Dass Ottmar Hitzfeld in seiner Karriere zu einem der grössten Fussballtrainer der Welt aufstieg, ist auch der deutschen Bürokratie geschuldet. Als er 1983 seine Spielerkarriere beim FC Luzern beendete, wollte er eigentlich als Lehrer für Mathematik und Sport beginnen.

Doch das Hochschulamt im deutschen Freiburg verlangte eine Nachprüfung. Die Begründung: Schon zu lange sei der 34-Jährige nicht mehr im Schuldienst. «Da wurde ich sauer. Denn das Staatsexamen hatte ich ja schon», erinnert sich Hitzfeld.

Deutsche Behörden verärgerten ihn

So richtig fängt für den Erfolgscoach das Leben aber erst in dieser Woche an, zumindest wenn man Udo Jürgens Glauben schenkt: Letzten Montag ist Hitzfeld 66 Jahre alt geworden. Am Nachmittag plauderte er mit dem deutschen Bundestrainer Jogi Löw über die Herausforderungen dessen Mannschaft nach dem WM-Gewinn, abends überreichte er ihm in Zürich die Fifa-Auszeichnung für den «Trainer des Jahres», eine Trophäe die Hitzfeld in seiner Laufbahn zwei Mal gewann. Tags darauf trat er am Alpensymposium in Interlaken auf, wo handelszeitung.ch ihn zum Interview traf.

Der Erfolgscoach ist gut gelaunt, hält die Tür zum Interviewzimmer auf. Der Blick geht zurück. Wie also ging es weiter, als die deutschen Behörden eine Nachprüfung verlangten? Der Lörracher entschied sich kurzerhand, ein Angebot des SC Zug anzunehmen und in der zweiten Schweizer Liga als Trainer anzufangen. «Ein Glücksfall», wie Hitzfeld sagt.

«Ich gab mir damals fünf Jahre Zeit als Trainer»

Der Fussballstil sei aggressiv gewesen, das Auftreten seines Teams dominant – mit Pressing, hoch stehender Abwehr und Mut zum Risiko. Herzinfarktfussball, sagt Hitzfeld. Ein Widerspruch zu seiner zuletzt oft als eher defensiv wahrgenommenen Spielweise? «Damals gab ich mir  fünf Jahre Zeit als Trainer – um zu sehen, wie gut ich bin. Habe ich Erfolg oder nicht?»

Die Rest ist Geschichte: Gleich im ersten Jahr stieg der SC Zug in die höchste Schweizer Spielklasse auf. Später gewann Hitzfeld mit den Grasshoppers unter anderem zweimal die Schweizer Meisterschaft. Nach seinem Wechsel in die Bundesliga folgten viele weitere Titel. 1997 siegte er mit Borussia Dortmund in der Champions League, vier Jahre später mit Bayern München. Den begehrtesten europäischen Pokal mit zwei verschiedenen Mannschaften zu holen, gelang zuvor nur dem Österreicher Ernst Happel.

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Hitzfeld hat in England und Holland abgekupfert

Wie schwer war der Karrierestart als Coach für Hitzfeld, der es als Spieler nicht in die Weltspitze schaffte? Die Trainerscheine machte Hitzfeld parallel als Spieler. Und so manche Übungseinheit bereitete er anfangs drei, vier Stunden vor, erzählt er. Hitzfeld – als Trainer ein Autodidakt. Viel habe er sich beim holländischen Fussball abgeschaut, bei Erfolgstrainern wie Rinus Michels. Auch beim englischen Fussball, wo bereits mit einer Viererkette in der Abwehr gespielt wurde. «Das Konzept habe ich in der Schweiz eingeführt», sagt Hitzfeld. Jahre später spielte man in der Bundesliga noch immer mit Libero.

Das Drumherum hat sich seitdem noch viel stärker gewandelt. Die heutige Spielergeneration werde stark hofiert, sagt Hitzfeld. Doch das Rad könne man bekanntlich nicht zurückdrehen: «Das Fussballgeschäft boomt, die Vereine bekommen sehr viel Geld durch die Liga, das Marketing, das Sponsoring.» Die bezahlten Gehälter steigen stetig. Und solange die Clubverantwortlichen keine Schulden machen, seien hohe Gehälter legitim.

«Erfolg muss wachsen und eine Mannschaft zusammenpassen»

«Verwerflich sind die Vereine, die hohe Schulden machen und Spieler verpflichten, die sie sich eigentlich nicht leisten können», sagt er. Im Rahmen des sogenannten Financial Fairplay hat die Uefa deshalb vor allem die spanische, italienische und englische Liga im Visier. Doch überall im bezahlten Fussball sehe man das Phänomen, dass Vereine über ihre Verhältnisse lebten, so Hitzfeld. Vor allem dann, wenn Clubverantwortliche glaubten, dass Investitionen in neue Spieler reichen, um Erfolg zu haben. «Aber meistens ist das eine Sackgasse. Denn Erfolg muss wachsen und eine Mannschaft zusammenpassen.»

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Und was hält Hitzfeld von den Oligarchen und Scheichs, die ins Fussballgeschäft drängen? Diese forcierten freilich die Transfersummen, «was nicht unbedingt gesund ist», so Hitzfeld. «Deshalb hoffe ich, dass das Financial Fairplay der Uefa mehr Wirkung zeigen wird.»

Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Gesprächs mit Ottmar Hitzfeld, in dem es um seine Finanzen geht: «Habe Aktienbooms erlebt – und Crashs».