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«Ein Spieler ist weder 100 noch 222 Millionen Wert»

Hans-Joachim Watzke: Dembélé erstreikte sich Abgang zu Barcelona. Keystone

Ousmane Dembélé hat seinen Wechsel zum FC Barcelona mit einem Streik erzwungen. Im Interview spricht BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über die schwierigen Wochen – und die Moral im Fussball.

Von John Stanley Hunter («Business Insider Deutschland»)
am 29.08.2017

Während der 20-jährige Franzose Ousmane Dembélé von der Erfüllung seines «Kindheitstraums» spricht, liegen hinter Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund anstrengende Tage.

Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund musste sich mit einem streikenden Spieler auseinandersetzen, der seinen Abgang offenbar erzwingen wollte. Am Freitag gab der börsennotierte Klub bekannt, dass Dembélé für einen Betrag von 105 Millionen Euro in die katalanische Metropole wechselt. Bis zu 42 Millionen Euro sind zudem noch in Form von Boni möglich — damit ist Dembélé der zweitteuerste Spieler der Fussballgeschichte. Nur beim Wechsel des Brasilianers Neymar von Barcelona zu Paris St. Germain floss noch mehr Geld. Business Insider hat Watzke in Dortmund besucht und mit ihm über den Wahnsinns-Poker mit Barcelona und die Zukunft des Profi-Fussballs gesprochen.

Wie lautet Ihr Fazit nach dem Wechsel-Wahnsinn um Dembélé?
Hans-Joachim Watzke: Dass etwas eingetreten ist, was wir nie für möglich gehalten hätten. Dass ein Spieler bewusst vom Training fernbleibt, um seinen Wechsel zu erzwingen. Es war wichtig, dass wir uns von diesem Verhalten nicht in die Knie haben zwingen lassen und von unseren Forderungen gegenüber Barcelona keinen Millimeter abgewichen sind.

Inwiefern wird dieser Transfer das Fussballgeschäft verändern?
Ich kann im Sinne des Fussballs und einer möglichst hohen Identifikation zwischen den jeweiligen Klubs, den Spielern und den Fans nur hoffen, dass ein solches Verhalten die Ausnahme bleibt.

Sie sagten kürzlich, die BVB-Anleger würden honorieren, dass der Klub im Poker mit dem FC Barcelona hart bleibt. Haben Sie sich jetzt mit dem vollzogenen Transfer gegen die Anleger gestellt?
Ich halte unsere Anleger für schlaue Leute, die nach all den Jahren einer wirtschaftlichen und sportlichen Erfolgsgeschichte, die in Europas Fussball ihresgleichen sucht, wissen, dass Borussia Dortmund ganz grundsätzliches ein lohnendes Investment ist.

Was werfen Sie Barcelona in der Rückbetrachtung vor?
Ich habe dazu in den vergangenen Tagen alles in aller Deutlichkeit gesagt und möchte mich nicht wiederholen.

Werden Sie das nächste Mal genauso reagieren, wenn ein Spieler einen Transfer durch Arbeitsverweigerung erzwingen will?
Das ist eine sehr hypothetische Frage, denn es war ja das erste Mal in der Vereinsgeschichte, dass so etwas vorgekommen ist. Aber für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass: Ja, ganz genauso!

Wie würden Sie Dembélé begrüssen, wenn der BVB im Champions-League-Finale auf Barcelona trifft?
Auch diese Wahrscheinlichkeit ist ja nicht so hoch. Um Ihre Frage dennoch zu beantworten: Lassen sie mich bitte ein paar Tage drüber schlafen...

Inwieweit erschwert Ihnen der Status als börsennotiertes Unternehmen die Arbeit auf dem Transfermarkt?
Manchmal ist es schon schwer. Es hat mir zum Beispiel keine Freude bereitet, Mats Hummels zu erklären, dass wir seinen Wechselwunsch ad hoc mitteilen müssen. Auf der anderen Seite haben wir über die Jahre eine Transparenz entwickelt, die ich mir bei anderen Bundesliga-Vereinen auch wünschen würde (lacht). Es wäre spannend, wenn die Kollegen ihre Gehälter offenlegen würden.

Fussball ist eine der wenigen Branchen, in der Arbeitnehmer mehr verdienen als die Chefs. Verändert das die Machtverhältnisse — zum Beispiel wenn man sich anschaut, wie Dembélé mit dem Verein umgeht?
Das hat damit gar nichts zu tun. Vor 30, 40 Jahren waren die Verhältnisse gleich. Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath und andere Idole meiner Kindheit haben auch schon mehr verdient als deren Manager und Trainer. Dass wir in manchen Bereichen einen gewissen Werteverfall erleben, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Dass wir das im Fussball auch erleben, liegt daran, dass der Fussball ein Kernelement unserer Gesellschaft ist und somit sämtliche Facetten der Gesellschaft repräsentiert.

Auch im Fussball gelten die Gesetze der Ökonomie, deshalb werden die Preise und Ablösesummen irgendwann wieder sinken...
... das ist nicht ganz richtig. Nach den ökonomischen Regeln sind Paris St. Germain oder Manchester City ja keine Erfolgsgeschichten. Ganz im Gegenteil. Aber es gibt eben Scheichs und Oligarchen, denen das völlig egal ist. Solange es einen stetigen Geldfluss aus Ölstaaten in den Fussball gibt, haben wir ökonomisch kein Gleichgewicht. Sicher, 99 Prozent der Fussballvereine wirtschaften nach ökonomischen Gesetzen, aber ein paar eben nicht.

