Das Dreisäulensystem mit AHV, Pensionskasse und privater Altersvorsorge ist eine stolze Errungenschaft des Landes. Mit gutem Grund. Denn kein heutiger oder angehender Pensionär, der sein Leben lang gearbeitet hat, muss befürchten, in der Altersarmut zu landen. Für die Zukunft sieht das allerdings anders aus. Im internationalen Vergleich gilt das Schweizer Vorsorgesystem bloss noch als Mittelmass, vor allem, was dessen Nachhaltigkeit anbelangt. Das zeigt beispielsweise der jährliche «Pension Report» des weltgrössten Versicherers Allianz. In dessen neuesten Ausgabe schafft es die Schweiz gerade mal auf den Rang 23 -hinter Ländern wie Bulgarien, China, Italien oder Kasachstan, mit denen sich Helvetien normalerweise nur ungern vergleicht (siehe Tabelle unten).

Der Report attestiert der Schweiz, dass ihre heutigen Pensionäre sehr anständig von ihrer Rente leben können. Beim Kriterium «Angemessenheit» liegt die Schweiz auf dem komfortablen Rang vier. Was die Zukunft anbelangt, sieht es dagegen anders aus. Beim Kriterium finanzielle Absicherung der versprochenen Renten im Hinblick auf die demografische Entwicklung (Überalterung) belegt sie den schlechten Rang 43. Beim Kriterium Nachhaltigkeit des aktuellen Rentensystems muss sich die Schweiz gemäss dem Allianz-Report gar mit dem miserablen Rang 63 von 70 begnügen.

Nun lässt sich über jedes Ranking und jedes Kriterium diskutieren. Das Schweizer System der Altersvorsorge wird allerdings auch von anderen Vergleichsstudien eher schlecht benotet. So ist die Schweiz gemäss der jährlichen Studie des Australian Centre for Financial Studies und der Beratungsgesellschaft Mercer («Mercer-Studie») auf Platz 12 abgerutscht. Ein Jahrzehnt davor figurierte sie noch in den Top 3. Die OECD («Pension at a Glance» 2019) erstellt zwar kein eigentliches Ranking, sieht für die Schweiz aber «Handlungsbedarf». Sie kritisiert, dass die Schweiz, verglichen mit weit über einem Dutzend anderen OECD-Staaten, keinerlei Fortschritt bei der Modernisierung ihres Rentensystems erkennen lasse.

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Flexible Anpassung des Rentenalters

Doch was machen die führenden Staaten im Allianz-Ranking angeblich oder tatsächlich besser als die Schweiz? In erster Linie adaptieren ihre Vorsorgesysteme die demografische Entwicklung. Mit höherem Rentenalter und oft auch einer automatischen Anpassung des Pensionierungsalters an die steigende Lebenserwartung sorgen sie für langfristige Stabilität im System. Das in der Liste führende Schweden hat sein Rentenalter per 2020 auf 68 Jahre erhöht. Ab 2023 soll es auf 69 steigen. Darüber hinaus wird es automatisch der Lebenserwartung angepasst.

In Belgien steigt das Rentenalter 2025 auf 66 und 2030 auf 67 Jahre. Eine abgestufte Frühpensionierung bei voller Rente gibt es für Werktätige mit 43 und mehr Berufsjahren. Dänemark hat sein Rentenalter auf 67 Jahre erhöht. Ab 2031 steigt es auf 68 Jahre und danach kontinuierlich gemäss Lebenserwartung. Holland liegt bei 66 Jahren, geht nächstes Jahr auf 67 und 2022 auf 68 Jahre. Danach steigt das offizielle Rentenalter gemäss Lebenserwartung weiter an.

Fehlt den Rentnern das Geld für ein akzeptables Leben, kommt es rasch zu Protesten.

Grosse Kassen profitieren von Skaleneffekten

Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Die Niederlande beispielsweise haben ein der Schweiz sehr ähnliches Dreisäulensystem, das im Detail allerdings Vorteile aufweist: So gibt es in Holland insbesondere nur noch etwa 250 Pensionskassen gegenüber den rund 1600 in der Schweiz. Das bringt Skaleneffekte und damit tiefere Kosten mit sich. Zudem ist der Deckungsgrad holländischer Pensionskassen deutlich aussagekräftiger als in der Schweiz, weil der technische Zinssatz klar definiert ist. Er korreliert direkt mit der risikolosen Zinskurve. In der Schweiz legt der jeweilige Stiftungsrat den technischen Zinssatz fest. Dieser liegt in der Regel 2 bis 3 Prozent über dem Zinssatz risikoarmer Anlagen.

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Und letztlich gestaltet sich die Sanierung einer holländischen Pensionskasse in Schräglage sehr viel einfacher als hierzulande: Bereits ab einem Deckungsgrad von 105 Prozent kommt es zwingend zu Sanierungsmassnahmen, die bis hin zu Rentenkürzungen gehen können. In der Schweiz wird in der Regel erst unter 95 Prozent saniert; laufende Renten sind weitestgehend unantastbar.

Auch Kanada profitiert von sehr grossen, starken Pensionskassen. Insbesondere die dominierenden «Big 8» mit verwalteten Vermögen von 100 Milliarden Franken und mehr können es sich dank ihrer Anlagemacht leisten, auch in Private Equity oder Schwellenländer zu investieren. Damit erzielen sie über die Jahre einen Anlageerfolg, der 0,6 Prozent nach Kosten über dem Benchmark liegt. Die Schweizer Pensionskassen erleiden dagegen eine Unterrendite von 0,7 Prozent, was sich langfristig stark auf die Performance und letztlich auf die Rentenhöhe auswirkt.

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Sollte man also hierzulande alles einfach den ausländischen Vorbildern nachmachen? Ganz so einfach geht es wohl nicht. Fehlt den Rentnerinnen und Rentnern das Geld für ein akzeptables Leben, kommt es rasch zu Protesten. So geschehen in Schweden, wo die Altersarmut spürbar steigt. Sinkende Renten bei steigendem Pensionierungsalter können sich politisch rächen und zum Bumerang werden.