Die Schweizer Wirtschaft schrumpft dieses Jahr um 8 Prozent. Nein, eher mehr. Nein, eher etwas weniger. Als Anfang Juni die ersten Daten zur Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal 2020 veröffentlicht wurden, war das Schlimmste eigentlich vorbei; die Zahlen zum zweiten Quartal, die den Rückgang Ende März und Anfang des zweiten Quartals abbilden, kamen erst Ende August.

Diese zeitliche Verzögerung genügt vielen Firmen und Investoren heute nicht mehr: Sie wünschen sich viel raschere Indikatoren. Stromverbrauch, Mobilitätsverhalten, Aktivitäten in der Logistik, Kreditkartennutzung, Anzahl offener Stellen auf den Plattformen, Restaurantbestellaktivitäten sowie Google-Suchabfragen geben Hinweise auf den aktuellen Verlauf.

Meist sind Startups und digitale Disruptoren die Datenquellen. Dienste wie Nowcasting bündeln solche Indikatoren auch für die Schweiz. Der Verlauf zeigt nach einer Erholung im Mai und Juni weiterhin leichte Aufwärtstendenzen. Doch kann man diesen Daten trauen und sie als Grundlage für Investitionsentscheidungen oder Personalfragen nutzen?

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Offizielle Daten zum BIP und zur Kreditvergabe von Banken gelten als «hart». Ihre Qualitäten sind unbestritten, die Methoden wurden über mehrere Zyklen getestet und verfeinert. Allerdings sind auch sie nicht so solide, wie sie auf den ersten Blick scheinen: Allein die korrekte Handhabung und Verrechnung der Kurzarbeit birgt viele Unsicherheiten. Zudem dürfte das Ausfüllen entsprechender Statistiken bei Datenlieferanten wie Firmen auf dem Höhepunkt des Abschwungs auf den Todo-Listen nach unten gerutscht sein.

Die Mobilitätsdaten von Apple und Google sind ebenfalls zu interpretieren. Sie weisen saisonale Schwankungen auf – und wenn die nicht berücksichtigt werden, sieht man einen Aufschwung, wo tatsächlich ein Abschwung stattfindet. Auch die Interpretation von Kartentransaktionsdaten ist nicht ganz so einfach, wie es erscheint: Bargeld galt zu Beginn der Pandemie als potenziell infiziert – deshalb müsste eine Abnahme der Bargeldverwendung in die Kalkulation einfliessen. Viele neue Instant-Indikatoren erfassen zwar einige Aspekte des Konsums. Aber das Investitionsverhalten von Unternehmen, eine wichtige Komponente der Gesamtwirtschaftsleistung, ist viel schwieriger zu erfassen.

Längerfristig dürften neue Datenquellen eine wichtige Ergänzung zu den offiziellen Werten werden: Mit der vernetzten Wirtschaft steigt die Qualität – und nach zwei, drei Zyklen lernen Ökonomen, wie die Daten korrekt zu gewichten und zu lesen sind. Für die Anbieter wird deren Verkauf zu einer weiteren Einnahmequelle.