«Cradle to Cradle»-Logistikwege sind durch die steigende Nachfrage nach rezyklierbaren Produkten wieder aktuell: Das «Wiege zu Wiege»-Logistikkonzept, das gelegentlich auch auf C2C verkürzt wird, ist zwar bereits vor zwanzig Jahren entwickelt worden, es wird aber erst in den vergangenen zwei Jahren mit dem massiven Druck der Öffentlichkeit Richtung nachhaltige Wirtschaft wieder diskutiert. Denn die Konsumenten erwarten von Firmen, dass sie ihre Produkte nachhaltig herstellen. Dazu gehört auch die Wiederverwendung der Rohstoffe. Doch damit fangen die Herausforderungen für bestehende Logistikketten erst an.

Mehr für weniger

Die Cradle-to-Cradle-Ansätze richten sich an der Natur aus: Design, Herstellung, Vertrieb, Auslieferung, Nutzung und Wiedereinsammeln von Produkten orientieren sich am Bild von Ausgangsstoffen, die in Kreisläufen zirkulieren. Natürlich geht es aus kommerzieller Sicht immer um eine bessere Nutzung der Rohstoffe und um Effizienzsteigerungen. Einige Effekte sind bereits jetzt sichtbar, wie sie Andrew McAfee in seinem Buch «More from Less» schildert: Obwohl die Bevölkerung in den USA kontinuierlich um knapp 1 Prozent pro Jahr wächst, stagniert der Stromverbrauch seit zehn Jahren. Und der Verbrauch von Rohöl und allen Rohölprodukten bleibt hinter dem Wachstum der Bevölkerung und deutlich hinter dem der Wirtschaft zurück.

Die Kleidungsbranche gilt laut den Marktforschern von CB Insights als führend bei der Entwicklung dieser neuen Logistikketten, nachdem sie mit Fast Fashion inklusive Billigproduktion, aufwendiger Sofortlieferung und kurzzeitiger Verwendbarkeit das Problem erst geschaffen hatte. Die Branche ist gemäss einer Studie der McArthur-Stiftung für 10 Prozent des weltweiten Rohölkonsums verantwortlich – rund dreimal mehr als die Airlines.

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Gemäss den Analysten von Citigroup werden derzeit erst 3 Prozent aller Fasern, die für die Bekleidung hergestellt werden, wieder in Materialkreisläufe eingespeist und wiederverwendet. Grund ist auch die bisherige Vorgehensweise: Gebrauchte und überschüssige Textilien müssen im Zuge der Wiederverwertung erst nach Sorten und Farben getrennt und dann um frisch produzierte Baumwolle ergänzt werden, damit eine Qualität erreicht wird, mit der neue Kleidung produziert werden kann.

Retailketten haben weniger Spielraum beim Umgestalten ihrer Logistik.

Neue Fasern

Startups und Firmen aus Italien, Finnland und Schweden haben Verfahren entwickelt, mit denen sich Kunstfasern, die bisher in Anlagen verbrannt oder in Müllkippen vergraben worden waren, wiederaufbereiten und nutzen lassen. Endprodukte dieser Entwicklungen sind die neuen Rohmaterialien, mit denen sich wiederum neue Kleidung herstellen lässt. Weil zukünftig solche Rezyklieranlagen in der Nähe der Verbraucher betrieben werden können, reduziert das nicht nur den Verbrauch von Energie für die Herstellung und den Transport. Es wird auch weniger Dünger und Land für die Produktion von Naturfasern benötigt. Und es verändern sich auch die Transportwege und die Logistikketten drastisch.

Der Sportartikelhersteller Nike hat bereits die ersten Schritte in diese Richtung unternommen und im Sommer 2019 die Firma Celect gekauft. Diese soll bei Nike die Lagerbewirtschaftung und die Logistikketten auf der Basis von künstlicher Intelligenz bewirtschaften. Dazu gehört beispielsweise das Kombinieren von konventionellen Logistikketten für einen Teil des Sportschuhsortiments mit alternativen Wegen für nachhaltig hergestellte Sneaker.

Neue Wege

Retailketten haben, anders als die vertikal organisierten grossen Marken, weniger Spielräume bei der Umgestaltung ihrer Logistik in Richtung Cradle to Cradle. Solche Ketten bilden die Zielgruppe von Startups wie Relex Solutions und Cosy, die durch eine bessere Abstimmung von Nachfrage, Angebot und Lieferungen überflüssige Transporte in beide Richtungen vermeiden möchten.

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In einigen Bereichen wird das Second-Hand-Prinzip im Zuge der Cradle-to-Cradle-Zyklen wiederentdeckt. Dabei werden grosse Teile der Lieferketten für die Neuproduktion und die Wiederverwendung gar nicht mehr benötigt. Lohnend ist das Prinzip auch: Das Startup Rent the Runway hat im vergangenen Jahr die Milliardenbewertung erreicht.

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