Jedes Mal, wenn es zu einem Marktabschwung kommt, fühlt es sich an, als würden wir ertrinken. Wann wird der Sturm enden? Wann werden wir wieder Luft holen können? Wo ist Land in Sicht? Wichtig ist, dass unsere Reaktion auf diese Verlustperioden immense Auswirkungen auf unseren künftigen Wohlstand haben kann. Dass starke Kurseinbrüche bisweilen an den Aktienmärkten vorkommen, ist leider eine Tatsache. Volatilität und das Risiko von Verlusten sind Teil des «Eintrittspreises» für Anlagen am Aktienmarkt.

 

Weltwirtschaftskrise der 1930er

In den 148 Jahren zwischen 1871 und 2019 kam es (gemessen am Index S&P 500) elfmal zu einer Wertvernichtung von mindestens 25 Prozent. Während der Baisseperioden 2001 und 2008 wurden an den Aktienmärkten Verluste von mehr als 40 Prozent verzeichnet. Im schlimmsten Fall, bei der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, verloren die Anleger über 80 Prozent ihres Geldes. Und sie brauchten mehr als 15 Jahre, um ihre Verluste wieder hereinzuholen – sofern sie investiert blieben.

Andere Markteinbrüche waren weniger verheerend. In sieben dieser elf Verlustepisoden hätten im S&P 500 investierte Anleger ihre Verluste binnen zweier Jahre oder weniger wieder wettgemacht. In den anderen drei Fällen – nämlich 1893, 2001 und 2008 – belief sich der Zeitraum bis zur Gewinnschwelle auf vier bis fünf Jahre.

Spielverderber Inflation

Zu erwähnen ist, dass es sich hierbei ausnahmslos um nominale Zahlen handelt, das heisst, sie beinhalten auch sämtliche Zugewinne, die etwa durch Inflation entstanden sein könnten. Inflationsbereinigt sind die Daten weniger positiv. Ein Beispiel: Obwohl der US-Markt seine Dotcom-Verluste bis Oktober 2006 auf nominaler Basis aufgeholt hatte, erreichte er auf inflationsbereinigter Basis erst im April 2013 wieder die Gewinnschwelle.

Anderseits konnten US-Aktien in den vergangenen 148 Jahren und zwei Monaten eine erstaunliche jährliche Rendite von 8,9 Prozent erzielen. Die jährliche Rendite lag dabei 6,7 Prozent über der Inflationsrate. Im gleichen Zeitraum rentierten liquide Mittel in den USA mit lediglich 4 Prozent jährlich.

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Die Double-Down-Strategie

Bei einem Börsencrash gibt es drei gängige Reaktionen der Anleger: Sie flüchten in Liquidität und geben Aktienmarktanlagen zugunsten der vermeintlichen Sicherheit von Barmitteln auf. Oder sie halten an Aktien fest und tun nichts. Drittens erwerben sie zusätzliche Aktienanlagen – entweder einmalig oder tröpfchenweise. Das wird als Double-Down-Strategie bezeichnet.

Bei den elf bisherigen Fällen, in denen der US-Aktienmarkt um 25 Prozent oder mehr gefallen ist, untersuchten wir für jede Reaktion, wie lange es gedauert hätte, bis sich ein Anlegerportfolio wieder auf das vor dem Crash vorherrschende Niveau erholt hätte. Für die Zwecke dieser Analyse nahmen wir bei der Double-Down-Strategie an, dass eine Einzelperson jährlich einen Betrag investiert, der 5 Prozent des Werts entspricht, den das Portfolio in dem Monat aufweist, in dem es erstmals mindestens 25 Prozent verlor. Die Auswertung zeigt, dass die Investition von neuen Geldern den Wert eines Portfolios schneller steigen lässt als das erwähnte Nichtstun.

Doppelt so schnelle Erholung

Es besteht die Gefahr, dass Einzelpersonen durch die jüngsten Erfahrungen dermassen vergrault werden, dass sie über einen längeren Zeitraum nicht mehr am Aktienmarkt in Erscheinung treten und stattdessen ihr Heil in Barmitteln suchen. Die Analysen zeigen jedoch, dass dies historisch gesehen die schlimmste finanzielle Entscheidung gewesen wäre, die ein Anleger hätte treffen können. Damit wäre nämlich mit ziemlicher Sicherheit garantiert, dass es sehr lange dauern würde, erlittene Verluste wieder auszugleichen.

Zum Beispiel hätten Investoren, die 1929, also nach dem ersten Rückgang von 25 Prozent in der Weltwirtschaftskrise, auf Bargeld umstiegen, bis 1963 warten müssen, um wieder die Gewinnschwelle zu erreichen.

Wären sie am Aktienmarkt investiert geblieben, hätten sie die Gewinnschwelle jedoch bereits Anfang 1945 erreicht – also etwa doppelt so schnell. Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Aktienmarkt bei diesem Crash letztlich um über 80 Prozent einbrach. Eine Verlagerung auf Barmittel hätte also zunächst die schlimmsten Verluste dieses Einbruchs verhindert, wäre aber immer noch bei weitem die schlechteste langfristige Vorgehensweise gewesen.

Das Gleiche gilt für 2001: Anleger, die damals nach den ersten 25 Prozent an Verlusten bei Zerplatzen der Internetblase in Barmittel umschichteten, würden bis heute lediglich rund 90 Prozent des Portfoliowerts aus dem Jahr 2000 wieder ihr Eigen nennen.

Lücken schliessen

Das Fazit ist eindeutig: Langfristig wäre die Ablehnung des Aktienmarktes zugunsten von Barmitteln für das Vermögen der Anleger sehr negativ gewesen. Es zeigt sich zudem, dass in den meisten Fällen der Double-Down-Ansatz im Vergleich zum Nichtstun keinen allzu grossen Unterschied hinsichtlich der Dauer bis zur Gewinnschwelle gemacht hätte.

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In sechs Fällen verringerte sich die Dauer bis zur Erholung, in vier Fällen bestand überhaupt kein Unterschied und in einem Fall wurde gar ein schlechterer Ausgang erzielt. Das einzige Mal, als der Unterschied jedoch bedeutend ausfiel, war beim schlimmsten aller Börseneinbrüche, nämlich während der Weltwirtschaftskrise. Damals hätten geringfügige und hartnäckige Anlagen am Aktienmarkt die Dauer bis zur Erholung um mehr als die Hälfte verkürzt, nämlich auf 6,7 Jahre gegenüber 15,2 Jahren.

Wenn es überraschen mag, dass die Double-Down-Strategie keinen grösseren Unterschied bewirkt, liegt dies zum Teil daran, dass die angenommene Grössenordnung der Anlagen relativ gering ist: Eine Investition in Höhe von 20 Prozent des Portfoliowerts statt der zugrunde gelegten 5 Prozent hätte die Lücke in jedem Fall schneller geschlossen.

Duncan Lamont, Leiter Research und Analyse, Schroders, London.

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