Sie werden von den Medien als «Grossmeister der Kleinigkeiten», als «Gladbachs Glücksfall» beschrieben. Wie charakterisieren Sie sich selbst?
Lucien Favre*: Als ich zu Borussia kam, war es eine sehr schwierige Phase für den Verein, denn Gladbach war in Abstiegsgefahr. Gemeinsam haben wir es geschafft, die Mannschaft zu retten. Es war fast wie ein Titelgewinn, weil wieder Euphorie geherrscht hat. Und nach einer fantastischen Saison haben wir dann den vierten Platz erreicht. Nur leider folgte darauf wieder ein Aufbruch, weil wichtige Spieler gegangen sind. Noch heute ist es deswegen unser Ziel, die Mannschaft zu stabilisieren und peu à peu die nächsten Schritte nach oben zu machen.

Wie haben sich die Führungsaufgaben eines Fussballtrainers verändert?
Als Trainer arbeitet man heute ganz anders als in der Vergangenheit. Heute muss ein Trainer viel mehr  verschiedene Dinge beherrschen, bei den Trainingseinheiten angefangen. Es ist wichtig, sich als Trainer kontinuierlich zu entwickeln. Ich muss immer offen sein, Schritte nach vorne zu machen und Neues zu lernen – und wenn es zwei, drei Mal die Woche ist. Das gilt meiner Meinung nach für jede Branche, besonders merke ich diesen Lerndruck beim Thema Kommunikation. 

Inwiefern?
Du musst mit den Medien kommunizieren, mit deinem Vorstand, mit deinem Sportchef, mit dem Pressesprecher, mit dem Deutschen Fussball-Bund, mit dem Schiedsrichter, mit Fans. Das ist Teil eines Trainerjobs. Dann ist natürlich auch die Kommunikation mit meinen Spielern sehr wichtig, bei Trainingseinheiten oder beim Vorbereiten von Spielen. Ich bin immer offen zu diskutieren. Deswegen tausche ich mich auch mit den anderen Abteilungen des Vereins, also mit den Nachwuchstrainern, mit der medizinischen Abteilung und der Vereinsführung sehr viel aus, weil es wichtig ist, auch die Ideen der anderen zu hören. Das macht Teams besser. Alleine kommt man nicht weit.

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In Interviews sagten Sie, wie schwer Ihnen die Kommunikation mit Spielern gefallen ist. Was haben Sie in dieser Hinsicht gelernt?
Tatsächlich ist es heute wichtiger, auf einzelne Spieler zuzugehen, neben Mannschaftsgesprächen natürlich. Für mich ist es sehr wichtig, zu spüren, wie viel Aufmerksamkeit ein Spieler braucht, ob ich 3 Minuten mit ihm sprechen muss oder 30. Gute Kommunikation ist ganz entscheidend, damit eine positive Stimmung bleibt, selbst wenn es manchmal nötig ist, Fehler oder Schwierigkeiten anzusprechen. Ich möchte immer ehrlich sein.

Wie wichtig ist es, dass ein erfolgreicher Trainer selbst einmal Spieler war, um seine Spieler zu verstehen?
Ich habe 1976 in Lausanne angefangen, und das hat für mich als Trainer heute einen grossen Wert. Trotzdem sind viele Trainer auch gut, wenn sie vorher keine Fussballkarriere eingeschlagen haben. Für mich aber ist es von Vorteil, dass ich selbst gespielt habe, weil ich mit jedem Trainer, den ich gehabt habe, wieder etwas Neues lernen konnte, und zwar überall, egal, ob als junger Spieler in der Schweiz oder während  meiner weiteren Stationen. Trotzdem habe ich nie geplant, selbst Trainer zu werden, weil es nicht selbstverständlich ist, dass ein Spieler nach 14 Jahren als Profi noch eine solche Karriere machen kann.

Andere Klubs haben mehr Geld zur Verfügung als Borussia Mönchengladbach.
Im Hinblick auf den Etat stehen wir auf Platz zehn oder elf in der Bundesliga. Wir waren an einem Spieler von Wolfsburg interessiert, Kevin de Bruyne, den wir gerne für sechs Monate ausgeliehen hätten. Dann aber ist Wolfsburg mit vielen, vielen Millionen Euro dazwischengekommen – und wir hatten keine Chance mehr. Wenn man sich jedoch anschaut, wo Traditionsvereine wie Hamburg und Stuttgart heute stehen, dann spielt das Geld zwar eine Rolle, aber nicht die wichtigste. Details entscheiden. In der Bundesliga liegen alle Vereine sehr eng beieinander, das stellen wir jedes Wochenende fest.

Was empfinden Sie eigentlich, wenn Sie gegen Ihren alten Verein FC Zürich auf den Platz gehen?
Es ist immer speziell. Sie haben eine gute Mannschaft. Die vier Jahre in Zürich waren fantastisch, auch wenn es am Anfang schwierig gewesen ist. Aber wir haben eine gute Mannschaft  aufgebaut und am Ende Erfolg gehabt mit zwei Meistertiteln und dem Pokalsieg. Und die Fans in der Südkurve – das werde ich nie vergessen.

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*Der im Kanton Waadt geborene Favre blickt auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Fussballspieler zurück. Der 24-fache Schweizer Nationalspieler kickte während seiner Laufbahn unter anderem bei Neuchâtel Xamax, bei FC Toulouse und bei Servette Genf. 1991 startete Favre seine Trainerkarriere beim FC Echallens als Trainerassistent. Mit Servette Genf gewann er 2001 den Schweizer Cup. 2003 wechselte er zum FC Zürich, wo er Cupsieger und zweimal Meister wurde. 2007 folgte der Wechsel in die Bundesliga bei Hertha BSC. 2011 verpflichtete ihn Borussia Mönchengladbach als Cheftrainer. Im März 2014 verlängerte Favre seinen Vertrag mit Borussia bis Juni 2017.

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