Die Bedeutung Chinas als zweitgrösste Volkswirtschaft wird auch von Investoren zunehmend berücksichtigt. Durch gezielte Reformen in den 1980er Jahren wurde die Wirtschaft auf einen langfristigen Wachstumskurs gebracht und heute liegen die chinesischen Wachstumsraten immer noch markant über jenen der traditionellen Industriestaaten. Das UBS Chief Investment Office rechnet mit einem BIP-Wachstum von 6,1 Prozent für das Jahr 2019 und leicht unter 6 Prozent für 2020, was vor allem auf die andauernden strukturellen Reformen sowie den Handelskonflikt mit den USA zurückzuführen ist.

 


 

Eigenständige Allokation

China gehört heute zu den gewichtigsten Akteuren der Weltwirtschaft. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds trägt das Land in den Jahren 2019 und 2020 rund 28 Prozent zum globalen Wirtschaftswachstum bei. Zum Vergleich: Der Anteil von Indien beträgt 14 Prozent, derjenige der USA 11 Prozent. Um das Potenzial Chinas optimal zu nutzen, sollten Anleger chinesische Wertschriften nicht als Teil eines Schwellenländer-Investments betrachten, sondern als eigenständige Allokation ins Portfolio aufnehmen. Denn die Eigenschaften der chinesischen Wirtschaft unterscheiden sich in einer Reihe wesentlicher Punkte von anderen als Schwellenländer eingestuften Märkten, sowohl in Asien als auch darüber hinaus.

Dazu gehört zunächst die Dimension: China ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, zweitgrösstes Ziel ausländischer Direktinvestitionen und die weltweit grösste Handelsnation. Auch die Geschwindigkeit des historischen und erwarteten Wirtschaftswachstums sowie die Massnahmen zur Neuorientierung der Wirtschaft ragen heraus. Der Zielwert für das Inlandswachstum beträgt 6,0 bis 6,5 Prozent pro Jahr und wurde vom Nationalen Volkskongress im März 2019 bekräftigt. Zudem hat China eine führende Position in neuen, wachstumsstarken Industrien wie beispielsweise Robotik, Elektroautos, Drohnen und Photovoltaik.

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Im Vergleich zur wirtschaftlichen Bedeutung sind internationale Investoren auch im Bereich der chinesischen Anleihen nach wie vor unterinvestiert. Doch der Markt ist zu gross und zu wichtig, um ihn zu ignorieren. Nach den USA ist China bei Anleihen inzwischen zum zweitgrössten Markt der Welt geworden. Per Dezember 2018 betrug das Volumen der total emittierten Anleihen 84 Billionen Renminbi, was einem Wachstum von über 460 Prozent innerhalb von zehn Jahren entspricht.

Der Markt wurde und wird für internationale Investoren weiter geöffnet. Wichtigste Meilensteine waren hier China Interbank Bond Market (CIBM) und Bond Connect. Der CIBM war zuerst für Zentralbanken und Staatsfonds zugänglich, inzwischen steht er weiteren institutionellen Investoren offen. Bond Connect ermöglicht es ausländischen Investoren, über Hongkongs Kapitalmarkt in China zu investieren. Eine weitere wichtige Etappe war die Öffnung des Währungsmarktes, der auf dem chinesischen Festland nun freien Zugang zum Handel mit dem chinesischen Yuan (CNY) bietet, der auch als Renminbi bezeichnet wird.

Von grosser Bedeutung ist auch die Aufnahme chinesischer Anleihen in die globalen Bond-Indizes. Nachdem Bloomberg Barclays die Integration Chinas in die Indizes bereits seit April 2019 in monatlichen Schritten implementiert, bestätigte auch JP Morgan, China ab Ende Februar 2020 in die GBI-EM-Indizes aufzunehmen. Da passive Manager diesen Indizes direkt folgen und aktive Manager diesen wachsenden Markt zunehmend berücksichtigen werden, ist bis 2021 mit enormen Zuflüssen zu rechnen. Sie dürften die Märkte wiederum weiter stützen.

Es gibt aber noch weitere Gründe, China auch im Anleihenbereich zu berücksichtigen. So bieten chinesische Anleihen positive nominale und reale Renditen im Gegensatz zu Staatspapieren von manchen Industriestaaten, deren Renditen teilweise im negativen Bereich liegen.

Zu den Reformen im chinesischen Finanzsektor gehört auch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Finanzierungskanäle für einheimische Anleihen. Deshalb wird in den nächsten Jahren ein weiteres Wachstum des Marktes und eine Verbesserung der Liquidität erwartet.

Für eine Beimischung im Portfolio spricht auch, dass die Korrelation zwischen chinesischen Anleihen und Anleihen anderer Regionen niedrig ist. Somit eignen sie sich gut zur Diversifikation. Zudem verfügen chinesische Staatsanleihen über alle Eigenschaften, die von einer «Safe haven»-Anlage erwartet werden. In den jüngsten Perioden mit höherer Volatilität an den Märkten sind die Kurse jeweils gestiegen. Zudem ist China ein Netto-Gläubigerstaat und hat die weltgrössten Fremdwährungsreserven.

Gute Gründe für Zuversicht

Chinesische Anleihen sind und bleiben ein attraktives Anlagesegment. Die Wirtschaft wird sich zwar kurzfristig abschwächen, dürfte sich danach aber wieder stabilisieren. Im ersten Halbjahr 2020 sind eine bis zwei Leitzinssenkungen zu erwarten, was den Kursen positive Impulse verleihen dürfte. Im andauernden Tiefzinsumfeld bieten chinesische Anleihen sehr gute Chancen, die vor allem durch aktives Management von Spezialisten mit ausgewiesenen Kenntnissen dieses Marktes genutzt werden können.

Hayden Briscoe, Leiter Fixed Income Asien-Pazifik, UBS Asset Management, Hongkong.

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