Fakt ist: 72 Prozent der institutionellen Anleger berücksichtigen Nachhaltigkeitskriterien bei der Kapitalanlage, wie eine Befragung von Investoren von Union Investment im Jahr 2019 ergab. Zunächst gilt also das erklärte Ziel, dass Unternehmen sich nachhaltiger und damit resistenter gegen Risiken sowie letztlich ertragreicher aufstellen müssen, wenn sie dauerhaft für Fondsgesellschaften investierbar bleiben wollen.

Investoren sollten im ersten Schritt immer den Versuch unternehmen, über einen konstruktiven Dialog mit dem Management zum Ziel zu kommen. Deshalb führen die Mitarbeitenden des Union-Investment-Portfoliomanagements pro Jahr rund 4000 Gespräche mit Unternehmensvertretern, davon über 500 dezidiert zu Nachhaltigkeitsthemen. Oft geht es um kleinere Schritte, um leichte Anpassungen, um einfache Rückfragen oder Erklärungsansätze. Manchmal ist deutlichere Kritik nötig und manchmal harsche Worte bei der Hauptversammlung, um das Anliegen auch öffentlich zu adressieren.

Mittlerweile spiegelt sich die Kritik an börsennotierten Unternehmen immer mehr im Abstimmungsverhalten.

Im Frühjahr 2019 wurde beispielsweise erstmals einem Dax-Vorstand bei der Bayer-Hauptversammlung die Entlastung versagt und für das vergangene Geschäftsjahr das Vertrauen entzogen. Der Grund war der Umgang mit der Monsanto-Übernahme.

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In anderen Fällen bringt das Engagement allerdings auch direkte, schnelle und sichtbare Erfolge: Im laufenden Jahr ist es durchaus als Errungenschaft zu werten, dass RWE und BASF – nach einem entsprechenden Dialog – künftig prüfen werden, ob und inwiefern ihre Lobbyarbeit im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzvertrag steht. Die beiden Dax-Konzerne gehören immerhin zu den grössten CO2-Produzenten Deutschlands. Und auch der Ölgigant Shell hat auf Drängen der Investoren-Initiative Climate Action 100+ (CA100+) die Vergütung des Vorstands an verbindliche Klimaziele gekoppelt.

Ausschluss als letzte Konsequenz

Im Extremfall aber, wenn Dialoge, Forderungen und Abstimmungen nicht zum erhofften Ziel führen, gibt es nur noch eine Konsequenz: Divestment. Dann wird der jeweilige Emittent für die Sondervermögen gesperrt und eventuell bestehende Positionen werden aufgelöst. Nicht selten hängt der Ausschluss mit dem jeweiligen Produktportfolio zusammen: Grundsätzlich tätigt Union Investment keine Investitionen in Unternehmen, die an der Herstellung geächteter und kontroverser Waffen wie etwa ABC-Waffen, Landminen und Streubomben oder an der Förderung von Kohle beteiligt sind. Ein Ausschluss passiert beispielsweise auch bei gravierenden Verstössen gegen die Prinzipien des UN Global Compact, wenn durch Engagement-Dialoge mit Emittenten kein positives Ergebnis erreicht werden kann.

Vale als prominentes Beispiel

Ein prominentes Beispiel ist der brasilianische Minenbetreiber Vale. Nach zwei verheerenden Minenunglücken mit zahlreichen Toten sind Portfoliomanager wiederholt mit dem Management des Konzerns in den Dialog getreten. Zentral war dabei die Frage, wie das Unternehmen künftige Unglücke dieser Art vermeiden will und welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

Das Ergebnis war auf keinen Fall zufriedenstellend. Das Unternehmen ist für Publikumsfonds von Union Investment vorerst nicht mehr investierbar. In der Folge wurden die Bestände in Vale veräussert.

Trotzdem den Kontakt nicht abbrechen

Vorerst, denn Urteile dieser Art sind nicht ewig gültig. Und wenn der Grund für die Sperre wegfällt, dann ist eine Adresse grundsätzlich auch wieder investierbar. Das gilt im Fall der Abspaltung problematischer Unternehmensteile ebenso wie im Fall verbesserter Unfallprophylaxe.

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Um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob sich ein Unternehmen auf dem richtigen Weg befindet, bleibt der Kontakt deshalb oft auch dann erhalten, wenn der Emittent nicht investierbar ist. Eine Abkehr von der problematischen Unternehmenspolitik hätte dann möglicherweise neue Investitionen zur Folge. Dann könnte im Idealfall auch eine Transformationsstory folgen: vom Sorgenkind in Sachen Nachhaltigkeit hin zum Musterknaben – entsprechende Kursperformance, wenn die ESG-Risikofaktoren an den Kapitalmärkten sukzessive wieder ausgepreist werden, nicht ausgeschlossen. Denn eine Möglichkeit der nachhaltigen Geldanlage ist, auf die Konzerne zu setzen, die in ESG-Belangen optimal aufgestellt sind.

Suboptimale Unternehmen optimieren

Die zweite Möglichkeit besteht darin, auch in diejenigen Adressen zu investieren, die entwicklungsfähig und -willig sind und versuchen, nachhaltigere und damit bessere Unternehmen zu werden.

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Im Idealfall werden beide Ansätze miteinander verwoben: Dann besteht ein Portfolio sowohl aus den nachhaltigsten Unternehmen als auch aus denen, die sich auf den Weg machen, um in diese Spitzengruppe vorzustossen. Assetmanager honorieren auf diese Weise also die Besten und die Ambitioniertesten gleichermassen.

Janne Werning, Leiter ESG Capital Markets & Stewardship, Union Investment, Frankfurt.