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ETF
Sie sind nur das Spieglein an der Wand

Zeitung mit Mutual Funds
 Quelle: blackwaterimages

Gibt es zu viele von ihnen? Verursachen ETF höhere ­Kursschwankungen? Kommen sie bei Marktturbulenzen unter Druck?

Veröffentlicht am 24.10.2018

Börsengehandelte Fonds (ETF) wachsen rasant und nachhaltig. Noch zu Beginn des neuen Jahrtausends vertraute kaum ein Anleger auf die flexiblen Instrumente, mittlerweile verwalten ETF gemäss ETFGI per Ende Juni 2018 weltweit ein Vermögen von 5 Billionen Dollar. In der Schweiz waren per Ende Juni 2018 1369 ETF an der SIX ­kotiert. Für Anleger ist diese Entwicklung positiv, denn ETF verbinden Kosteneffizienz mit Diversifikation – und erzielen damit letztlich bessere Ergebnisse. Doch mit ihrer Popularität haben ETF kontroverse Debatten ausgelöst. Aktuell stehen dabei vor ­allem drei Fragen im Vordergrund.

 

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Gibt es zu viele ETF?

Laut ETFGI waren an europäischen Börsen per Ende Juni 2018 2300 Exchange-traded Products notiert, darunter ETF, ­Exchange-traded Commodities und Exchange-traded Notes. Zum Vergleich: Laut European Fund and Asset Management Association waren in Europa per Ende 2017 über 60 000 offene Anlagefonds registriert. Wer an breit diversifizierte und kosteneffiziente Anlagelösungen glaubt, dem werden beide Zahlen zu hoch erscheinen. Die Konzentrationsstatistik bestätigt dies: Die zwanzig grössten ETF vereinten per Ende Juni 2018 54 Prozent des verwalteten Vermögens auf sich.

Anleger stimmen scheinbar mit den Füssen ab und entscheiden sich für hochwertige Produkte gut diversifizierter Kernbausteine. Vielleicht sind also tatsächlich zu viele ETF am Markt und falls die Geschichte Rückschlüsse auf die weitere Entwicklung zulässt, dann dürften viele kleinere Fonds wohl irgendwann schliessen.

Höhere Kursschwankungen?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich das Anlagevolumen von ETF und ihr Prinzip vor Augen halten: Das globale Anlagevermögen beläuft sich auf rund 280 Billionen Dollar, davon entfallen annähernd 5 Billionen Dollar auf ETF.

Bei diesem Kräfteverhältnis müssten ETF schon über besondere Kräfte verfügen, um Kurse ins Schwanken zu bringen und nicht genau wie andere Fonds auf Kursdruck zu reagieren. ETF funktionieren praktisch gleich wie herkömmliche Fonds, sowohl in ihrer Regulierung als auch in ihren Anlagemethoden – mit ­einem einzigen wesentlichen Unterschied: Anteile an herkömmlichen Fonds kaufen Anleger direkt beim Fondsan­bieter, bei ETF handeln sie dagegen in der Regel miteinander, meistens über einen Wertpapierhändler.

Der bei weitem grösste Teil des ETF-Handelsvolumens wird am Sekundärmarkt abgewickelt. Vanguard hat europäische ETF-Handelsdaten über einen Zeitraum von drei Jahren ausgewertet. Das Ergebnis: Sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen wurden 99 Prozent des Handelsvolumens im Zeitraum vom 1. Oktober 2012 bis 30. September 2015 am Sekundärmarkt abgewickelt. Das bedeutet, dass nur 1 Prozent des ETF-Handels durch Kauf oder Verkauf von Basiswerten direkten Einfluss auf den Primärmarkt hatte. Anhand dieser Daten lässt sich die Behauptung kaum untermauern, ETF seien für höhere Marktschwankungen verantwortlich. Nischenprodukte in volumenschwachen Märkten mögen die Preise beeinflussen, für Aktien- und Obliga­tionenmärkte insgesamt kann das nicht zutreffen.

Bei Marktturbulenzen unter Druck?

Die dritte Frage beschäftigt weiterhin die Aufsichtsbehörden in den USA und in Europa. Probleme traten zum ersten Mal am 24. August 2015 während des Flash Crash auf, als der Handel mit bestimmten Aktien und ETF wegen rapider Kurseinbrüche eingestellt wurde. Die Ereignisse schienen jedoch eher ein Problem der Börsenmechanismen als der ETF-Strukturen selbst zu sein.

Da ETF an der Börse gehandelt werden, unterliegen sie denselben Schutzmechanismen und dem gleichen Kräftespiel von Angebot und Nachfrage wie Aktien. Genau diese wirkten am 24. August 2015, die Geld-Brief-Spanne auf Aktien und ETF ging auseinander, einige wurden vom Handel ausgesetzt.

Vanguard und andere ETF-Anbieter berieten sich daraufhin mit Aufsichts­behörden und Börsen über mögliche Verbesserungen der Strukturen. Die amerikanische Securities and Exchange Commission ( SEC) überarbeitete daraufhin ihre Circuit-Breaker-Regeln.
In Europa konzentrierte sich die Diskussion auf Rolle und Aufgabe der auto­risierten Marktteilnehmer (AP) – der Broker, die durch Kauf und Verkauf von Basiswerten sowie Ausgabe und Rücknahme von ETF-Anteilen für Liquidität sorgen. Die wirtschaftlichen Anreize sind so strukturiert, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein AP nachrückt, sollte sich ein anderer bei Turbulenzen vom Markt zurück­ziehen.

Drei Fragen, drei Antworten

Die drei Fragen können alle mit einer einfachen Feststellung beantworten: ETF spiegeln die aktuellen Marktbedingungen, sie diktieren sie nicht. Es mag also sein, dass es zu viele ETF gibt, genauso wie es wohl zu viele herkömmliche Fonds gibt. Steigt die Markt­volatilität, schwanken auch die Kurse von ETF – was plausibel ist, schliesslich investieren sie in die zugrundeliegenden Wertpapiere. Eine Volatilitätsquelle sind sie jedoch nicht. Marktturbulenzen lassen sich an ETF-Preisen genauso ablesen wie an den Kursen der Basiswerte. Diese Kursbewegungen werden innerhalb der Börsenstrukturen und Vorgaben der Aufsichts­behörden vom Markt bestimmt, nicht vom Anlageinstrument. Wer diese Themen verwechselt, gefährdet kostengünstige Anlagelösungen für Millionen Anleger.