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Banklose
Auf die finanzielle Eingliederung setzen

Bargeld mit Portemonnaie
Die Hälfte der Weltbevölkerung hat kein Bankkonto. Quelle: Foto: Stefanie Grewel

Rund die Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung verfügt nicht einmal über ein einfaches Konto. Technologien können hier Abhilfe schaffen.

Veröffentlicht am 24.10.2018

Geld auf die Bank zu bringen oder ein Konto kurzfristig zu überziehen, gehört für viele Menschen zum ganz normalen Alltag. Einem Alltag, den rund 1,7 Milliarden Menschen weltweit nicht kennen. 94 Prozent der Erwachsenen in entwickelten Volkswirtschaften ­haben ein Bankkonto, aber nur 63 Prozent in Entwicklungsländern. Während mehr Konsumenten Bankkonten besitzen als je zuvor, bleibt der Geschlechterunterschied in den Entwicklungsländern unverändert bei 8 Prozentpunkten (67 Prozent bei Männern gegenüber 59 Prozent bei ­Frauen).

Allerdings wird einiges unternommen, um diesen Zustand zu ändern. Regierungen weltweit gehen an die Arbeit: Gemäss der Weltbank haben sich seit 2010 über 55 Länder für die finanzielle Eingliederung engagiert, über 30 von ihnen befassen sich mit der Einführung oder Entwicklung von landesweiten Strategien.

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Klassische Bankfilialen sind überflüssig

In den meisten Fällen ist die geringe Verfügbarkeit von Bankdienstleistungen ein Schwellenlandproblem. Nahezu die Hälfte der bankmässig unterversorgten Weltbevölkerung lebt in einem dieser ­sieben Länder: China, Indien, Pakistan, Indonesien, Nigeria, Mexiko und Bangladesch (siehe Grafik).

Dank dem technologischen Fortschritt verbessert sich die Lage in den abgelegensten Regionen, da der Zugang zu ­Finanzprodukten nicht länger von der Existenz physischer Bankschalter abhängt. Die Versorgung mit Internetzu­gängen und Mobiltechnologie verbessert sich laufend. Somit dürfte sich die Versorgungslücke bei Finanzdienstleistungen immer schneller schliessen: 2014 nutzten laut Global Findex Database 42 Prozent ­aller Erwachsenen mindestens einmal den digitalen Zahlungsverkehr, im Jahr 2017 waren es bereits 52 Prozent.

Es liegt auf der Hand, dass die finan­zielle Eingliederung sowie die umfassendere wirtschaftliche Formalisierung vieler Schwellenländer zentrale Aspekte des Fortschritts sind. Langfristige strukturelle Veränderungen wie der Übergang von Barzahlungen zum elektronischen Zahlungsverkehr und der Trend zu Zahlungen via Mobilgeräte dürften Geschäftsmo­dellen für Finanzdienstleistungen zugutekommen. Dies gilt insbesondere für Unternehmen in den sogenannten Frontier Markets und den Schwellenländern, in denen der Markt das Potenzial des Wandels noch nicht erkannt hat.

 

Schlüssel Finanzmarktentwicklung

Brasilien ist ein Paradebeispiel für Lateinamerika: Das Land zählt zu den grössten Schwellenländern – und dennoch zeichnet sich der Wandel der Finanzindustrie nur zaghaft ab. Im Jahr 2017 verfügten nur gerade 27 Prozent der über 15-jährigen Brasilianerinnen und Brasilianer über eine Kreditkarte. In der Schweiz sind es 66 Prozent. Nahezu die Hälfte (48 Prozent) aller Konsumausgaben werden in Brasilien in bar bezahlt. Itaú Unibanco gehört zu den Unternehmen, die vom technologischen Fortschritt im Banking profitieren dürften. Die seit 1993 börsenkotierte Gesellschaft ist die meiste Zeit hochprofitabel und hat sich selbst während Konjunktureinbrüchen erfolgreich behauptet. Die anhaltende Schwäche der staatlichen Banken kommt Itaú Unibanco zugute. Ihre Bilanz ermöglicht zudem ­weiteres mittelfristiges Wachstum ohne Gefahr der Kapitalverwässerung.

Bargeld lacht – aber nicht in Kenia

Die finanzielle Eingliederung beginnt mit dem Zugang zu Bankkonten. Dies ist aber nicht alles: Auch komplexere Finanzinstrumente sind gefragt, etwa Vorsorge- und Versicherungslösungen.

In der Türkei ist das Angebot an solchen Lösungen noch verschwindend gering. Gerade einmal 20 Prozent der unselbstständig erwerbstätigen Bevölkerung verfügen über eine berufliche Vorsorge. Die türkische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, diese Quote zu erhöhen. Als Anreiz stockt der Staat private Sparmittel mit einem Beitrag von 25 Prozent auf. Daher wächst der Markt rapide; die jährliche Wachstumsrate der noch geringen Basis beträgt 20 Prozent. Unternehmen suchen diesen Trend zu nutzen, so etwa AvivaSA, ein Joint Venture im Bereich Vorsorge und Versicherungen des britischen Versicherers Aviva und des türkischen Mischkonzerns Sabancı. Das Unternehmen positioniert sich als Träger des Strukturwandels in Richtung finanzielle Absicherung. Der Markt hat allerdings sein Potenzial für nachhaltig hohe Wachstumsraten noch nicht erkannt.

Der strukturelle Wandel bildet einen fruchtbaren Nährboden für zahlreiche neue Geschäftsmodelle und unternehmerische Initiativen. In den Schwellen­ländern finden sich viele solide geführte Unternehmen, denen die finanzielle Eingliederung gute Aussichten eröffnet.