Fruchtig schmeckt das rosa Wässerchen, angenehm säuerlich und leicht prickelnd. Ein Durstlöscher für zwischendurch, aber auch passend zu einer Mahlzeit. «Schorlen werden immer beliebter», sagt Silvio Wigger. «Der Trend geht in Richtung weniger Zucker», weiss der Lebensmitteltechnologe, der seit einem Jahr bei der Firma Rivella im aargauischen Rothrist arbeitet. Die neue Himbeer-Rhabarber-Schorle ist sozusagen sein erstes Produkt, das er von Anfang an selber entwickelt hat.

Wie viel Arbeit hinter so einem neuen Getränk steckt, kann sich ein Laie kaum vorstellen. Von der ersten Idee bis zum marktfertigen Produkt kann es gut und gerne ein Jahr dauern. «Bei der neuen Schorle bereiteten uns zum Beispiel die Sedimente grosse Probleme», erklärt Wigger und verweist auf ein paar feine Krümel gräuliche Substanz am Boden der Flasche. Zudem müsse das Zusammenspiel von Süsse und Säure optimal austariert werden und einem breiten Geschmacksempfinden entsprechen. Konkreteres darf er aber nicht verraten: Berufsgeheimnis.

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Von der Erfahrung zum Verstehen

Sein Know-how hat er an einer Fachhochschule erworben. Vor einem Jahr hat er an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil das Bachelor-Studium Lebensmitteltechnologie abgeschlossen. Als gelernter Koch war das Fachgebiet für ihn naheliegend: «Ich wollte mit Lebensmitteln zu tun haben.» Fünfzehn Jahre lang hatte er in verschiedenen renommierten Restaurants in der Innerschweiz gekocht und für kurze Zeit auch an der Hotelfachschule unterrichtet.

Daraufhin strebte er eine berufliche Neuorientierung abseits des Küchenalltags an und wünschte sich mehr intellektuelle Herausforderung. Zuerst galt es aber, die Berufsmaturität nachzuholen. Bereits während des Studiums setzte er einen Schwerpunkt auf Getränke. Drei Jahre lang befasste er sich mit Verarbeitungsprozessen von Lebensmitteln, Ernährungslehre, industriellen Produktionsanlagen, Verpackungen sowie rechtlichen Vorgaben zu Qualität und Hygiene. «Ich begann zu verstehen, was sich beim Kochen und Zusammenmischen auf molekularer Ebene abspielt», erklärt Wigger.

Silvio Wigger

Name: Silvio Wigger
Geboren: 31. Dezember 1985
Wohnort: Luzern
Ausbildung: Berufslehre als Koch, Berufsbildnerkurs und Weiterbildung zum Gastronomiekoch, Berufsmaturität, Bachelor-Studium im Lebensmitteltechnologie an der ZHAW. 
Funktion: Produktentwickler
 

Mein FH-Profil: 
«Vom Kochberuf her brachte ich praktisches Wissen über Lebensmittel mit. Im Studiuum lernte ich, Interaktionen verschiedener Zutaten sowie die industrielle Verarbeitung zu verstehen»

Mit Zunge und Technik

Neben den biologischen und chemischen Grundlagen sind Zunge und Gaumen für ihn aber auch heute noch unentbehrliche Instrumente. «Der gut entwickelte Geschmacksinn kommt mir im neuen Job zugute.» Mehrmals täglich verkosten die drei Produkteentwickler des Betriebs eine neue Mixtur. In einem Kühlschrank lagern Hunderte verschiedene Dosen mit Konzentraten aller nur denkbarer Früchte, Gemüse, Gewürze und Kräuter. Wie wohl Limette mit Bergamotte und Verveine schmecken mag? Ob Heidelbeersaft mit Kirsche und Ananas harmoniert? «In unserem Beruf ist vieles Trial and Error», lacht Wigger, während er routiniert mit Glaspipetten, Pülverchen, Waage und Zuckermessgerät hantiert.

Niederländer lieben Rivella

Von den zwanzig bis dreissig Rezepturen, welche die Produktentwickler täglich zusammenmischen, werden lediglich zwei bis drei weiterverfolgt. Eine von hundert schafft es am Schluss bis in den Handel. Dabei haben auch die Kollegen vom Marketing ein Wörtchen mitzureden. Sie machen Vorgaben zu Kaloriengehalt, bestimmten Zutaten oder Geschmacksrichtungen, die gerade gefragt sind.

Der 1952 gegründete Familienbetrieb, zu dem auch die Marken Michel, Passaia und Urs gehören, beschäftigt gut 250 Mitarbeitende. Jedes Jahr verlassen über 100 Millionen Liter Erfrischungs- und Fruchtsaftgetränke die Produktionsstätte am Jurasüdfuss. Davon geht rund ein Drittel ins Ausland. Besonders die Niederländer haben das Schweizer Traditionsgetränk Rivella mittlerweile entdeckt. Doch ihre Vorlieben seien etwas anders als hierzulande, sagt Kommunikationsfachfrau Monika Christener.  In den Niederlanden sind zum Beispiel künstliche Süssstoffe beliebter als in der Schweiz. Für den Export müssen die Rezepturen deshalb angepasst werden.

«Rivella ist Kult», lacht Silvio Wigger. «Die Marke war mir schon immer sympathisch.» Als ihn ein Kollege auf die freie Stelle aufmerksam machte, wartete er deshalb nicht lange und bewarb sich. Wenn sich der sportliche junge Mann in der Freizeit zu einer Klettertour aufmacht, packt er stets auch einige Flaschen seiner liebsten Rivella-Sorten in den Rucksack.