Heute macht die Wasserkraft mit einem Anteil von 55 Prozent den grössten Anteil unseres Strommixes aus. 15 Prozent des «Pfuuses» entspringen Kehrichtverbrennungsanlagen und erneuerbaren Energieträgern wie Wind, Sonne, Biomasse – und 30 Prozent der Kernenergie. Sie will die Schweiz innerhalb der nächsten dreissig Jahre durch erneuerbare Energien ersetzen.

 

Erdbeben und Terror

Wer nun meint, mit dem Wechsel von einer umstrittenen, gefährlichen Energiequelle zu einer sauberen, ungefährlichen sei alles im wahrhaft grünen Bereich, der irrt. Der Weg bis 2050 ist noch lang, bis dahin müssen wir mit der Kernenergie leben. Und das Risiko der Altreaktoren ist gemäss der Schweizerischen Energiestiftung gross: Die Schweiz hat den ältesten AKW-Park der Welt. Unsere in die Jahre gekommenen Atomkraftwerke wurden zwar immer wieder nachgerüstet. Doch die hochkomplexen Systeme und der Faktor Mensch sind fehleranfällig.

Die Katastrophen in Tschernobyl 1986 und in Fukushima 2011 zeigten, welch verheerende Folgen solch ein GAU für Land, Mensch und Umwelt hat. Ganze Landstriche wurden dauerhaft verseucht. Mit fatalen Auswirkungen: Gerade Erbschäden lassen sich erst bei nachfolgenden Generationen feststellen.

Erdbeben, Jahrhunderthochwasser und Terroranschläge schätzt die Energiestiftung auch in der Schweiz als reale Gefahren ein. Zumal unsere Kernkraftwerke in den 1960er Jahren nicht im Hinblick auf all diese Risiken gebaut wurden. Zum Beispiel halten sie den wissenschaftlichen Kriterien punkto Erdbebensicherheit nicht stand. Auch bei Unfällen der heutigen modernen, riesigen Flugzeuge fehlt der nötige Schutz. Ganz zu schweigen bei den neuen Gefahren in Zusammenhang mit dem Internet und Cyberattacken.

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Die gefrorenen Flüsse

Ermittlungen in Zusammenhang mit den Terroranschlägen in Brüssel im Jahr 2016 brachten zutage, dass ebenfalls Pläne für einen Angriff auf Atomreaktoren bestanden haben. Kommt hinzu, dass auch im ganz normalen Betrieb radioaktive Strahlung austritt. Internationale Studien belegen, dass in der Umgebung von AKW lebende Kinder häufiger an Leukämie erkranken. Und der übrig bleibende Atommüll strahlt noch für etwa eine Million Jahre radioaktive Strahlen aus. Was eine enorme Belastung vor allem für das Grundwasser, aber auch für den Boden ist.

Diese alten Risiken sind das eine. Die von breiten Kreisen in der Gesellschaft erwünschte Energiewende sorgt aber auch für «new risks». Das Nationale Forschungsprogramm Energiewende NFP 70 hat untersucht, was passieren könnte, wenn die Schweiz ihren jetzigen Atomstrom durch erneuerbare Energien ersetzt. Konkret geht es um Optionen bei der Windkraft in der Schweiz, Photovoltaik auf Schweizer Gebäudedächern und in Solarparks, Offshore-Windparks in der Nordsee und solarthermische Kraftwerke in Nordafrika.

Beispielsweise könnten Unregelmässigkeiten die in der Schweiz bis anhin äusserst zuverlässige Stromversorgung in Nöte bringen und zu unliebsamen Stromausfällen führen. Kein Sonnenschein, kein Wind oder gefrorene Flüsse nennen die Forscher als mögliche Ursachen. Aber auch extreme Wetterereignisse wie Stürme, Vereisungen oder Erdrutsche sowie ein breiter gesellschaftlicher Widerstand gegen die volle Ausschöpfung des eigentlich vorhandenen Potenzials. Das heisst, dass sich die Bevölkerung gegen den Bau neuer Windturbinen oder Stromleitungen zum Beispiel nach Afrika sträubt.

Wasser als Puffer

Und das hat die Studie Anfang 2020 ergeben: Die Schweiz kann aus der Kernkraft aussteigen und zu erneuerbaren Energien wechseln, wenn sie nicht ausschliesslich auf Photovoltaik setzt. Dies sei möglich, weil die Schweizer Wasserkraft Schwankungen ausgleichen könne.

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Das Forschungsteam nahm aber nicht nur die wissenschaftlichen Aspekte unter die Lupe. Es fühlte der Schweizer Bevölkerung den Puls. Die Umfrage ergab eine eindeutige Präferenz für Solarstrom – und in geringerem Ausmass für Windenergie. Wobei die Anlagen in bestehenden Industrie- und Gewerbegebieten gebaut werden sollten – und auch in Skiregionen. 95 Prozent bevorzugen Strom aus der Schweiz und 84 Prozent akzeptieren den Import von erneuerbarem Strom.

Das ist eigentlich kein Problem. Die Energiepolitik in der EU hat zur Folge, dass viele Länder stark auf erneuerbare Energien setzen. Insbesondere Windkraft- und Photovoltaikanlagen liegen im Trend. Die Schweiz könnte also klar profitieren. Das zeigt, wie (überlebens-)wichtig ein bilaterales Abkommen der Schweiz mit der EU im Stromsektor sein könnte.

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Drehscheibe Europa

Konkret soll der Vertrag Schweiz-EU den grenzüberschreitenden Stromhandel regeln, die Sicherheitsstandards harmonisieren, den freien Marktzugang absichern sowie die Mitgliedschaft der Schweiz in den verschiedenen Gremien garantieren. Gemäss dem Bundesamt für Energie ist neu auch die EU-Richtlinie zur Förderung von Energie aus erneuerbaren Quellen in die Verhandlungen einzubeziehen. Damit würde sich die Schweiz im Bereich der erneuerbaren Energien europaweit vernetzen und positionieren, was der Schweizer Strom- und Cleantech-Branche neue Geschäftsfelder eröffnen könnte. Die Richtlinie würde auch die gegenseitige Anerkennung von Herkunftsnachweisen für Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wasser, Wind oder Sonne mit sich bringen.

Das tönt alles gut. Für Mensch, Natur und Wirtschaft. Nur: Die Verhandlungen mit der EU dauern schon seit 2007.

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