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Europas Fussball auf dem Weg zum Feudalsystem

FC Bayern München: Eine der Top-Mannschaften auf dem Kontinent. Keystone

Europas Grossclubs koppeln sich wirtschaftlich ab. Die Schweizer Vereine gehören zu den Verlierern. Sie müssen sich neue Perspektiven schaffen.

Von Thomas Mersch und Stefan Merx
am 12.04.2017

Die Gier hat viele Fussball-Clubmanager ergriffen. Seit englisches TV-Geld, chinesisches Investorenfieber und extreme Champions-League-Prämien die Topbrands des Ballsports mit Kapital fluten, gibt es kein Halten mehr.

Nach einer Hochrechnung der Vereinigung der europäischen Profiligen (EPFL) kassieren künftig die acht Grossverdiener aus der Uefa Champions League im Schnitt 842 Millionen Euro, während über 400 kleinere Vereine am unteren Ende mit im Schnitt jeweils 43'000 Euro abgespeist werden. «Das System reflektiert nicht den tatsächlichen sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg», heisst es in einem internen EPFL-Papier.

Mehrklassengesellschaft

Parallel wächst die Sorge: Was heute noch unter dem Dach des europäischen Fussballverbands Uefa mühsam geklammert wird – ein Wettbewerb, in dem auch mal Basel für eine Überraschung auf internationaler Bühne gut ist –, zerfällt in eine Mehrklassengesellschaft, in der die Topteams finanziell und sportlich auf immer zu enteilen drohen.

Selbst der FC Basel könnte im Abseits stehen. Bange Fragen stellt sich die Schweizer Liga nun: Werden sich auch die Fans abwenden und lieber Real Madrid und Manchester City huldigen? Und werben selbst verlässliche heimische Sponsoren künftig lieber im Ausland? Viele Clubs spüren, dass es eng werden könnte – und suchen einen Gegenentwurf zur Gigantomanie im Weltfussball.

Schweiz klarer Verlierer

«Es findet eine gezielte Konzentration auf die Topclubs statt», beobachtet Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Die jüngste Reform der Uefa-Clubwettbewerbe, bei der die vier grössten Ligen aus England, Spanien, Deutschland und Italien ab 2018 mit vier festen Starterplätzen in der lukrativen Champions League bedacht wurden, zementiert die Machtverhältnisse und erschwert Teams aus kleineren Ligen den Weg zu den Honigtöpfen.

Die Schweiz ist ein klarer Verlierer der umstrittenen Reform: Der Gewinner der Raiffeisen Super League ist ab kommendem Jahr nicht mehr automatisch dabei, sondern wird sich in einem Turnier gegen andere Meister für die Königsklasse qualifizieren müssen.

Amerikanische Wettbewerbslogik

Ein wichtiger Treiber der Entwicklung ist die Internationalisierung – der Wettlauf um Kunden in den asiatischen Wachstumsmärkten. Als grösste Schaufenster dienen die Champions League und die englische Premier League. Beide Wettbewerbe sind gewaltige Geldmaschinen. «Der Druck, sich als globale Marke zu positionieren, ist für die führenden Vereine sehr stark», sagt Vöpel. Gedankenspiele um eine Abkopplung der Topvereine – eine sogenannte Super-Liga – hält der Ökonomieprofessor für nicht abwegig. «Mittelfristig könnte ich mir eine Zweiteilung des Fussballs vorstellen in eine internationale, stark kommerziell durch Investoren getriebene Liga und eine stärker durch regionale Identifikation getriebene Liga.»

Vöpel zieht die Parallele zum American Football, der in die vollvermarktete National Football League und den studentischen College Football zerfällt. Zwar sei das «alles noch etwas weiter weg, aber die Wettbewerbslogik würde das nahelegen», sagt der Ökonomieprofessor.

Zugespitzt stellt sich die Frage: Wer braucht noch die Schweiz im internationalen Fussballgeschäft? Die Voraussetzungen für eine Abschottung werden jedenfalls bereits geschaffen.

Strippenzieher Rummenigge

Einer, der kräftig an der Machtverschiebung zugunsten der Eliteclubs mitwirkt, war 1989 Schweizer Torschützenkönig mit Servette Genf: Karl-Heinz Rummenigge, heute Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, treibt als Vorsitzender der mächtigen Clubvereinigung ECA nach allen Regeln der Kunst die Uefa vor sich her. Im August konnte die ECA Erfolg auf ganzer Linie vermelden, nachdem zuvor Gedankenspiele einer elitären Super-Liga in Eigenregie der Topclubs laut geworden waren.

Das Exit-Szenario zeigte Wirkung bei den Verwaltern der Königsklasse: Die Uefa beschloss nicht nur die verstärkte Umverteilung der Gelder zugunsten der ohnehin bevorteilten Champions-League-Teilnehmer. Sondern die ECA sitzt künftig gleichberechtigt mit der Uefa am Tisch, wenn es um die Entwicklung neuer Clubwettbewerbe geht. «Wir sind extrem zufrieden», lobte Rummenigge die Neuerungen.

Eine neue Firma namens Club Competitions befindet sich in Gründung – sie soll zu gleichen Teilen der Uefa und der ECA gehören, die 220 Clubs repräsentiert. Wer die strategisch wichtige Uefa-Tochter führen soll – darüber schweigen die Beteiligten noch.

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