Digitale Transformation wird seit Jahren in allen Schweizer Städten posaunt. Geschickt kombiniert mit Versprechen auf enorme Effizienzgewinne und einer angsteinflössenden Drohkulisse. Wer auf diesen Zug nicht aufspringe, stehe bald allein auf dem Perron und habe den Anschluss verpasst, warnen Technologieexperten.

Digitalisierung fängt jedoch ganz praktisch und ganz unten an. Sie kann etwa bedeuten, alle Dokumente eines Unternehmens in einem digitalen Archiv abzulegen, auf das jeder Mitarbeiter Zugriff hat. Keine triviale Aufgabe, wenn Millionen Dokumente in Sekundenbruchteilen durchsucht und die Ergebnisse nach Nutzen priorisiert werden sollen. Digitale Transformation heisst auch, alle Geschäftsprozesse von Lead-Generierung über Kundenpflege bis zu Auftragsabwicklung und Rechnungserstellung ohne Ausnahme zu digitalisieren.

Reif für die Praxis?

Schon mit diesen beiden Massnahmen lassen sich grosse Effizienzgewinne erzielen. Bei den Hype-Technologien künstliche Intelligenz (KI), Drohnen, Chatbots, Blockchain, Internet der Dinge oder virtuelle Realität scheiden sich jedoch die Geister. Aber ist die Technik ausgereift genug, um schon heute signifikant zum Unternehmenserfolg beizutragen?

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«Banken können durch Chatbots ihre Kundeninteraktion effizienter gestalten und 24 Stunden am Tag verfügbar sein», sagt Joris D’Inkà, Schweiz-Chef des Strategieberatungshauses Oliver Wyman. Vor allem im Retail Banking hinkten Schweizer Banken der internationalen Konkurrenz punkto Digitalisierung lange Zeit hinterher. Nun aber sei Tempo in die Entwicklung gekommen, so D’Inkà. Verschiedene Schweizer Banken haben begonnen, unbemannte Beratung zu pilotieren. Kunden erhalten so bequemeren Zugang zu individualisierten Waren und Dienstleistungen.

Die Swisscom setzt im eigenen Support- Center Chatbots ein, um beratungsuchenden Privatkunden lange Wartezeiten zu ersparen. Der Chatbot sei immer verfügbar und könne einfache Anliegen sehr schnell erledigen, erläutert Swisscom- Sprecher Armin Schädeli die Vorteile. Selbst wer lieber den Kundendienst auf herkömmlichem Wege per Telefon kontaktiere, werde dank KI heute schneller bedient als noch vor Jahren. Ebenfalls grosses Marktpotenzial sieht der Telekommunikationsriese im Internet der Dinge, dem Universalvernetzer schlechthin. In den sogenannten Smart Villages in stark frequentierten Berggebieten vernetzen Kunden der Swisscom zum Beispiel Umweltsensoren, Energiezähler, Feuerlöscher, Flachdächer und Tracker wie Schneehöhenmesser. Mit dem Ziel, zahlenden Gästen ein angenehmes und sicheres Urlaubserlebnis zu garantieren.

Schweizer Unternehmen sind experimentierfreudig, offen für Innovationen. Die Post testet Flugdrohnen für den Laborproben- und Medikamententransport in Lugano. Lebensrettende Medikamente erreichen so schneller ihren Bestimmungsort. Lieferroboter und selbstfahrende Shuttles sollen zudem die lokale Paketzustellung unterstützen. Ob allerdings die Rechnung mit den neuen Technologien am Ende aufgeht und konkreten Mehrwert generiert, ist nicht immer ausgemacht. Eine Ausweitung der Drohnen- Services auf andere Einsatzgebiete, so äusserte sich Post-Mediensprecher François Furer gegenüber der «Handelszeitung », sei vorerst nicht geplant.

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Anbieter und Kunden in Co-Creation

Technologieanbieter wie Microsoft und Fujitsu haben den hohen Beratungsbedarf auf Kundenseite erkannt und bieten sogenannte Co-Creation-Zentren an, wo sie gemeinsam mit Kunden Geschäftspotenziale analysieren und Lösungen erarbeiten wollen, die auch in der unternehmerischen Praxis funktionieren. «Cocreation for Success» hat sich der Infrastruktur- und Lösungsanbieter Fujitsu auf die Fahnen geschrieben, der Anfang November in München sein alljährliches Kunden- und Partnerforum abhielt. Mit etwa 10 000 Teilnehmern der grösste Event eines Technologieanbieters in Europa, wie man bei Fujitsu gerne betont.

Fujitsu schenkte mit der grossen Kelle ein. Das Highlight des Forums war der Quantencomputer Digital Annealer, der komplexe kombinatorische Optimierungsaufgaben rasend schnell lösen soll. Quantencomputer – «quantum-inspired computing» präzisieren die korrekten Japaner – sind anscheinend nicht mehr nur eine elitäre Fantasie abgehobener Theoretiker. Es gibt bereits praktische Einsatzszenarien. Die National Westminster Bank (NatWest) optimiert damit ihr Liquid- Assets-Portfolio einschliesslich Bonds, Bargeld und Staatsanleihen mit einem Volumen von etwa 120 Milliarden britischen Pfund. Mithilfe des Digital Annealer soll dies präziser und 300-mal schneller gelingen als mit den herkömmlich verwendeten Methoden. Zwei weitere Beispiele: Die Automobilkonzerne Volkswagen und BMW fahren Pilotprojekte in der robotergesteuerten Fertigung und konstruieren mithilfe der Technologie zum Beispiel besonders geräuscharme Aussenspiegel für ihre Luxuslimousinen.

«Wir wollen mit unseren Kunden in eine Diskussion darüber kommen, wie wir Themen gestalten und vorantreiben können », bekräftigte Rupert Lehner, Head of Central Europe Fujitsu, auf dem Forum. Fujitsu hat zu diesem Zweck in mehreren europäischen Städten Kompetenz- und Beratungszentren hochgezogen. «Wir wollen punkto Digitalisierung nicht alles machen, was in Gottes Garten gedeiht», so Lehner weiter. Der Fokus liegt auf KI, vernetzten Technologien und Einsparpotenzialen im industriellen Umfeld.

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