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Fussball
«Blatter hat die Chance, die richtigen Weichen zu stellen»

Ottmar Hitzfeld: «Franz ist eine Lichtgestalt des internationalen Fussballs.»

Startrainer Ottmar Hitzfeld spricht über Fifa-Präsident Sepp Blatter, Franz Beckenbauer als potenziellen Nachfolger beim Fussballverband und die Schaffensbilanz von Steuersünder Uli Hoeness.

Von Stefan Barmettler
am 18.06.2015

Haben Sie Fifa-Präsident Joseph Blatter schon zum Rücktritt gratuliert?
Ottmar Hitzfeld: Erst einmal hab ich ihm zur Wiederwahl gratuliert - und ein paar Tage später zum Rücktrittsentscheid.

Ein überfälliger Rücktritt?
Es brauchte Mut und Stärke. Wenn man in einem gewissen Alter ist und derart attackiert wird, gerät man in einen absoluten Ausnahmezustand. Diesen Druck auszuhalten, durchzustehen und auch noch der ganzen Medienphalanx Paroli zu bieten, wäre eine übermenschliche Aufgabe. Deshalb war der Entscheid vernünftig.

Ist Blatter nicht ein Teil des Reputationsproblems?
Vielleicht hätte man die eine oder andere Reform schneller und beherzter an die Hand nehmen müssen. Die Fifa muss sicher bezüglich Transparenz mehr zulegen, und ich hoffe sehr, dass Sepp Blatter in den nächsten Monaten in diese Richtung geht. Die Fifa war in der Vergangenheit zu zögerlich.

Zum Beispiel?
Man hat ja Chefermittler Michael Garcia den Auftrag erteilt, einen Untersuchungsbericht zu den WM-Vergaben Russland und Katar zu verfassen. Dieser Bericht wurde vor einem halben Jahr abgeliefert, doch leider ist er noch immer nicht publiziert. Das öffnet Spekulationen Tür und Tor. Eine Publikation wäre dringend notwendig, vorbehältlich natürlich des Schutzes der Persönlichkeitsrechte.

Die Finanzkontrolle im Fifa-Verbund scheint lasch. Es fliessen Millionen, doch eine Finanzaufsicht oder ein Projektmanagement gab es offenbar nicht.
Die Fifa kann nicht die Finanzflüsse und Projekte von 209 Mitgliederverbänden und 6 Konföderationen kontrollieren, das kann auch ein Sepp Blatter nicht. Aber wenn Millionen für Entwicklungshilfe oder in Jugendprojekte fliessen und dann Hinweise auftauchen, dass Gelder auf Konten von Funktionären landen, müssen diese Fälle aufgeklärt werden, und zwar rasch und rigoros. Nun hat die US-Justiz das Zepter in die Hand genommen. Jetzt bleibt der Fifa nichts anderes übrig, als voll mit den Behörden in der Schweiz und in den USA zu kooperieren. In dieser Situation glaube ich auch, dass Sepp Blatter eine Chance hat, in den verbleibenden vier, fünf Monaten die Weichen richtig zu stellen.

Macht es Sinn, dass im Fifa-Verbund jedes Land - Burundi mit ein paar hundert Mitgliedern und der DFB mit 8 Millionen Mitgliedern - dieselbe Stimmkraft hat?
Nein, das ist ein krasses Missverhältnis. Es kann nicht sein, dass ein kleines Fussballland gleich viel Einfluss hat wie die Fussballnationen Brasilien oder Deutschland. Nur: Hier hat sich die Fifa selber ein Ei gelegt. Es braucht für eine Statutenänderung eine Dreiviertelmehrheit im Kongress. Dass man diese angesichts der realen Verhältnisse zusammenbringt, kann ich mir nicht vorstellen.

Sie haben im Bezahlsender Sky Franz Beckenbauer, den Ehrenpräsidenten von Bayern München, als möglichen Nachfolger von Blatter ins Spiel gebracht. Ihr Ernst?
Franz ist eine Lichtgestalt des internationalen Fussballs. Er ist ein unglaublicher Sympathieträger, er war Weltfussballer, er war Weltmeister-Trainer.

Ein realistischer Vorschlag?
Kaum, ich denke, der Franz hat sich sein Leben sehr gut eingerichtet. Allerdings hat er mich noch nicht angerufen und mir gesagt, das sei eine wahnwitzige Idee (lacht).

Beckenbauer spricht kaum Fremdsprachen, da ist ihm Blatter einiges voraus. Er spricht deutsch, französisch, englisch.
Beckenbauer hat immerhin mal beim Fussballclub New York Cosmos gespielt. Nein, ich traute ihm den Job zu, immerhin gibt es am Fifa-Hauptsitz in Zürich eine qualifizierte Mannschaft. Als er Präsident des FC Bayern München wurde, scharte er ein kompetentes Team um sich und reorganisierte den Verein.

Er machte Uli Hoeness zum Geschäftsführer.
Richtig, Uli hat Bayern München zu dem geformt, was es heute ist.

Hoeness kassierte wegen Steuerhinterziehung dreieinhalb Jahre Haft – keine zweifelhafte Bilanz?
Das sind private Geschichten, auf diese möchte ich nicht eingehen. Sein Lebenswerk beim Club hat Bestand. Als Uli mit 27 Jahren die Geschäftsführung von Bayern übernahm, hatte der Club ein Jahresbudget von 25 Millionen Euro, heute sind es 500 Millionen. Er hatte eine Nase für Geschäfte und war der Vorreiter im internationalen Fussballgeschäft. Er professionalisierte die Beziehung zu den Sponsoren, kreierte die Marke Bayern-München, erkannte früh den Wert von TV-Rechten. Damals zahlten die TV-Sender den Bundesligaclubs für die Übertragungsrechte 25 Millionen D-Mark im Jahr. Uli war überzeugt: Unsere Leistungen und Übertragungen sind einen dreistelligen Millionenbetrag wert. Damals haben alle in der Branche gedacht, der spinnt und hat den Bezug zur Realität verloren. Heute sind diese Dimensionen die Norm. Bei der Fifa sind die Übertragungsrechte einer Fussball-WM die Haupteinnahmequelle.

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Ottmar Hitzfeld in der aktuellen «Handelszeitung», seit Donnerstag am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten. Darin spricht der Startrainer auch über seine grösste Pleite mit Bayern München und den Umgang mit schwierigen Spielern.

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