Wie entwickelt sich der Fussball, wenn die Ablösesummen wieder sinken?
Das ist sehr schwer vorherzusagen und hängt davon ab, wie der Fussball in den kommenden Jahren in der Gesellschaft verankert bleibt. Klar ist, dass der Fussball von einem Phänomen profitiert: Uns gehen die gesamtgesellschaftlichen Themen aus.

Früher gab es den massiven Einfluss der Kirchen, der Politik und der Verbände. Heutzutage ist der Fussball das Element, über das der Vorstand eines Dax-Konzerns noch mit der Reinigungskraft reden kann. Solange dies so bleibt, wird die Branche boomen.
Zwei riesige Märkte haben in der Vergangenheit übrigens gar nicht am Fussball teilgenommen: China und die USA. Das sind Milliardenmärkte — mehr als eine Milliarde Menschen entdecken gerade den Fussball. Und Indien kommt vielleicht noch dazu. Auch gesellschaftliche Entwicklungen haben sich positiv auf den Fussball ausgewirkt: Seit einem guten Jahrzehnt kommt auch die Zielgruppe der Frauen verstärkt dazu. Vor 30 Jahren waren nur Männer im Stadion, heute sind es über 30 Prozent Frauen. Und ganze Familien.

Gibt es eine moralische Obergrenze für Ablösesummen? Kann ein Spieler Hunderte Millionen Euro wert sein?
Ich würde da nicht mit Moral kommen. Ein Spieler ist weder 100 noch 222 Millionen Euro Wert. Zum Vergleich: Auch Apple oder Amazon können nicht Hunderte von Milliarden wert sein, das ist einfach eine abstrakte Diskussion. Solange wir bilanziell von immateriellen Anlagegütern sprechen, wenn wir von Fussballern sprechen, brauchen wir uns auch nicht auf eine moralische Schiene heben.

Die Summen übersteigen auch meine Vorstellungskraft, sie sind zu hoch, das Ganze ist extrem, aber «unmoralisch» würde ich es deshalb nicht nennen. «Unmoralisch» gibt's im Fussball bezogen auf Ablösesummen nicht. In diesem Geschäft gilt, dass der Stärkere gewinnt, und dass lässt sich eben nicht sozialistisch regeln.

Viele Menschen haben kein Verständnis für die die hohen Summen, die heutzutage im Fussball gezahlt werden...
Da gehe ich voll mit, ich habe ja gesagt, es liegt auch ausserhalb meiner Vorstellungskraft.

Wie erklären Sie den Fans, dass Sie dreistellige Millionenbeträge für Spieler ausgeben?
Weil es sich am Markt so abbildet. Wenn Ihnen der Chef plötzlich fünf Millionen Euro zahlt, weil er Sie für unverzichtbar hält, sagen Sie ja auch nicht: «Das verstehe ich nicht, das empfinde ich als unmoralisch, das lehne ich ab!» Fast jeder würde das Geld nehmen, wenn wir mal ehrlich sind. Was soll denn ein Klub sagen, dem eine hohe Summe für einen Spieler geboten wird? «Nein, das ist unmoralisch, das nehme ich nicht?» Ich kann jeden verstehen, der sagt, die Summen seien nicht mehr nachvollziehbar, aber bei dem Begriff «unmoralisch» sollte man vorsichtig sein. Wenn ein Geschäft zwischen zwei Partnern nicht sittenwidrig ist, dann passt das.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat nach dem Dembélé-Wechsel gesagt, die aktuellen Transfersummen hätten «keinen Bezug mehr zur Realität». Ausserdem forderte er finanzielle Begrenzungen im Fussballgeschäft.
Ich halte nichts von solchen Regulierungsversuchen. Es wurde meines Wissens auch noch nie so viel Alkohol getrunken wie zu Zeiten der Prohibition. In dem beschriebenen Fall würden Ablösesummen wahrscheinlich über andere Wege gezahlt. Dann macht Katar eben einen Sponsoringvertrag mit dem jeweiligen Club.

Uli Hoeness hat — genau wie Sie — Barcelona im Fall Dembélé zuletzt hart kritisiert. Karl-Heinz Rummenigge hingegen hat den Verein verteidigt und dafür die Spielerberater an den Pranger gestellt. Wer hat mehr Ahnung vom Geschäft?
Die haben beide sogar sehr viel Ahnung. Sie können aber nicht von mir erwarten, dass ich mich zur Mehrstimmigkeit beim FC Bayern äussere. In diesem Punkt bin ich eindeutig näher bei Uli Hoeness.

Wenn Sie an einem Spieler interessiert sind, der daraufhin bei seinem Verein die Arbeit verweigert — würden Sie den Transfer weiterhin verfolgen?
Ja, aber wir würden ihn definitiv darauf hinweisen, dass das nicht der Weg von Borussia Dortmund ist und wir möchten, dass er seinen Vertragspflichten nachkommt.

Sie sind auch Vorgesetzter von Mitarbeitern. Was für ein Arbeitszeugnis würden Sie Thomas Tuchel ausstellen?
Ich möchte hier nicht über die Vergangenheit sprechen. Dass Thomas Tuchel ein fachlich guter Trainer ist und zwei erfolgreiche Jahre beim BVB hatte, ist bekannt. Er hat mit uns einen Titel gewonnen, seinen ersten. Das bleibt für beide Seiten.

Fachliche Kompetenzen sind das eine, aber wie sieht es menschlich aus?
Dazu darf jeder seine Meinung haben. Das brauche ich nicht zu kommentieren.

Dieses Interview erschien zuerst auf «Business Insider Deutschland» unter dem Titel: «Unmoralisch gibt es im Fussball nicht».

 

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