Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte wird der Generalagentenverband SVVG von einer Frau präsidiert. Marianne Chapuis Borgeaud will darüber kein Aufsehen machen. Dies als historisches Ereignis einzuschätzen, findet sie übertrieben. Es dauere halt, bis sich Dinge ändern würden, das sei der normale Lauf des Lebens. Zudem sei es doch so, dass vermehrt Frauen in der Versicherungswirtschaft tätig seien und auch Verantwortung übernehmen würden. Für die Zukunft ist sie optimistisch. Bei der Mobiliar war sie 17 Jahre lang die einzige Generalagentin, seit Anfang 2019 sind es immerhin drei von 79, «also eine deutliche Verbesserung», wie sie schmunzelnd sagt, die Richtung stimme jedenfalls.

Klare Zielsetzung

Chapuis ist hauptberuflich Generalagentin der Mobiliar in Puntrut und in Agenturen in Delsberg und Saignelégier mit Zuständigkeit für den gesamten Kanton Jura. Mit ihren 40 Mitarbeitenden betreut sie mehr als 23 400 Kundinnen und Kunden. Zusätzlich einen Berufsverband zu leiten, wollte daher gut überlegt sein, entsprechend besprach sie sich vorab mit ihrem Führungsteam, welches sie während ihrer Abwesenheit zu vertreten hat. Grundsätzlich sei sie eine Person, welche gegenüber motivierenden Herausforderungen offen sei. Über mangelnde Herausforderungen muss sie sich wahrlich nicht beklagen. Für ihre «Legislatur» als SVVG-Präsidentin hat sie sich unter anderem drei bedeutende Ziele gesetzt:

  1. Unterstützung der verschiedenen Gesetzesrevisionen, einschliesslich der Revision des Bundesgesetzes über den Versicherungsvertrag (VVG), welches das Vertragsverhältnis zwischen Versicherungen und ihren Kunden regelt. Seit dem ersten Quartal 2018 befindet sich das teilrevidierte VVG in der parlamentarischen Beratung.
  2. Aus- und Weiterbildung in den Agenturen: Auch für Chapuis ist es wichtig, über geschultes Personal zu verfügen, denn «wenn wir als Generalagenten keine Lehrlinge ausbilden, werden wir in Zukunft Schwierigkeiten haben, Mitarbeiter zu rekrutieren.
  3. Die berufliche Stellung der Frau: Es sei eben notwendig, immer wieder zu erklären und zu überzeugen, dass auch Frauen erfolgreich einen Beruf in der Assekuranz ausüben können. Untervertreten seien diese sowohl bei den Generalagenten als auch bei den klassischen Versicherungsvertretern.

Wem gehört der Kunde?

Konfliktpotenzial könnte in einer sich verändernden Partnerschaft zwischen Hauptsitz und den Generalagenturen (GA) entstehen. Vor allem, wenn es um die Hoheit über Kunden geht. Denn dank Digitalisierung steht ein integraler Ansatz zur Diskussion. Das heisst, die GA müssen vermehrt mit dem Hauptsitz kooperieren. Marianne Chapuis sieht hier keinen Konflikt. In ihrer täglichen Arbeit stehe sie seit jeher im Kontakt mit dem Hauptsitz, dessen Unterstützung sie benötige, um die Kundschaft besser bedienen zu können.

Sie glaubt auch nicht daran, dass sich das GA-Geschäft grundlegend verändert, «unser Kerngeschäft bleibt dasselbe: sich mit Kunden treffen, sie beraten, ein Team führen.

Wir müssen uns nur an veränderte Marktbedingungen, an neue Konsumgewohnheiten, anpassen und dies in unserer täglichen Arbeit integrieren.» Als Unternehmerin stelle sie seit jeher sicher, dass ihre Kundinnen und Kunden über personalisierte Dienstleistungen verfügen würden. Beispielsweise über das Portal «Ma Mobilière», eine Plattform, welche es allen Kunden ermöglicht, ihre Daten einsehen zu können.

«Rein digitale Geschäftsmodelle bergen ein grosses Potenzial», ist Chapuis überzeugt: «Wir nutzen die Digitalisierung und alle ihre Vorteile, um unseren Kunden das Leben zu erleichtern. Wir vergessen aber nie, dass es der menschliche Faktor ist, der den Unterschied ausmacht, also die Qualität der Dienstleistungen und die persönliche Beratung. Denn der menschliche Kontakt ist die Stärke.»

Kein Patentrezept

Für Marianne Chapuis Borgeaud gibt es entsprechend auch kein allgemeingültiges Rezept, welches Generalagentinnen und -agenten dazu befähigt, auch in Zukunft eine gute Leistung zu erbringen – das sei vielmehr schlicht das Ergebnis von Arbeit und Wille.

Eine Voraussetzung ist allerdings unumgänglich: «Wir müssen das, was wir tun, gerne tun. Wir müssen auch sicherstellen, dass wir unsere Gesundheit erhalten und unsere Familie nicht vernachlässigen, denn unser Job hört nicht mittags oder abends auf, weil wir oft eingeladen werden oder an Veranstaltungen teilnehmen.»

SVVG-Präsidentin Marianne Chapuis Borgeaud: «Als Generalagentin bin ich Unternehmerin, das gefällt mir.»

Generalagenten müssen vermehrt mit dem Hauptsitz kooperieren, um Kunden besser bedienen zu können.

Zur Person

MARIANNE CHAPUIS BORGEAUD

Marianne Chapuis Borgeaud heisst die neue Präsidentin des Schweizerischen Verbandes der Versicherungs-Generalagenten SVVG. Sie ersetzt Jérôme Sadania, der sich neu orientiert hat. Marianne Chapuis ist seit 2000 Generalagentin der Mobiliar in Porrentruy und seit 2014 für den ganzen Jura zuständig. Von 1983 bis 1999 war sie bei der Generalagentur Porrentruy in verschiedenen leitenden Funktionen sowohl im Innen- wie auch im Aussendienst tätig. Nach einer kaufmännischen Grundausbildung bildete sich Chapuis als Versicherungsfachfrau sowie im Bereich der Erwachsenenbildung (Fachausweis Ausbilderin) weiter. In den letzten Jahren hat sie an verschiedenen Management-Weiterbildungen teilgenommen. Zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Generalagentin sitzt Marianne Chapuis in mehreren Verwaltungsräten und ist Stiftungsrätin der Fondation Horlogère.