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Blatter und die Umverteilung bei der Fifa

Faktor 75: Blatter steckte zuletzt mehr als 1 Milliarde Dollar in Entwicklungsprojekte. Keystone

Mehr als eine Milliarde Dollar steckte die Fifa in der letzten Amtszeit von Joseph Blatter in Entwicklungsprojekte. Das sichert dem Walliser die Unterstützung aus Afrika, Asien und Südamerika.

Von Marc Iseli
am 29.05.2015

Zürich, 1. Juni 2011: Dunkle Wolken hängen über dem Hallenstadion. Es regnet in Strömen. Der Weltfussballverband Fifa steckt in der bis anhin schwersten Krise, durchgeschüttelt von Korruptionsskandalen und Peinlichkeiten. Die deutsche Tageszeitung «Die Welt» bezeichnet Joseph Blatter als «König des Sauhaufens». Der Walliser wird trotzdem im Amt bestätigt.

Vier Jahre später, Zürich am 29. Mai 2015: Die Fifa und sein 79-jähriger Präsident stehen auf einemn neuen Tiefpunkt, wiederum just vor der Präsidentschaftswahl. Sieben Fifa-Funktionäre wurden kurz vor dem Kongress in Zürich verhaftet. Im Raum stehen Vorwürfe wegen Geldwäsche und Korruption. Der Skandal bringt Schmach und Schande über den Fussballverband, wie Präsident Blatter selbst einräumt. Und trotzdem ist es sehr wahrscheinlich, dass der Walliser wieder zum König gekrönt wird. Zum fünften Mal in Folge.

Europa in der Minderheit

Blatters Macht gründet in der Unterstützung durch die Fussballverbände ausserhalb Europas und Nordamerikas. Die europäische Uefa unter der Leitung von Michel Platini wettert seit Jahren gegen den Fifa-Präsidenten. Sie hat denn auch den jordanischen Prinzen Ali Bin al-Hussein ins Rennen geschickt, um Blatter die Stirn zu bieten.

Das nützt nichts. Die Europäer vereinen nur 53 von 209 Stimmen auf sich. Selbst wenn, wie heute früh angekündigt, die USA und Kanada nicht für Blatter votieren, kann sich der Überlebenskünstler der Stimmen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Südamerika sicher sein. Der Präsident der afrikanischen Fussballföderation CAF hat dem Amtsinhaber die «einstimmige Unterstützung» zugesichert. Wenn die Afrikaner ihr Versprechen halten, hat Blatter bereits 50 Stimmen auf sicher.

Blatter verteilt Geld um

Dazu kommen elf Verbände aus Ozeanien. Ein Grossteil der 46 asiatischen Stimmen werden auch an den Präsidenten gehen, obschon der Gegenkandidat selbst aus dem Nahen Osten stammt und seit mehreren Jahren als Präsident des Asian Football Development Project (AFDP) amtet. Auch führende Mitglieder der südamerikanischen Verbände haben dem Schweizer ihre Unterstützung zugesichert. In der Summe reicht das locker für die einfache Mehrheit von 105 Stimmen, die Blatter spätestens im zweiten Wahlgang benötigt, um sich nochmals an die Spitze des mächtigsten und reichsten Verbandes der Welt zu hieven.

Dass die Afrikaner, Asiaten und Südamerikaner auf Blatters Seite stehen, steht in engem Zusammenhang mit dessen Effort, den Sport – und damit das Geld – in die weite Welt zu tragen. In der Periode von 2011 bis 2014 floss ein Fünftel der Fifa-Ausgaben in Entwicklungsprojekte. Das sind 1052 Millionen Dollar – 75 Mal mehr als in der Periode von 1995 bis 1998 (siehe Grafik). Damals stand der Brasilianer João Havelange an der Spitze des Weltfussballverbandes. Zum Vergleich: Die Schweiz gab 2014 3,2 Milliarden Franken für die öffentliche Entwicklungshilfe aus.

Die zwei grössten Fussball-Entwicklungsprojekte

Das Gros der Ausgaben floss in zwei Projekte, die vom Sonnenkönig des Fussballs Ende der 1990er-Jahre initiiert wurden: 538 Millionen Dollar steckte Blatter in der letzten Amtsperiode in das Programm zur finanziellen Unterstützung schwacher Konföderation und Nationen (kurz: FAP). Als das grösste fussballerische Entwicklungsprojekt 1999 erstmals umgesetzt wurde, verteilte die Fifa unter Blatter 1 Million Dollar an jeden Verband – unabhängig von der Grösse. Jede Konföderation erhielt 10 Millionen Dollar. Seither steigen diese Beträge.

Weitere 123 Millionen Dollar wurden in den letzten vier Jahren für das Entwicklungsprojekt «Goal» ausgegeben. Die Fifa brüstet sich damit, dass seit der Lancierung des Programms 1998 mehr als 700 «Projekte» in 205 Mitgliedsverbänden unterstützt wurden. «Die Verbände haben davon enorm profitiert, sei es bei der Infrastruktur, technologischen Entwicklung, Administration, Jugend- und Frauenwettbewerben oder bei der Professionalisierung des Fussballs», heisst es im jüngsten Geschäftsbericht. Kostenpunkt: Weit mehr als 400 Millionen.

Beispiel Kapverden

Die Fifa hat sich unter Sepp Blatter also zu einer grossen Umverteilungsmaschine gemausert. Finanzpolitische Verlierer sind die Europäer, wo das Fussballgeld grösstenteils erwirtschaftet wird. Als Konsequenz dieser Politik hat sich die Karte des Weltfussballs stark verändert.

«Nehmen wir die Kapverden», sagte das frühere Fifa-Direktoriumsmitglied Jérôme Champagne dem «Tages-Anzeiger». «Sie existierten nicht im Fussball, sie hatten nichts, kein Geld, um die Flugbillette der Spieler zu zahlen, kein Geld für ein Ausbildungszentrum.» Nun hat sich der Inselstaat zweimal in Folge für den Afrika-Cup qualifiziert. «Warum? Weil die Fifa investiert hat.» Der kapverdische Verband hat sich denn auch am Freitag explizit bei Joseph Blatter bedankt.

Die aktuellen Entwicklungen zum Fifa-Kongress und den Korruptionsvorwürfen finden Sie hier in unserem Live-Ticker.

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