«Im Bereich der Datenanalyse entstehen spannende neue Firmen. Diese werden zu Partnern, nicht zu Konkurrenten.»

Jörg Bertogg Head of Commercial Insurance Switzerland, Zurich

Köpfe
Quelle: ZVG
Anzeige